Weise-Special - Die frühe Orgel für Pleinting (Teil 1)

MCVL @, Samstag, 19. Juli 2025, 14:17 (vor 414 Tagen)
bearbeitet von MCVL, Montag, 21. Juli 2025, 21:48

Liebe Weise-Freunde,

zu meiner großen Freude fand ich im Staatsarchiv Landshut die vollständigen Bauakten zu der frühen, noch in Passau entstandenen Orgel für die neu erbaute Pfarrkirche in Pleinting, wozu auch mehrere Zeugnisse und Gutachten eingeholt wurden, da der noch unerfahrene und unbekannte Ignaz Weise dort unter entsprechend starker Beobachtung stand.

Staatsarchiv Landshut: Bestand Rep. 164/20 (Bezirksamt Vilshofen), Nr. 5711 Anschaffung eines neuen Geläutes und einer neuen Orgel für die Pfarrkirche in Pleinting 1899-1900

Nach allen diesen Schriftstücken möchte ich die Firmengründung vermutlich auf 1897 oder 1898 ansetzen. Ich werde mich aber noch darum bemühen, die Akten zum Bau der derjenigen von Pleinting vorausgegangenen Orgel für Tacherting aufzufinden und erhoffe mir aus diesen noch weitere Aufschlüsse. Die Angabe 1889 für das Jahr der Firmengründung, die sich durch die Literatur zieht und die ungeprüft von allen Autoren übernommen wurde, halte ich für falsch und sie lässt sich aus den mir vorliegenden Unterlagen nicht belegen.
Jedenfalls deutet immer mehr darauf hin, daß Tacherting Weises Opus 1 darstellt, dem als Opera 2 und 3 die Orgeln für Pleinting und Kröhstorf folgten. In der kommenden Woche hoffe ich auch auf neue Informationen über die ominösen, Weise zugeschriebenen Orgeln für Mangolding (1889) und Erlbach (1892).


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Seite 1 des Kostenvoranschlags von Ignaz Weise für den Orgelneubau Pleinting


Wie man in Pleinting auf den noch unbekannten Orgelbauer Ignaz Weise aufmerksam wurde und ihn schließlich für die Erbauung der neuen Orgel wählte, geht aus dem vorliegenden Schriftverkehr nicht hervor. Jedenfalls arbeitete Ignaz Weise am 20. Januar 1899 einen umfangreichen Kostenvoranschlag für das projektierte Instrument aus. Die Angaben zu den Mensuren und die Nachträge wurden auf Veranlassung des bekannten Regensburger Kirchenmusikers Franz Xaver Haberl von Weise am 25. Februar 1899 hinzugefügt. Auf Haberls Gutachten kommen wir weiter unten zu sprechen. Nun zunächst zu Weises Kostenvoranschlag, wobei die Angaben für Orgelbaukundige selbsterklärend sein dürften:


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Den Entwurf für das Orgelgehäuse lieferte der bekannte Kirchenarchitekt Johann Baptist Schott, welcher in München ein "Spezial-Architektur-Bureau für kirchliche Kunst" betrieb und von dem auch die Pläne für die neue Pfarrkirche in Pleinting stammten.
Vergleicht man diesen Entwurf mit späteren Prospekten von Weise, sticht auffällig ins Auge, wie sehr sich der Orgelbauer hinsichtlich den Proportionen von Schott beeinflussen ließ und sich dessen Stil verinnerlichte. Ein typisches Beispiel für diesen Stil hat sich (neben einigen anderen in Niederbayern) in Ursulapoppenricht erhalten.


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Um seine fachliche Qualifikation zu untermauern, legte Weise in Pleinting das nachfolgende Zeugnis seines Lehrmeisters und langjährigen Arbeitgebers Franz Borgias Maerz aus München vor, welches vom 25. Februar 1898 stammt und damit einen weiteren Hinweis auf den Zeitpunkt der Firmengründung liefern könnte:

Hochwürdiger Herr Pfarrer!

Es wurde mir die Mittheilung, daß Sie gesonnen wären, eine Orgel für die dortige Kirche anfertigen zu lassen und mit der Ausführung derselben einen Orgelbauer zu betrauen, der sein Geschäft erst begonnen, d. i. der durch bereits gelieferte Werke seine Tüchtigkeit nicht nachzuweisen vermag. Auf Ersuchen bezeuge ich nun dem Orgelbauer Ignaz Weise in Passau gerne, daß er in meinem Geschäfte ca 15 Jahre thätig war und während dieser Zeit alle ihm übertragenen Arbeiten mit Sachkenntnis zufriedenstellend zu Erledigung brachte, namentlich in Intonation und Stimmung sehr bewandert ist und daher Hochw. Geistlichkeit bestens empfohlen werden kann.
Indem ich mir Ihnen dies mitzutheilen erlaube, unter Versicherung vorzüglicher Hochachtung u. Verehrung

Euer Hochwürden
ergebenster
F. B. Maerz.
Orgelbaumeister

Eine Abordnung von Mitgliedern der Pleintinger Kirchengemeinde, darunter der Kaplan und der Volksschullehrer begab sich im Spätsommer 1898 nach Tacherting, um das vermeindliche Opus 1 von Ignaz Weise an Ort und Stelle zu besichtigen. Allem Anschein nach war diese Orgel kurz zuvor fertiggestellt worden, weshalb vorerst das Baujahr 1898 angenommen werden darf. Wie gesagt werde ich mich noch bemühen, die Bauakten zu diesem Instrument aufzufinden. Der Ortspfarrer von Tacherting sandte jedenfalls am 23. September folgenden Bericht an seinen Kollegen Preis nach Pleinting:

Theile Ihnen kurz die am 20. ds. Mts. erhaltene Abschrift mit von dem Gutachten, das H. H. Stadtpfarrer Bauer als bekannter Orgelprober über unsere neue Orgel abgegeben hat:
„Hr. Orgelbaumeister Ign. Weise in Passau hat für die Pfarrkirche Tacherting eine neue Orgel mit 10 klingenden Stimmen (Register) Pedal= u. Oktavenkopel, sowie 3 Nebenzügen hergestellt. Arbeit u. Material sind ohne Tadel, die Intonation durchwegs entsprechend, die Röhrenpneumatik ganz exakt wirkend, das Gebläse ganz gut mit durchwegs gleichmässiger Windlieferung. Auch das Gehäuse ist künstlerisch gefertigt u. sehr schön gefaßt.“-
Bedauere, daß wir uns nicht persönlich kennenlernen konnten. Nun sie sandten zu unserer Freude H. Coop. u. H. Lehrer. Bitte beide schönstens zu grüssen. Mit höflst. Gruß auch an Sie in aller Hochachtung.
H. Weise hat in dieser Gegend mit Orgel= u. sonst Sachen noch ein paar Wochen Arbeit.

Zur Revision des Kostenvoranschlages durch einen Experten wurde dieser im Februar 1899 an den bekannten Kirchenmusiker Franz Xaver Haberl nach Regensburg eingesendet und dieser beurteilte Weises Projekt wie folgt:

Der Unterzeichnete hat auf Ansuchen des H. H. Pfarrers Preis in Pleinting die Disposition und den Kostenvoranschlag für eine Orgel mit 16 klingenden Stimmen auf 2 Manualen und Pedal durchgesehen und geprüft und äußert sich darüber, wie folgt:
Die Disposition unterscheidet sich in keiner Weise von den für ähnliche Orgeln üblichen Einteilung und entspricht in der Stimmenmischung vollkommen. Da jedoch genauere Angaben über die Mensuren fehlen, so läßt sich aus der Disposition keinerlei Schluß auf die Wirkung ziehen, welche die einzelnen Register nach Aufstellung des Werkes machen werden. Aus dem Grundriß eines Hauses, bei dem die Angabe der Mauerstärke fehlt, kann niemand beurteilen, ob der Bau solid und zweckentsprechend oder nur leicht und für den ersten Anblick ausgeführt ist.
Der Beisatz beim Principal 8': „Intonation kräftiger Principalcharakter“ ist so allgemein gehalten, wie die Kraft selbst ein elastischer Begriff ist. Ich wünschte demnach Zugabe der Mensur in Zahlen, um zu erkennen, in welchem Verhältnisse die einzelnen Register zu einander stehen. Da die Firma März, in welcher Herr Weise mehrere Jahre gearbeitet hat, meistenteils zu schwache Prinzipale, besonders in größeren Orgeln, anfertigt, so soll man wissen, wie die Mensur des Principals und den zu denselben gehörigen Grundstimmen beschaffen ist.
In Betreff der Preise kann ein sehr mässiger Ansatz konstatiert werden, denn eine Orgel mit 16 Registern auf 2 Manualen incl. Gehäuse u. s. w. ist für 6000 Mark nicht zu teuer.
In Betreff der Pneumatik vermisse ich S. 5 u. 6 des Kostenvoranschlages jede nähere Angabe über die Relais, d. h. wo und wie sie angebracht sind, aus welchem Material die Bälgchen gefertigt werden, ob Weigle'sches System oder welch andere Methode gewählt werden will; auf selbstverständliche und untergeordnete Kleinigkeiten wird breit und wortreich eingegangen, Wesentliches und Nothwendiges aber durch inhaltleere Schlagworte, wie „bestbewährt, vorschriftsmäßig“ u. s. w. übergangen. Während die Preise für die einzelnen Register bescheiden gehalten sind, zeichnen sich die Pauschalsummen für die mechanischen Teile durch sehr hohe Ansätze aus. So halte ich den Preis für die Manualklaviaturen a 60 Mark für zu hoch; a 40 Mark ist sehr gutbezahlt. Ähnlich sind die beiden Kegelladen mit Pedallade für zu teuer: a 65 M sind sie berechten, für a 50 M sidn sie wiederum gut bezahlt. Ich weiß wohl, daß in diesem Punkt bei den Orgelbauern eine bunte Praxis herrscht, wenn ich aber den Durchschnitt nehme, so sind meine Ansätze, besonders da Herr Weise auch für die Nebenzüge, die doch im Spieltische sind, auf S. 4 noch extra 320 M. anrechnet. Warum geht er hier so sehr in das Detail, während er S. 5 und 6 den Leser die allergrößten Brocken verschlingen läßt, bei Einrichtungen, deren Einzelheiten bündig und klar angegeben werden müßten.
Ungeachtet dieser Ausstellungen kann der Unterzeichnete die hiemit zurückfolgende Disposition billigen, glaubt jedoch beantragen zu müssen, daß der Orgelbauer eine neue, obige Mängel berücksichtigende Disposition anfertige und den Preis mit Rücksicht auf der viel billigern Röhrenpneumatik gegenüber der seither üblichen mechanischen Einrichtung um 5-600 Mark erniedrige.
Sollte derselbe auf diese Bedingungen nicht eingehen, so rate ich die einfache Disposition mit 16 Registern auf 2 Manualen mit Röhrenpneumatik, also nur die Namen der Register ohne den weiteren Firlefanz an Orgelbaumeister Ludwig Edenhofer in Deggendorf einzusenden und denselben zu einem Kostenvoranschlag zu veranlassen.

Regensburg, den 18. Februar 1899.

Dr. Fr. Haberl.

= Fortsetzung in Teil II =

Weise-Special - Die frühe Orgel für Pleinting (Teil 2)

MCVL @, Samstag, 19. Juli 2025, 14:17 (vor 414 Tagen) @ MCVL

Nachdem Weise mehrere Punkte wie Mensurangaben in seinem Angebot nachgetragen hatte, wurde es erneut Haberl vorgelegt, der nun folgendes dazu zu sagen hatte:

Regensburg, den 6. März '99.

Ich habe den detailierten Kostenvoranschlag nochmals durchgesehen und finde denselben entsprechend und befriedigend. Die Hauptsache wird sein, wie die Intonation der einzelnen Register ausfällt und die Progression in derselben durchgeführt wird. Ich hoffe, daß der mir unbekannte Orgelbauer das projektierte Werk so ausführen wird, daß er trotz der niedrigen Preisansatzes nach mechanischer und musikalischer Seite gut besteht.

Weiters wurde von den Verantwortlichen auch noch der Passauer Domkapellmeister Clemens Bachstefel kontaktiert und ihm ebenfalls Weises Kostenvoranschlag vorgelegt. Dieser schrieb dazu am 17. Juni 1899 nach Pleinting:

Unterzeichneter hat den Kostenvoranschlag des angehenden Orgelbaumeisters Herrn Ig. Weise in Passau über eine neue Orgel für die Pfarrkirche in Pleinting eingehend geprüft und denselben bezüglich der Disposition, der technischen Ausführung und der Preisansätze im Großen und Ganzen übereinstimmend gerunden mit den über gleiche oder ähnliche Werke von alten, renomierten Orgelfabriken gefertigten Kostenvoranschlägen. Sachlich hat der Unterfertigte daher gegen den Bau des Werkes nichts Belangreiches vorzubringen. Betreffs der Person des Erbauers aber als einen Neuling im selbständigen Betriebe des Orgelbaues möchte derselbe bei aller Wertschätzung des in Aussicht genommenen Meisters zur Vorsicht raten und die Ausbezahlung und Annahme des fertig gestellten Werkes von Seiten der Kirchengemeinde Pleinting erst von der gut und erfolgreich bestandenen Orgelprüfung abhängig gemacht wissen.

Nun fand man sich in Pleinting hinreichend über Weises Qualifikationen informiert und reichte die Unterlagen zur Genehmigung des Orgelneubaus an das Bezirksamt Vilshofen ein, welches das Aktenkonvolut weiter an die Regierung nach Niederbayern sandte. Unter den Akten befand sich auch der nachfolgende Vertrag zwischen der Kirchenverwaltung Pleinting und Ignaz Weise:


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Die Regierung in Landshut genehmigte den Neubau daraufhin anstandslos am 6. November 1899. Offenbar scheint die Fertigstellung der Orgel bis Ostern 1900 nicht mehr möglich gewesen zu sein, denn erst am 3. September 1900 konnte Pfarrer Preis nachstehendes Schreiben an das Bezirksamt Vilshofen richten:

Zu der heute nachm. 1/2 Uhr stattfindenden Orgelprobe, welche Dr. Haberl aus Regensburg vornimmt, beehre ich mich, ganz ergebenst einzuladen.

Im Heft Nr. 10 vom 1. Oktober des Jahrgangs 1900 der "Musica Sacra" berichtete Haberl dann auch prompt über die Orgel in Pleinting.

Wie es um den Erhaltungszustand der Orgel in Pleinting bestellt ist, kann ich nicht beantworten, vielleicht kennt jemand den heutigen Zustand. Jedenfalls ist das von Schott entworfene Gehäuse bis zum heutigen Tag in der Kirche vorhanden (drittes Bild, etwas nach unten scrollen): https://www.kirchen-galerie.de/de/?m=kirche&p=17189
Sollte die Orgel erhalten sein, wäre es jedenfalls höchst interessant, sie einmal näher zu untersuchen.

Ich hoffe, es hat wieder etwas gefallen. Nach den neuesten Funden (vielen herzlichen Dank nochmal dafür) kann ich mich nun womöglich noch um Orgelbauten der Firma Weise für Sachsen kümmern... Darüber aber an anderer Stelle demnächst mehr.

Weise-Special - Die frühe Orgel für Pleinting (Teil 1)

FranzS., Dienstag, 22. Juli 2025, 23:53 (vor 411 Tagen) @ MCVL

Servus,
aller besten Dank hierfür!
Das ganze schreit eigentlich nach einer Publikation. Den Urgroßneffen von Franz Xaver Haberl, Dr. Dieter Haberl, kenne ich persönlich und ich bin mir sicher, er wäre begeistert!
VG Franz

Weise-Special - Die frühe Orgel für Pleinting (Teil 1)

MCVL @, Mittwoch, 23. Juli 2025, 18:28 (vor 410 Tagen) @ FranzS.

Servus,
aller besten Dank hierfür!

Gerne geschehen!

Das ganze schreit eigentlich nach einer Publikation.

Schau mer mal, wie dein Namensvetter gesagt hätte : -)


Viele Grüße

Mark

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