Kilianskirche Heilbronn
Anfang Februar durfte ich in der Heilbronner Kilianskirche spielen. Zuvorderst sei die sehr herzliche Betreuung durch Kantor Stephan Skobowsky dankend erwähnt.
Ich sagte gerne zu, weil ein Blick auf die Orgelbeschreibung mir aus der Ferne ein Instrument zeigte, das als Walcker-Orgel von 1959 möglicherweise zu den weniger geschätzten gehören könnte und bei dem ein Umbau angedacht ist. Das wäre ja ähnlich "wie zuhause". Ich hatte Sorge, ob die Orgel denn im Konzert auch noch weitgehend nutzbar wäre, denn die Informationen zum Umbauprojekt benannten schon Ausfälle. Nun, letztlich fehten nur zwei Register (defekte Schleifenzugmagnete). Die mechanischen Probleme waren fühlbar, aber nicht essentiell. Meine Vermutung, dass im Flyer zu den Mängeln etwas übetrtrieben wurde, bestätigte sich zum Glück.
Eine Stuttgarter Organistin bereitete eine Marktmusik vor, so konnte ich das Instrument noch vor dem eigenen Spiel hören und war angenehm überrascht: Es gab nichts Schreiendes, ich fand den Klang aber auch nicht substanzlos. Angenehme Plena, aber auch Duruflés Veni creator klang gut. Dass man in der Kirche über der Voix celeste dann schon die Tastengräusche hörte, zeigte aber bereits den eher zarten Grundpegel der Orgel und auch den technischen Verschleiß. Die Akustik ist insgesamt angenehm. Später betonte Skobowsky, dass der Raum ja akustisch zweiteilig ist: der große, hohe Chor nimmt viel Klang der Hauptorgel auf bzw. weg, ergänzt allerdings auch Nachhall. Die kleine Rensch-Chororgel hörte ich im Mittagsgebet im Chorraum, jedenfalls den 8'-Prinzipal des Hauptwerks (eine alte Dame begleitete zwei Gesänge manualiter). Angenehm füllig, und es wurde spürbar, dass einerseits eine Chororgel hier wirklich erforderlich und sinnvoll ist, andererseits diese als angedachte Verlängerung der Hauptorgel auch für die Hörposition im Langhaus sehr vorteilhaft sein würde, ähnlich wie z. B. in Nürnberg St. Lorenz.
Hier erste Bilder – die Totale ist bei organindex (Vorschaubild) schöner als ich es ohne weiteres Licht mit meinem nicht foto-akzentuierten Handy hätte einfangen können. Der Spieltisch ist auf OI im Rahmen der eingebundenen Videos (die wiederum den Klang nur eingeschränkt wiedergeben können) zu sehen.
Die Kirche von der Straßenseite (Norden) in ihrem etwas ernüchternden Umfeld:
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Blick nach vorn zum kostbaren Altar - von hier ist die im Verhältnis große Weite des Chores noch nicht wahrnehmbar:
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Diese Perspektive zeigt den eher gedrungenen Charakter des Langhauses:
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Die Asymmetrie von Empore und Orgelgehäuse (siehe OI-Bild) ist durchaus interessant, hier erkennt man die räumliche Position des Rückpositivs...
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...und hier der Blick durchs Südschiff nach vorn, da wird der scheinbar zu große Chor erkennbar.
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Der geplante Umbau wird auf der Empore zu einem technischen Neubau führen. Die Chororgel wird ein wenig von der Wand abgerückt, in den entstehenden Raum kommt ein Auxiliar mit Auszugsreihen, ein Fern- bzw. Generalspieltisch wird angefertigt. Die Anzahl der Auszugsreihen kann ich nicht mehr benennen, ich fand sie eher gering (drei? Bin aber unsicher). Die Arbeiten werden gemeinsam von der Firma Rensch und der Firma Lenter durchgeführt. Lenter hat die HO bereits 2002 überarbeitet und dispositionell verändert, Rensch die CO gebaut. Die Zusammenarbeit hat auch organisatorische Gründe: Der Hauptspender für das Projekt ist dem Vernehmen nach bereits hochbetagt, so dass man eine lange Wartezeit vermeiden wollte. Wenn ich es richtig verstand, soll an der HO-Disposition und dem Pfeifenbestand im Prinzip nichts oder nur (mehr) sehr wenig verändert werden.
Blick von vorne zur HO mit der CO links im Bild - das die Akustik prägende Verhältnis von Chorraum und Langhaus wird verständlich:
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Weitere Bilder der CO:
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NB: Bei dieser Orgel konnte das Brustwerk samt Spielanlage herausgefahren werden und als Continuo-Instrument dienen. Dies wurde wohl nur äußerst selten genutzt, auch, weil nach Baubeginn der CO noch zusätzliche Stufen in den Altarraum kamen, mithin die Verfahrfläche sich deutlich reduzierte.
Inzwischen eine Rarität: Geflammte Kupferpfeifen - unten wohl das Pedal-Gemshorn, oben der Prästant.
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Mir hat im Prinzip die ganze Orgel gut gefallen. Das Rückpositiv ist sehr transparent und angenehm zu spielen. Die Architektur der Orgel relativiert dessen übliche Dominanz, es tritt nicht so sehr hervor wie andernorts. Der RP-Prinzipal mit leichten Ansprachegeräuschen lässt eine delikate Wiedergabe älterer Musik, oder anders gesagt, eine gute Reproduktion artikulatorischer Details zu. Das macht wirklich Freude. (Ich muss zugeben, mich nicht mehr zu erinnern, ob ich am 8' oder am 4' Prinzipal diese Freude besonders erlebte. Ich habe das RP auch nicht geöffnet, um das Rätsel der Unterbringung zu klären. Der Prospekt kann nur 4' sein, der 8' ist vermutlich nicht voll ausgebaut oder oder...)
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Hie sieht man schon, dass es eher schlank und zart klingen wird...
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Nun kenne ich ja nicht die Register, die zugunsten eher romantisierenden Materials (teilweise wohl historischer Lagerbestand von Lenter) ausgeschieden wurden. Die neue Trompette des SW wurde mir empfohlen, ich blieb aber eher bei den älteren "deutschen" Registern - ich bin nicht so sehr für das Schmetternde. Die mechanischen Koppeln kommen natürlich mit Rumms bei der Einschaltung, aber die Spielbarkeit ist gut. Anders als in Dortmund Reinoldi konnte ich auch keinen wirklichen Versatz zwischen mechanischen und elektrischen Öffnungs- bzw. Schaltpunkten hören. Allerdings ist es bei der Sub- und Superkoppel im III. Manual so, dass aufgrund des fehlenden Ventil-Widerstandes beim Greifen einer Taste im jeweiligen Oktavabstand fast schon Blickkontakt zur Auslösung genügt – unsauber herumhängende Finger erzeugen dann auch bereits einen Ton in der Oktavkoppel. Demnach liegt der Schaltpunkt sehr früh. Ich nutzte für eine Buxtehude-Fuge, die ich als düsteres Crescendo anlegte, die Suboktavkoppel incl. dem sanften 16'-Bordun. Das ergab sozusagen Schweriner Verhältnisse mit Manual-32' und kam sehr gut.
Die neu eingebrachten (neu gefertigten?) Streicher haben teilweise sehr viel Strich – na klar. Damit sind sie im Konzept eigentlich fremd, aber die Farbe ist somit nun mal vorhanden und kreativ nutzbar. So wurde die HW-Gamba als Solostimme in Franz Schmidts "O wie selig seid ihr doch, ihr Frommen" verwendet, nachdem mich die 8'-Vorschrift im Stück von einer zunächst geplanten anderen Registrierung wieder abbrachte.
Das Konzert bestand zu 55% aus Improvisation, da mag das Urteil über eine Orgel natürlich gnädiger ausfallen. Ich nutzte den 32' relativ viel, da er ziemlich still (nach Skobowsky praktisch unhörbar) ist, er steht seitlich des Hauptgehäuses. Rechts und links nahe dem Spielschrank gibt es eine elektrisch gesteuerte 16'-8'-Reihe für Violonbass/Cello im Pedal. Das ist in Spielerposition nicht so günstig anzuhören, aber eine sinnvolle Zutat. Aber auch die Prospektprinzipale gefielen mir gut – einzelne Töne in der großen Oktav des HW funktionieren allerdings nicht mehr. Im Pedal muss man aber doch sauber, also nicht zu langsam, anschlagen, denn hier sind die elektrischen Schaltpunkte und der mechanische Ventil-Druckpunkt doch etwas voneinander entfernt (die Streicherreihe kommt sonst früher als der Rest). Gleichzeitig darf man wiederum zwei, drei bestimmte Tasten nicht zu fest treten, weil sie sonst das RP abziehen (da ist im Koppelapparat wohl irgendwas zu eng beeieinander...). Mit ausreichend Einspielzeit kann man sich auf beides einstellen, Derartiges wird im Umbau ohnehin verschwinden.
Die Violon-Auszugsreihe:
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Vor Ort wird der Klang der Orgel geschätzt, jedenfalls derjenige seit 2002. Aber etwas Fülle wird doch vermisst. Die Mechanik ist aus Spieler-Sicht gut (RP) bis in Ordnung, aber es klappert schon und sie könnte wohl besser gelegt werden. Das wird wohl auch ein Punkt im Umbau sein.
Wie gesagt, ich weiß nicht, wie die Umgestaltung von 2002 zu bewerten ist. Das vorfindliche Resultat ist aber ein sehr vielseitiges Instrument, dessen Qualitäten durch den Umbau weiter zunehmen werden, da bin ich sicher, gerade auch durch den Chororgel- bzw. Auxiliar-Anschluss. (Ich verstand es jedenfalls so, dass auch die CO angeschlossen wird, nicht nur das dahinter aufzustellende Auxiliar).
Allgemein beeindruckte mich, dass die Kirche so "selbstverständlich" in der Mitte der Stadt liegt und als Mittelpunkt gefühlt wird. Je nach kulturellem Hintergrund lehnten an jenem ersten warmen Wochenende viele Jugendliche nur am gebäude oder saßen auf den Treppen, andere gingen auch für einen Moment hinein. Das ist auch deshalb attraktiv, weil die Kirche (noch) durchgängig leicht beheizt ist. Meine eigene Kirche ist weder beheizt noch kostenlos betretbar (jedenfalls nicht vollständig), so dass ich diese traditionelle, natürliche Zugänglichkeit des relativ geschmackvoll nach schwerster Zerstörung wieder errichteten Bauwerkes als sehr angenehm empfand. Ich wünsche dem Projekt viel Erfolg.
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