Eine besondere Orgel im Herzen Deutschlands - Reubke-Orgel Niederdorla

Cmcmcm1 @, Ottobrunn, Samstag, 08. November 2025, 14:34 (vor 299 Tagen)
bearbeitet von Cmcmcm1, Samstag, 08. November 2025, 14:55

Fasst man das Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland als ein von Breiten- und Längengraden begrenztes Gebiet auf, so treffen sich die Diagonalen sowie Mittelsenkrechten des Rechteckes in einem Schnittpunkt.

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Genau dort, im Westen Thüringens, befindet sich Deutschlands mittigste Orgel - und die ist keineswegs ein gewöhnliches Instrument, sondern hat einige kuriose Besonderheiten zu bieten:


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Die für eine Dorfkirche mit III/31 äußerst stattliche Orgel wurde 1874 durch Adolf Reubke aus Hausneindorf errichtet. Das Instrument erhielt damals bereits mechanische Kegelladen mitsamt Barkermaschine. 1899 entschied sich die Gemeinde die Orgel durch die Firma Robert Knauf aus Bleicherode pneumatifizieren zu lassen. In diesem Zuge wurde durch Knauf ein neuer Spieltisch geliefert. Die Disposition von Reubke wurde allerdings nicht angetastet:

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I. Manual
Bordun 16'
Principal 8'
Hohlflöte 8'
Bordun 8'
Gambe 8'
Octave 4'
Flöte harmonique 4'
Quarte 2'
Mixtur 4f 2'
Cornett 4f 4'
Trompete 8'


II. Manual
Gedact 16'
Geigenprincipal 8'
Flöte harmonique 8'
Quintatön 8'
Salicional 8'
Octave 4'
Gemshorn 4'
Waldflöte 2'
Mixtur 3f


III. Manual (schwellbar)
Gedackt 8'
Harmonika 8'
Vox coelestis 8'
Flöte 4'
Oboe 8'


Pedal
Violon 16'
Subbaß 16'
Offenbaß 8'
Cello 8'
Gedactbass 8'
Posaune 16'

Zum Inneren Aufbau der Orgel: Das I. Manual befindet sich C-Cis geteilt hinter den seitlichen Prospektfeldern. Die Laden sind jeweils geteilt, sodass sich in der Mitte ein großzügiger Stimmgang befindet. Der Platz direkt hinter dem großen Mittelfeld ist leer!
Hinter den Hauptwerksladen ragen die großen Pfeifen des Pedals hervor. Die Pedalladen sind -ebenfalls C-Cis-geteilt im Untergehäuse aufgestellt.
Mittig hinten befindet sich der enge Schwellkasten des III. Manuals, darüber die chromatische Lade des II. Manuals, ebenfalls mit einem großzügigen Stimmgang.

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Blick auf die Vorderladen (C- und Cis-Seite des I. Manuals)
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Hintere C-Seite des I. Manuals, dahinter Pedal, erhöht II. Manual
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Vordere C-Seite des I. Manuals
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II. Manual
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Jalousien des III. Manuals hinter der Pneumatik zum II. Manual

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III. Manual
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Pedal, im Vordergrund die großzügig mensurierte Posaune 16'
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Die Besonderheit der Reubke-Orgel in Niederdorla ist, dass sämtliche Zungenregister durchschlagend ausgeführt sind - sogar die Trompete 8' des I. Manuals!

Trompete 8:
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Posaune 16' mit geöffnetem Zungenblock:
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Die Oboe 8' des schwellbaren III. Manuals ist als Harmoniumblock, ohne Becher, ähnlich einer Physharmonika ausgeführt:
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Klanglich bietet das Instrument dank der durchschlagenden Zungen einige besondere Klangfarben. Die Oboe 8' ist extrem zurückhaltend, wie eine Physharmonika aus der Ferne. Die Hauptwerks-Trompete dagegen ist äußerst präsent und obertonreich und doch klanglich so anders, als man es von einer gewöhnliche aufschlagenden Trompete 8' kennt. Die reiche Disposition mit gleich mehreren überblasenden Flöten und Streichern bietet wundervolle Soloregistrierungen und auch die Vox coelestis ist mir dort besonders schön in Erinnerung geblieben.

Und noch eine weitere Kuriosität: Der frühere Kalkant konnte zum Treten auf einem Fahrradsattel Platz nehmen:
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Nebenbei: Niederdorla ist auch noch der Herkunnftsort von Matthias Weckmann.
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Die Reubke-Orgel verfiel ab 1977 in die völlige Unspielbarkeit. Die Gottesdienste wurden fortan nur noch auf einem neobarocken Böhm-Positiv begleitet. Erst beinahe 40 Jahre später erkannte man den Schatz, der dort unangetastet auf der Empore steht und man restaurierte das Instrument aufwendig. Der aus Niederdorla stammende und in den Niederlanden lebende Konzertorganist David Schlaffke spielte 2016 eine CD ein - unter anderem mit Julius Reubkes 94. Psalm - passend an der Reubke-Orgel im Herzen der Republik.

Eine besondere Orgel im Herzen Deutschlands - Reubke-Orgel Niederdorla

Friedrich @, Samstag, 08. November 2025, 17:30 (vor 299 Tagen) @ Cmcmcm1

Die CD kenne ich, die ist sehr interessant zu hören und anständig gespielt.
Ich war neugierig auf den Plenumklang -- vielleicht erinnern sich manche an Falkenbergs AO-Artikel (tief aus dem 20. Jahrhundert, vielleicht 1985) über August Gottfried Ritter, der seine sehr große Reubke-Orgel im Magdeburger Dom so schätzte.

Frescobaldi-Fan Ritter schwärmte laut Falkenberg vom Silberglanz der Mixturen (jetzt aus dem Gedächtnis paraphrasiert). Nach der CD aus Niederdorla zu urteilen, sind die durchaus präsent, aber nicht auf die herzhaft schlagkräftige Art wie bei den Schulzes -- die müssen die unmittelbare Konkurrenz gewesen sein --, sondern tatsächlich silbrig: vergleichsweise hoch und dem Klang nach eng mensuriert, mit streicherartigem Ansatz.

Das fand ich eine überraschende Variante romantischen Mixturklangs. Sie passt gut zum Klang der durchschlagenden Posaune, dunkel, weich und präsent. Das Plenum muss sich nicht gegen das Prasseln einer aufschlagenden Zunge durchsetzen.

Eine besondere Orgel im Herzen Deutschlands - Reubke-Orgel Niederdorla

fluteceleste @, Samstag, 08. November 2025, 23:18 (vor 298 Tagen) @ Friedrich

Die CD kenne ich, die ist sehr interessant zu hören und anständig gespielt.
Ich war neugierig auf den Plenumklang -- vielleicht erinnern sich manche an Falkenbergs AO-Artikel (tief aus dem 20. Jahrhundert, vielleicht 1985) über August Gottfried Ritter, der seine sehr große Reubke-Orgel im Magdeburger Dom so schätzte.

Du hast in der Tat ein gutes Gedächtnis! Die genaue Stelle:

Falkenberg, Hans Joachim:
In memoriam August Gottfried Ritter (1811-1885). Ars Organi 33, 1985, 159-167. ·

Eine besondere Orgel im Herzen Deutschlands - Reubke-Orgel Niederdorla

MCVL @, Samstag, 08. November 2025, 23:55 (vor 298 Tagen) @ Cmcmcm1
bearbeitet von MCVL, Sonntag, 09. November 2025, 00:07

Vielen Dank für dieses herrliche Orgelportrait. Vieles ist mir durch meine süddeutsche Provenienz fremd aber aus der Literatur nicht unbekannt, beispielsweise die Aufstellung des eigentlich freistehenden Spieltischs in der Nische im Untergehäuse, die Dreimanualigkeit bei recht überschaubarer Registerzahl und die Verwendung ausschließlich durchschlagender Zungen.
Alles das macht das Instrument für mich noch interessanter.

Unweit davon habe ich vor etwa 20 Jahren einmal eine kleinere Ladegast-Orgel der Jahre um 1900 besichtigt, welche klanglich schon modernisiert war und eine - es tut mir leid das im Vergleich zu den früheren Leistungen der Firma sagen zu müssen - primitivst konstruierte und unpräzise Pneumatik besaß.

Eine besondere Orgel im Herzen Deutschlands - Reubke-Orgel Niederdorla

Violonbass @, Sonntag, 09. November 2025, 00:22 (vor 298 Tagen) @ MCVL

... Ladegast: Vielleicht Oskar und nicht Friedrich?
Welche Orgel war es denn?

Eine besondere Orgel im Herzen Deutschlands - Reubke-Orgel Niederdorla

friedemannw @, Gießen, Sonntag, 09. November 2025, 00:35 (vor 298 Tagen) @ MCVL

Unweit davon habe ich vor etwa 20 Jahren einmal eine kleinere Ladegast-Orgel der Jahre um 1900 besichtigt, welche klanglich schon modernisiert war und eine - es tut mir leid das im Vergleich zu den früheren Leistungen der Firma sagen zu müssen - primitivst konstruierte und unpräzise Pneumatik besaß.

Das klingt nach Heyerode- ein Nachbarort von Niederdorla. Wurde vor einigen Jahren durch eine Hey-Orgel ersetzt; altes Ladegast-Pfeifenwerk wurde übernommen. Ja, die vorherige Orgel war ein ganz übler Hobel... War auch eher mechano-pneumatisch als rein pneumatisch.

Eine besondere Orgel im Herzen Deutschlands - Reubke-Orgel Niederdorla

friedemannw @, Gießen, Sonntag, 09. November 2025, 00:40 (vor 298 Tagen) @ Cmcmcm1

Siehe dazu auch mein Beitrag von 2017, kurz nach der Fertigstellung:

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Schön zu sehen, dass es der Orgel noch gut geht :-)

Eine besondere Orgel im Herzen Deutschlands - Reubke-Orgel Niederdorla

JRorgel @, Sonntag, 09. November 2025, 07:43 (vor 298 Tagen) @ friedemannw

Oskar Ladegast baute vor allem im Vergleich zu seinem Vater wenig zufriedenstellende Instrumente. Die einzige schöne Orgel aus seiner Hand, die ich kenne, steht in Naundorf bei Beesenstedt und steht den Werken Friedrichs technisch und musikalisch kaum nach.

--
"Orgelspielen heißt, einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren." (Charles-Marie Widor)

Eine besondere Orgel im Herzen Deutschlands - Reubke-Orgel Niederdorla

MCVL @, Sonntag, 09. November 2025, 07:58 (vor 298 Tagen) @ friedemannw

Unweit davon habe ich vor etwa 20 Jahren einmal eine kleinere Ladegast-Orgel der Jahre um 1900 besichtigt, welche klanglich schon modernisiert war und eine - es tut mir leid das im Vergleich zu den früheren Leistungen der Firma sagen zu müssen - primitivst konstruierte und unpräzise Pneumatik besaß.


Das klingt nach Heyerode- ein Nachbarort von Niederdorla. Wurde vor einigen Jahren durch eine Hey-Orgel ersetzt; altes Ladegast-Pfeifenwerk wurde übernommen. Ja, die vorherige Orgel war ein ganz übler Hobel... War auch eher mechano-pneumatisch als rein pneumatisch.

Richtig, Heyerode. Der Ortsname war mir entfallen. Jedenfalls bereitete mir die Orgel kein großes Vergnügen. Wenn ich mich noch richtig erinnere wurden die Kegelhubleisten durch Keilbälge betätigt.

Eine besondere Orgel im Herzen Deutschlands - Reubke-Orgel Niederdorla

MCVL @, Sonntag, 09. November 2025, 10:16 (vor 298 Tagen) @ MCVL
bearbeitet von MCVL, Sonntag, 09. November 2025, 10:28

Unweit davon habe ich vor etwa 20 Jahren einmal eine kleinere Ladegast-Orgel der Jahre um 1900 besichtigt, welche klanglich schon modernisiert war und eine - es tut mir leid das im Vergleich zu den früheren Leistungen der Firma sagen zu müssen - primitivst konstruierte und unpräzise Pneumatik besaß.


Das klingt nach Heyerode- ein Nachbarort von Niederdorla. Wurde vor einigen Jahren durch eine Hey-Orgel ersetzt; altes Ladegast-Pfeifenwerk wurde übernommen. Ja, die vorherige Orgel war ein ganz übler Hobel... War auch eher mechano-pneumatisch als rein pneumatisch.


Richtig, Heyerode. Der Ortsname war mir entfallen. Jedenfalls bereitete mir die Orgel kein großes Vergnügen. Wenn ich mich noch richtig erinnere wurden die Kegelhubleisten durch Keilbälge betätigt.

Mir ist gerade noch eingefallen, daß ich seinerzeit von einer weiteren Ladegast-Orgel in der Ecke um Sondershausen/Greußen erfahren habe, aber mir fehlte die Zeit, diese zu besuchen. Angeblich war sie besser erhalten als Heyerode und war evtl. schon ein vollpneumatisches Instument.

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