Urlaubsbericht: Auf den Spuren Guilmants (Teil 1)
Nun mal wieder ein Erlebnisbericht einer zu einer spannenden Orgel, die ich Anfang September spielen durfte.
Der erste Teil meines Urlaubs führte mich dieses Jahr an den Ärmelkanal in die Hafenstadt Boulogne-sur-Mer, die überproportional viele Organisten hervorgebracht hat: So stammen von hier unter anderem Olivier Latry, Eugène Sergent (der Vorgänger von Vierne an NDdP) und Alexandre Guilmant.
Trotz der Lage am Meer ist das Stadtgebiet enorm hügelig und man kann dort zu Fuß einige Höhenmeter machen. Aus zahlreichen Perspektiven ist die beeindruckende Kuppel der Basilika Notre-Dame zu sehen, welche in der Oberstadt auf der Stelle der ehemaligen Kathedrale steht und die Silhouette der Stadt dominiert.
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Die Kuppel ist außen 101 m, innen 85 m hoch und stellt damit locker auch die Dresdner Frauenkirche in den Schatten (innen 36,65 m).
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Am Rande sei erwähnt, dass Guilmant für diese Basilika seine Cantate en l'honneur de la Sainte-Vierge geschrieben hat, ein Werk für zwei Chöre und Orchester, wobei der Engelschor auf den hohen Galerien über den Seitenschiffen aufgestellt war. Die dortige Orgel ist das letzte Instrument der Firma Schwenkedel, die aber aufgrund der Auflösung der Firma letztendlich 1975 vor Ort durch die Firma Mayer aus Heusweiler aufgestellt wurde. Von der ehemaligen Merklin-Orgel, welche noch durch Guilmant geplant und eingespielt worden war, ist nach den Zerstörungen des 2. Weltkrieges nur noch die Figur des König David erhalten.
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Guilmant war allerdings nie der feste Organist an der Basilika. Aber erst einmal der Reihe nach:
Felix Alexandre Guilmant wurde am 12. März 1837 in der Unterstadt von Boulogne-sur-Mer geboren. Er wuchs in der Rue des Vieillards N°9 auf, die heute den Namen Rue-Felix-Adam trägt. Das Geburtshaus ist nicht erhalten, an dessen Stelle steht heute unter der Hausnummer 17 dieses Gebäude:
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Kleine Anekdote am Rande: Als sich Ende August/Anfang September 1839 Richard Wagner, auf der Durchreise von London nach Paris, mit Giacomo Meyerbeer in Boulogne-sur-Mer traf, um diesem die ersten vollendeten Teile des Rienzi zu zeigen, war der kleine zweieinhalbjährige Félix Alexandre Guilmant wohl nur wenige Straßen entfernt.
Die allererste Organistenstelle übernahm Guilmant 1853 im Alter von 16 Jahren an der Kirche Saint-Joseph, die sich in der Oberstadt unmittelbar nach dem Durchgang durch das Stadttor befindet und heute keine Kirche mehr ist, sondern die Städtische Bibliothek beherbergt.
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Guilmants Taufkirche und gleichzeitig Dienststelle seines Vaters, war die Pfarrkirche der Unterstadt, Saint-Nicolas, am Marktplatz:
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Ab 1857 (also mit 20 Jahren) war er hier als Chorleiter und Organist angestellt, nachdem er bereits seit einigen Jahren seinen Vater regelmäßig in Saint-Nicolas vertreten und auch bereits einige Werke (darunter seine ersten beiden Messen hier aufgeführt hatte). Er behielt diese Stelle bis zu seinem Wechsel an die Trinité in Paris im Jahr 1871. In diese Zeit fällt auch die Komposition vieler seiner Chorwerke, dem Ave Verum op.1, der 3. Messe solemnelle op.11, sowie der frühen Orgelwerke aus Pièces dans différents styles. Exemplarisch seien an dieser Stelle die bekannteren Werke genannt:
- Marche religieuse in F-Dur sur Lift up your heads
- Marche Funèbre et Chant Séraphique
- Grand Choeur „alla Handel“ in D-Dur
Außerdem sind aus seiner Amtszeit zahlreiche Aufführungen in Saint-Nicolas belegt und geben einen Einblick in die reiche kirchenmusikalische Praxis:
- 22. November 1855 (Cäcilienfest): Alexandre Guilmant: Première Messe op.6 (Uraufführung), Orgel: Louise Guilmant, Gesamtleitung: Alexandre Guilmant
- 23. März 1856 (Ostersonntag): Alexandre Guilmant: Première Messe op.6, Alexandre Guilmant: Te Deum op.7 (Uraufführung)
- 22. November 1856 (Cäcilienfest): Alexandre Guilmant: Deuxième Messe op.9 (Uraufführung), Orgel: Louise Guilmant, Gesamtleitung: Alexandre Guilmant
- 12. April 1857 (Ostersonntag): Alexandre Guilmant: Troisième Messe op.11 (Uraufführung)
- 22. November 1857 (Cäcilienfest): Luigi Cherubini: Messe solemnelle für drei Stimmen A-Dur, Orgel: Louise Guilmant, Gesamtleitung: Alexandre Guilmant
- 12. Juni 1859 (Pfingstsonntag): Joseph Haydn: Missa in Angustiis Hob. XXII:11 d-Moll (Nelsonmesse)
- 30. November 1858 (Cäcilienfest): Alexandre Guilmant: Quatrième Messe in D-Dur (unklar um welche Messe es sich handelt, mir sind nur drei Messen von Guilmant bekannt)
- 22. November 1859 (Cäcilienfest): Pierre-Louis-Philippe Dietsch: Messe solemnelle Nr.14
- 31. März 1861 (Ostersonntag): Giovanni Pierluigi da Palestrina: Aeterna Christi munera
- 19. Mai 1861 (Pfingstsonntag): Giovanni Pierluigi da Palestrina: Aeterna Christi munera; Giovanni Pierluigi da Palestrina: Aeterna Christi munera; Niccolò Jommelli: Alleluja,
Emitte spiritum e Veni Sancre Spiritus
- 25. November 1861 (Cäcilienfest): Charles Gounod: Messe (nicht bekannt welche)
- 20. April 1862 (Ostersonntag, Hochamt): Johann Nepomuk Hummel: Messe B-Dur op.77
- 20. April 1862 (Ostersonntag, Aussetzung am Nachmittag): Luigi Cherubini: Regina
coeli, Georg Friedrich Händel: Halleluja aus Messias
- 9. Juni 1862 (Pfingstmontag): Johann Nepomuk Hummel: Messe B-Dur op.77; Niccolò Jommelli: Alleluja, Emitte spiritum e Veni Sancre Spiritus
- 24. November 1862 (Cäcilienfest): Alexandre Guilmant: Premiére Messe op.6; Ludwig van Beethoven: Marche funèbre; Giacomo Meyerbeer: Marche aux flambeaux;
- 23. November 1863 (Cäcilienfest): Luigi Cherubini Messe solemnelle für drei Stimmen, Ludwig van Beethoven: Egmont ouverture
- 27. März 1864 (Ostersonntag, Hochamt): Wolfgang Amadeus Mozart: Orgelsolomesse KV259
- 27. März 1864 (Ostersonntag, Aussetzung am Nachmittag): Luigi Cherubini: Regina coeli, Georg Friedrich Händel: Halleluja aus Messias
- 26. November 1866 (Cäcilienfest): Ludwig van Beethoven: Messe C-Dur op.86; Ludwig van Beethoven: Egmont Ouverture; Eugène Jancourt: Dinorah mosaique über Le Pardon de Ploermel op.46; Giacomo Meyerbeer: Marche aux flambeaux n°1 in B-Dur
- 25. November 1867 (Cäcilienfest): Alexandre Guilmant: Troisième Messe op.11
Unter Alexandre Guilmant erhielt Saint-Nicolas 1860 auch eine neue Orgel der Firma Merklin, welche in das Gehäuse der Vorgängerorgel eingebaut wurde. Diese Vorgängerorgel aus dem Jahr 1810 stammte von einem lokalen Orgelbauer mit dem Namen Jean-François Guilmant (wie könnte es auch anders sein?!). Das Gehäuse wurde dabei durch Merklin um die äußeren Türme erweitert. Das Rückpositiv ist lediglich eine Attrappe.
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Die Merklin-Orgel besaß ursprünglich zwei Manuale und 27 Register. Die Disposition lautete ursprünglich:
I Grand Orgue
Flûte 16'
Bourdon 16'
Montre 8'
Flûte harmonique 8'
Bourdon 8'
Gambe 8'
Salicional 8'
Prestant 4'
Flûte harmonique 4'
Fourniture 3-4rgs
Bombarde 16'
Trompette 8'
Clairon 4'
II Récit expressif
Flûte harmonique 8'
Cor de nuit 8'
Violoncelle 8'
Dolce 8'
Flûte Echo 4'
Flageolet 2'
Trompette harmonique 8'
Basson-Hautbois 8'
Clarinette 8'
Voix humaine 8'
Pédale
Flûte 16'
Flûte ouverte 8'
Trombone 16'
Trompette 8'
1933 wurde durch Joseph Gutschenritter eine Barkermaschine für das I. Manual eingebaut. Eine Erweiterung auf III/ 38 fand 1962 durch die Firma Beuchet-Debierre statt, die ein Positif ergänzte. Somit ergibt sich die heutige Disposition:
I Grand Orgue
Montre 16'
Montre 8'
Flûte harmonique 8'
Bourdon 8'
Gambe 8'
Salicional 8'
Prestant 4'
Flûte harmonique 4'
Fourniture 3-4rgs
Bombarde 16'
Trompette 8'
Clairon 4'
II Positif
Principal 8'
Bourdon à cheminée 8'
Principal 4'
Quinte douce 2 2/3'
Doublette 2'
Tierce 1 3/5'
Cymbale 4rgs
Cromorne 8'
III Récit expressif
Flûte harmonique 8'
Cor de nuit 8'
Violoncelle 8'
Voix céleste 8'
Flûte Echo 4'
Flageolet 2'
Plein Jeu 4rgs
Basson 16'
Trompette harmonique 8'
Basson-Hautbois 8'
Clairon 4'
Tremolo
Pédale
Flûte 16'
Soubasse 16'
Flûte 8'
Bourdon 8'
Flûte 4'
Trombone 16'
Trompette 8'
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