Wie drei 8'-Register sich ergänzen

Orlos @, Montag, 18. Mai 2026, 22:18 (vor 105 Tagen)

Obwohl ich nur nebenamtlicher Kirchenmusiker bin, hatte ich bereits mehrmals das Glück, Orgelneubauten und -umbauten planen zu dürfen, die dann auch tatsächlich genauso ausgeführt wurden. Dabei ist immer spannend, ob das, was man sich vorher überlegt hat, in der Praxis wirklich so funktioniert.
Natürlich hilft es, wenn man ganz viele Orgeln gespielt und ausprobiert hat.
Aktuell wird meine neue Dienstorgel in Eltville eingebaut, von den 53 Registern ist etwa ein Drittel an seinem Ort und intoniert. Man hat mir auch hier im Forum vorgeworfen, es sei verwegen, auf altes Material zurückzugreifen ("altes Zeug"). Tatsächlich haben wir tolle Register aus England, aber auch aus Süddeutschland günstig erworben. Faszinierend ist, dass nicht nur diese "zusammengestoppelten" Register wunderbar harmonieren, sondern dass auch die Register der vormaligen Eltviller Orgel (Pfeifen von 1869, 1934, 1953 und 1962) jetzt viel besser klingen als vorher. Das liegt am höheren Winddruck und einer besseren Position der Windladen – und natürlich am Intonateur!
Lange Überlegungen verwendete ich darauf, wie die 8'-Lage optimal zu bestücken sei.
Als Negativbeispiel diente mir eine Orgel von Förster&Nicolaus aus dem Jahr 1981, auf der ich seit 17 Jahren regelmäßig spiele. Im Hauptwerk gibt es dort drei labiale 8'-Register: Principal 8', Gemshorn 8' und Gedackt 8'. Sehr schön klingt das streichende Gemshorn (zum Teil alte Pfeifen). Will man es etwas lauter haben, zieht man das Gedackt dazu. Das Gedackt habe ich 17 Jahren noch nie alleine gezogen, es klingt absolut farb- und charakterlos. Zieht man nun den Principal auch noch dazu, sind die anderen beiden Register nicht mehr zu hören; es macht tatsächlich keinen Unterschied, ob sie mitklingen oder nicht.
Ganz anders erlebe ich es an Orgeln in der Region aus dem (späten) 19. Jahrhundert. Hier hat man in der Regel auch drei 8'-Register im Hauptwerk: einen Principal, eine Gambe und eine Flöte. Der Principal klingt eher hornartig, aber nicht zu füllig. Zieht man die Flöte hinzu, die auch alleine eine schöne solistische Farbe besitzt, wird der Principal deutlich runder und wärmer, auch dunkler. Zieht man stattdessen die Gambe dazu, die alleine gar nicht so laut sein muss, wird der Principal auffällig heller, farbiger und präsenter. Jedes Register gibt dem anderen eine zusätzliche Farbe; lässt man ein Register weg, "fehlt" eine Komponente.
In Eltville habe ich mich dazu entschlossen, das Schwellwerk dunkler und romantischer als das Hauptwerk anzulegen. Das Keraulophon ist ein Hornprincipal, nicht hell, eher "neutral". Der Salicional geht in Richtung Gambe, durchaus kräftig, aber nicht extrem "Sägezahn"-streichend. Die Hohlflöte aus England ist aus Holz; sie wird im Diskant sehr solistisch, bleibt aber dunkel und rauchig. Alle drei Register besitzen eine sehr individuelle Farbe, aber sie ergänzen sich perfekt. Jede Kombination ist interessant (wie oben beschrieben).
Im Hauptwerk klingt die Clarabella (auch aus England, ebenfalls aus Holz) deutlich heller und schlanker als die Hohlflöte im SW. Sie ist nicht so vordergründig solistisch, sondern passt sich wunderbar in den Flötenchor 16'-8'-4' ein. Die Amorosa ist ein streichendes Gemshorn; zusammen bilden die beiden Register ein herrliches Duo. Das Schwellwerk steht hinten in der Orgel. Obwohl es die stärkeren Stimmen besitzt, sind die HW-Register wegen ihrer Stellung präsenter.
Besonders gelungen ist die Vox coelestis, die deutlich zarter als der Salicional klingt. Sie gibt natürlich dem Salicional die passende Schwebung, passt aber auch prima zur Amorosa, was dann wie eine Gemshorn-Schwebung wirkt (zarter, aber etwas grundtöniger als mit dem Salicional). Man kann die Vox coelestis aber auch gut ganz alleine verwenden, dann geht der Klang in Richtung Aeoline.
Faszinierende Möglichkeiten ergeben sich durch die Oktavkoppeln. Wenn man etwa der Clarabella die dickere Hohlflöte eine Oktave tiefer dazugibt, ergibt das einen zugleich dicken und hellen Flötenton. Oder die Amorosa eine Oktave höher als der Salicional zusammenkoppeln. Die Kombinationen sind immer anders.
Da die Eltviller Orgel langsam aufgebaut wird, nur wenige Register pro Woche dazukommen, ergibt sich für mich (und die Gemeinde) an jedem Sonntag ein kleiner "Weihnachtsmoment": Was ist nun wieder dazugekommen?
Das hat auch den psychologischen Effekt, dass die Gemeinde von der neuen Orgel nicht erschlagen wird. Sie ist längst viel kräftiger als unsere Ersatzorgel, die nun acht Jahre (!) mein Dienstinstrument in dieser Kirche war.
Nach dem langen Warten und Bangen, ob alles gut klappen wird, kann man mich derzeit als glücklichen Organisten erleben. Und zwei Drittel kommen ja noch...

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Wie drei 8'-Register sich ergänzen

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 18. Mai 2026, 23:27 (vor 105 Tagen) @ Orlos

Sehr schön!

Ich habe diese Effekte, dass sich einerseits drei 8'-Register vielfältig kombinieren und gut hören lassen, andererseits drei ähnliche wenig Beziehung eingehen, schon innerhalb derselben Orgel.
Ich muss zugeben, dass ich nicht genau sagen kann, wieso das so ist, elche technischen Gründe es hat.

Im SW (IV) sind P 8, Hhfl 8, Sal 8 und G 8 von der Art, die vielfältige Kombinationen bilden können.
Im HW (II) gibt es P 8, Hzfl 8 umd Gh 8. P und Gh ergibt eigentlich nichts Neues, Hzfl macht P ein klein wenig runder, das Gh addiert zur Hzfl nur sehr wenig Helligkeit.
Im OW (III) gibt es P 8, Spfl 8 und G 8. Spfl 8 verändert G 8 kaum, und sobald P 8 dabei ist, können auch in diesem Fall Spfl oder G auch einfach weg... Das wäre ein Werk, das die Aequalverbot-Regel begründen könnte.
Auf jeden Fall ist das Gedackt schon relativ eng und bringt wohl deswegen den beinden anderen nichts Neues.

Eng gestellt sind alle drei Werke, das wäre nicht der Grund. Eher: Das SW hat ganz überwiegend Pfeifen von 1907, die beiden anderen Werke sind überwiegend 1938.

Wie drei 8'-Register sich ergänzen

Friedrich @, Dienstag, 19. Mai 2026, 10:28 (vor 105 Tagen) @ Orlos

Danke, ich finde das sehr interessant! Auch, weil Du schilderst, wie aus den Pfeifen plötzlich mehr Musik rauskommt, wenn man ihnen Wind und Platz einräumt.

Der Klassiker zum Thema -- vermutlich kennst Du ihn? -- und in meinen Augen ein Grundlagentext ist natürlich Stephen Bicknells Aufsatz über Cavaillé-Colls Four Fonds. Für mich wurde es über die Jahre immer unsinniger, die 8'-Besetzung als Hierarchie zu begreifen, in der das Prinzipal der Boss sein soll. Gemshörner finde ich toll, wenn sie ihre Rolle voll ausspielen -- mit Strich im Bass und zunehmend blockflötig im Diskant -- und eben nicht neutrale Begleiter sind, als die manche sie sich vorzustellen scheinen. Dann sind sie aber einfach nur blass. Als Dritte im Bunde finde ich sie, wenn gut gemacht, eine echte Alternative zum Streicher, auch weil sie nicht so schnell näseln.

Im Bonner Münster habe ich zum ersten Mal erlebt, wie ein gutes Gemshorn und eine Rohrflöte zusammen eine Art Flûte harmonique ergeben können, mit Zeichnung in der Tiefe und einem Aufblühen im Diskant. Das Schuke-Gemshorn in der Freiburger Pauluskirche, jetzt in der Friedenskirche am Musikhochschulcampus, ist auch ein musikalisch schönes Register, das sehr fein mit den Vierfüßen zusammenspielt, dem breiten Schuke-Prinzipal aber wenig zu sagen hat -- da müssen schon die beiden übrigen Achtfüße aus dem Oberwerk dazukommen, dann hat selbst diese Orgel von 1976 einigen Bauch. Überhaupt macht sie großen Spaß.

Wie drei 8'-Register sich ergänzen

Orlos @, Dienstag, 19. Mai 2026, 21:39 (vor 104 Tagen) @ Friedrich

Das Schuke-Gemshorn in der Freiburger Pauluskirche, jetzt in der Friedenskirche am Musikhochschulcampus, ist auch ein musikalisch schönes Register, das sehr fein mit den Vierfüßen zusammenspielt, dem breiten Schuke-Prinzipal aber wenig zu sagen hat -- da müssen schon die beiden übrigen Achtfüße aus dem Oberwerk dazukommen, dann hat selbst diese Orgel von 1976 einigen Bauch. Überhaupt macht sie großen Spaß.

Diese Orgel kenne ich nicht. Aus der Ferne: Wäre ich dort Kirchenmusiker, hätte ich wohl beim Umzug den Terzcymbel geopfert und stattdessen eine Unda maris eingebaut. Wenn das Oberwerk schon schwellbar ist... Die hätte dann auch mit dem Gemshorn schön schweben können. Aber ich bin eben katholisch, da braucht man so etwas.

Wie drei 8'-Register sich ergänzen

HARP64, Dienstag, 19. Mai 2026, 23:23 (vor 104 Tagen) @ Orlos

Diese Orgel kenne ich nicht. Aus der Ferne: Wäre ich dort Kirchenmusiker, hätte ich wohl beim Umzug den Terzcymbel geopfert und stattdessen eine Unda maris eingebaut. Wenn das Oberwerk schon schwellbar ist... Die hätte dann auch mit dem Gemshorn schön schweben können. Aber ich bin eben katholisch, da braucht man so etwas.

Das erhebt in mir eine uralte Frage, warum eine Schwebung bei Katholens notwendig sein soll - und damit auch die Gegenfrage, ob sie bei Protestantens nicht notwendig sei.
An der breiten Literatur kann es nicht liegen, die Schwebung wird überall gern gehört.
Oder ist die Schwebung ein „heiliges“ Register, was tatsächlich wenig evangelisch wäre? ;-)

Und überhaupt, eine Terzcymbel kann - richtig intoniert - ein ganz nützliches Register sein…
meint relativ ernst
HARP

Wie drei 8'-Register sich ergänzen

Friedrich @, Mittwoch, 20. Mai 2026, 00:01 (vor 104 Tagen) @ HARP64

Das erhebt in mir eine uralte Frage, warum eine Schwebung bei Katholens notwendig sein soll - und damit auch die Gegenfrage, ob sie bei Protestantens nicht notwendig sei.
An der breiten Literatur kann es nicht liegen, die Schwebung wird überall gern gehört.
Oder ist die Schwebung ein „heiliges“ Register, was tatsächlich wenig evangelisch wäre? ;-)

Und überhaupt, eine Terzcymbel kann - richtig intoniert - ein ganz nützliches Register sein…
meint relativ ernst

Das liegt doch auf der Hand. Protestanten sind doch von jeher auf geradezu kitschige Weise unsentimental. Und Schwebungen sind SENTIMENTAL! GEFÜHLIG! TRÜBEN DEN UNBESTECHLICH EXEGETISCHEN BEFFCHENVERSTAND! WERDEN VON DEN WELSCHEN DISPONIERT! SIND ZINNENER WEIHRAUCH UND DAMIT HOKUSPOKUS!

Wie drei 8'-Register sich ergänzen

Orlos @, Mittwoch, 20. Mai 2026, 00:27 (vor 104 Tagen) @ Friedrich

Einige Jahre war ich bei der Evangelischen Kirche angestellt. Ich habe das sehr genossen, in den beiden Gemeinden hatte Kirchenmusik einen höheren Stellenwert als in den katholischen, bei den ich beschäftigt bin. Ich erlebte als Kirchenmusiker eine höhere Wertschätzung, fühlte mich stärker als Teil der theologischen Verkündigung.
Es gab/gibt aber Gottesdienste, die mir persönlich in diesen beiden Gemeinden zu spröde waren, das waren etwa der Heilige Abend, die Osternacht - und das Thema Trauung.
Als ich dann in Eltville anfing, das immer noch "gut katholisch" ist, fühlte ich mich liturgisch und emotional wieder stärker zuhause, hatte aber eine extrem "evangelische" Orgel: kein einziger Streicher, kein Schwellwerk, keine romantischen Soloregister. Dabei gibt es im katholischen Gottesdienst ständig Stellen, die von der Orgel gefüllt werden können, natürlich mit Improvisationen. Oft passiert es, dass "vorne" (am Altar) etwas länger dauert, der Organist "überbrückt" dann. Und je nach Stimmung sollte das auch zart und "mystisch" geschehen. Ja, man kann das alles als unkünstlerisch abtun, aber: Die Gemeinde möchte durchaus etwas "für's Herz" haben. Und so ganz falsch scheine ich nicht damit zu liegen, immerhin wurde ja für die neue Orgel großzügig gespendet. Seit Kurzem erklingt zum ersten Mal eine Schwebung in Eltville, so etwas gab es hier noch nie. Und ja: Der Gemeinde gefällt sie sehr gut!
(Zum Trost: Die neue Orgel wird so groß, dass auch Septime und None sowie zwei Cymbel-artige Register Platz finden. Man kann also auch "evangelisch" spielen, worauf ich mich durchaus freue.)

Flöte+Gambe=Prinzipal? - Wie drei 8'-Register sich ergänzen

Orlos @, Dienstag, 19. Mai 2026, 21:59 (vor 104 Tagen) @ Friedrich

Der Klassiker zum Thema -- vermutlich kennst Du ihn? -- und in meinen Augen ein Grundlagentext ist natürlich Stephen Bicknells Aufsatz über Cavaillé-Colls Four Fonds. Für mich wurde es über die Jahre immer unsinniger, die 8'-Besetzung als Hierarchie zu begreifen, in der das Prinzipal der Boss sein soll.

Vielen Dank für den Link, ich meine, das schon einmal gelesen zu haben.
Die "Theorie", dass Flöte und Gambe zusammen einen Prinzipal geben, habe ich schon häufiger gehört. Man hat mir das auch über Orgeln in Deutschland (z. B. diese im Schwellwerk) erzählt – als ich es mir vor Ort anhörte, war ich nicht überzeugt.
In Eltville hatten wir ursprünglich auch nur Hohlflöte und Salicional 8' (und Vox coelestis) im Schwellwerk vorgesehen; ich war sehr glücklich, als der Orgelbauer meinte, doch noch einen Principal 8' unterbringen zu können. Er ist in vielen Situationen brauchbar und gibt den anderen beiden Registern (wie beschrieben) mit seinem "Hornklang" noch eine wichtige zusätzliche dritte Dimension und stellt dem ganzen Werk eine profunde Basis zur Verfügung. Ganz nebenbei klingt er auch solistisch schön, wie eine Art Echo-Principal.
Wir werden am Ende drei unterschiedliche Principale 8' in den verschiedenen Manualen haben, das ist schon ein ziemlicher Luxus – und zeigt, wie sich die Dispositionsprinzipien in den letzten Jahrzehnten verändert bzw. zurückentwickelt haben.

Flöte+Gambe=Prinzipal? - Wie drei 8'-Register sich ergänzen

Friedrich @, Dienstag, 19. Mai 2026, 23:02 (vor 104 Tagen) @ Orlos

Was die Mischung von Gambe und Flöte angeht, denke ich auch: Es kommt sehr drauf an. Eine Gambe mit einem Gedeckt zusammen klingt in meinen Ohren oft zu nasal (also zu viel 2 2/3'), um als Prinzipalersatz gelten zu können -- eher als selten verstimmendes Rohrwerk. Die Kombination mit einer offenen Flöte kommt da schon eher mal hin, aber wo es so ein teures und raumgreifendes Register gibt, braucht man eigentlich nicht zu sparen. Allerdings gebe ich Bicknell einen großen Vertrauensvorschuss, denn er wusste in der Regel sehr genau, wovon er schreibt. Ein C-C-Bourdon im Grand Orgue ist ja auch kein quintiger Bleistift, der bringt ja schon Dunkelheit und Rundung mit.

8'-Kombinationen klingen außerdem immer etwas träger als "the real thing" -- ein klares Prinzipal mit lockerer Ansprache und schönem A-Formant, singend mit deutlichem zweitem Teilton und lieber ohne Expressionen, und das in einem guten, nicht zu kleinen Raum, da kommt für mich keine Mische ran. Insofern: Glückwunsch zu den drei Brüdern in Eltville.

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