Debattenbeitrag zum Thema "Lobpreismusik"

Wolfgang Gourgé @, Mittwoch, 17. Dezember 2025, 00:08 (vor 306 Tagen) @ Bariolage
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Mittwoch, 17. Dezember 2025, 04:02

Bei den meisten pop-affinen Hörer*innen aus dem kirchenfernen Milieu dürfte Lobpreismusik daher eher an gefälligen Teenie-Pop als an wirklich innovative Popmusik erinnern.


Innovative Popmusik gab es immer (oder auch nie!) - nur halt nicht kritisch. War sie kritisch, kannte sie keiner (keine Regel ohne Ausnahmen). Heute findet man sie auf Bayern 2 - das hört aber keiner.

....nie Danzer, Ambros, Fendrich, Hirsch gehört? Leider leben Danzer und Hirsch nicht mehr, aber alle Genannten sind der Beweis, dass es schon "kritisch" geht. Große Musiker waren/sind sie auch. Nicht zu vergessen Udo Jürgens' "Ehrenwertes Haus", großes Kino, und das ganz ohne erhobenen Zeigefinger. Pop muss nicht prinzipiell dumm und flach sein. Er kann auch die "großen" Dinge der Menschheit thematisieren, der verlinkte Titel von Ludwig Hirsch zeigt das besonders deutlich - aber er tut es mit popspezifischen Mitteln. *Deshalb* ist er imo keine Kirchenmusik.

Im Zentrum steht die (theologische wie ästhetische) Sehnsucht nach Eindeutigkeit: nach klaren Antworten, eindeutigen Gotteserfahrungen und alternativlosen Theologien.


Das ist die katholische Kirche seit Jahrtausenden. So what?

...nein. Nicht, dass es da keine eindeutigen Aussagen gäbe. Aber in der Praxis ist zwischen der katholischen Kirche und dem eindimensional doktrinär-intoleranten, gehässigen und mindestens teilweise offen faschistoiden Glaubensverständnis, wie es z.B. für amerikanische evangelikale Freikirchen kennzeichnend ist, ein ziemlich großer Unterschied. Oder tritt der gegenwärtige Papst für die Todesstrafe und die freie Verfügbarkeit von Schusswaffen ein? - Eine komplexe, schwierige Welt mit ihren Widersprüchen lässt sich nicht auf einfache Lösungen herunterbrechen.

Wenig überraschend ist der Kunstbegriff für Johannes Hartl daher nicht primär mit Vieldeutigkeit, sondern mit „Schönheit“ und „Wahrheit“ verknüpft.


Die Vorgeschichte der Ästhetik (vor 1750) beruht auf Schönheit und Wahrheit. Das sollte doch eine Kritik werden, auch an Johnny Hartl!?

Gott wird in diesen Gemeinschaften nicht gedacht oder erhofft, sondern erfahren. Dahinter steht wiederum das Verlangen nach Verbindlichkeit, nach Eindeutigkeit und Unmittelbarkeit.


Gott denken: machen die Theologen. Wenn Sie zuviel gedacht haben, landeten Sie auf dem Scheiterhaufen, wurden exkommuniziert oder die Lehrerlaubnis entzogen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie meine Großeltern die Gottesbeweise während des Kochens auf lateinisch diskutierten. Dazwischen gab es Marienlieder. Was ist an Unmittelbarkeit schlecht? Jeder sucht sie (bitte jetzt nicht das gesamte dialektische Fass aufmachen). Und ohne Eindeutigkeit sind wir überhaupt nicht lebensfähig, gerade auch im ästhetischen Bereich.

....Unmittelbarkeit ist dann schlecht, wenn sie das Hirn umgeht. Nachdenken, Argumentieren, Skepsis und Zweifel lassen sich nicht durch persönliche "Erweckungserlebnisse" vermeiden. Für sich selbst mag man das noch so sehen können - aber das Christentum lebt wesentlich von dem Anspruch eines humanen Miteinanders, und um das zu regeln, braucht es Rationalität und Mäßigung. Aus demselben Grund ist die "Eindeutigkeit" allenfalls eine relative Größe: es gehört zu den Widersprüchen des menschlichen Daseins, eine Norm - weltlich oder religiös - abstrakt für richtig halten zu können, gleichzeitig aber zu akzeptieren, dass die Sanktionierung des Normverstoßes bzw. dessen Beendigung im Einzelfall größeren Schaden als Nutzen anrichten kann (womöglich sogar nur Schaden ohne jeden Nutzen). Wer Verbindlichkeit, Eindeutigkeit und Unmittelbarkeit absolut setzt, rutscht in Schussfahrt in die Abgründe der Inhumanität.

Um nicht missverstanden zu werden: Es geht in keiner Weise um die Diskreditierung populärer Musik von der Warte einer vermeintlichen Hochkultur. Ganz im Gegenteil: Es geht darum, für eine Musik zu werben, die die Zuhörer*innen zu eigenen Deutungen herausfordert und ihnen so ermöglicht, in Freiheit über die existentiellen Themen des Lebens nachzudenken und sich inspirieren zu lassen. Dafür braucht es vor allem in den Kirchen Mut für neue und kreative Kunst-, Musik und Literaturprojekte. Und es braucht Menschen, die bereit sind, auch popkulturelle Kunstformen jenseits der ausgetretenen Pfade vereindeutigender Lobpreismusik zu fördern und zu ermöglichen. Das Versprechen einer solchen Kunst ist bescheiden, aber ungleich verlockender: die Erfahrung von Freiheit, in der sich ein Gott der Befreiung denken und erhoffen ließe.


Humor hat er! Zumindest die katholische Kirche ist an Kunst (inkl. Messiaen und Gregorianik), nur noch dann interessiert, wenn sie auf dem "synodalen Weg" schöne Bilder oder Sounds liefert.

....ist das Bild eines Gekreuzigten bzw. seines Wegs bis dahin "schön"?


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