Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "weiter" machen...

elias.orgel, Mittwoch, 04. Juni 2025, 10:08 (vor 460 Tagen)

Ich gebe gerne und ohne Probleme zu, dass ich von vielem (nicht nur im Bereich Orgel ;-) noch nicht einmal eine Ahnung habe
aber
davon habe ich bisher noch nie etwas gehört oder gelesen:

One thing you may not find or notice is that making a pipe slightly larger in the center of it's length causes it to speak quicker
Bowing a pipe at the node is a centuries old practice. It is done on wood pipes with small spreader sticks which are knocked out after the pipe is assembled. Or it is skived in the sheet metal when forming the cylinder.


https://organforum.com wooden-diapason-and-other-wooden-pipes

-

Eine Sache, die Sie vielleicht nicht finden oder bemerken, ist, dass die Vergrößerung eines Rohres in der Mitte seiner Länge es schneller zum Sprechen bringt.
Das Biegen (Aufweiten) eines Rohres am Knotenpunkt ist eine jahrhundertealte Praxis. Sie wird bei HolzPfeifen mit kleinen Spreizstäben durchgeführt, die nach dem Zusammenbau der Pfeife herausgeschlagen werden. Oder es wird beim Formen des Zylinders in das Blech eingeschnitten (geschabt, gehobelt?)


weiß hier vielleicht jemand Näheres dazu?

--
Orgelspielen heißt: im Sitzen tanzen ...

... für Gott

Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "weiter" machen...

Friedrich @, Mittwoch, 04. Juni 2025, 13:33 (vor 460 Tagen) @ elias.orgel

Das klingt für mich irgendwie nach WLAN-Kabel besorgen.

Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "weiter" machen...

NoliMeTangere @, Donnerstag, 05. Juni 2025, 08:37 (vor 459 Tagen) @ Friedrich

Das klingt für mich irgendwie nach WLAN-Kabel besorgen.

An meiner Hauptarbeitsstätte wurden neulich im Flur Kabel für neue WLAN-Accesspoints gelegt.
Als ein Kollege fragte, was die Arbeiter da machen, bekam er zur Antwort: "WLAN-Kabel verlegen".

Viele Grüße
Thorsten

Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "weiter" machen...

Wolfgang Gourgé @, Donnerstag, 05. Juni 2025, 21:15 (vor 459 Tagen) @ Friedrich

Das klingt für mich irgendwie nach WLAN-Kabel besorgen.

...oder nach Heribert Faßbender ("die Länge in der Breite finden", oder so...). Ein Glück, dass der sich nur mit Sport beschäftigt hat und nie mit Orgeln.

Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "weiter" machen...

oHo, Donnerstag, 05. Juni 2025, 21:56 (vor 459 Tagen) @ elias.orgel

Ich gebe gerne und ohne Probleme zu, dass ich von vielem (nicht nur im Bereich Orgel ;-) noch nicht einmal eine Ahnung habe
aber
davon habe ich bisher noch nie etwas gehört oder gelesen:

One thing you may not find or notice is that making a pipe slightly larger in the center of it's length causes it to speak quicker
Bowing a pipe at the node is a centuries old practice. It is done on wood pipes with small spreader sticks which are knocked out after the pipe is assembled. Or it is skived in the sheet metal when forming the cylinder.

https://organforum.com wooden-diapason-and-other-wooden-pipes

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Eine Sache, die Sie vielleicht nicht finden oder bemerken, ist, dass die Vergrößerung eines Rohres in der Mitte seiner Länge es schneller zum Sprechen bringt.
Das Biegen (Aufweiten) eines Rohres am Knotenpunkt ist eine jahrhundertealte Praxis. Sie wird bei HolzPfeifen mit kleinen Spreizstäben durchgeführt, die nach dem Zusammenbau der Pfeife herausgeschlagen werden. Oder es wird beim Formen des Zylinders in das Blech eingeschnitten (geschabt, gehobelt?)

weiß hier vielleicht jemand Näheres dazu?

Das kann nur bei offenen Pfeifen zutreffen, da dort der Schwingungsknoten in etwa mittig liegt. Bei gedeckten Pfeifen liegt er am geschlossenen Ende oder - falls in die Quinte überblasend - bei etwa 1/3 der Höhe.

denkt, fröhlich grüßend,
Oliver

Gipsbandagierte Pfeifen bei Weigle

MCVL @, Donnerstag, 05. Juni 2025, 22:31 (vor 459 Tagen) @ elias.orgel
bearbeitet von MCVL, Freitag, 06. Juni 2025, 10:56

Nur mal so am Rande, weil es thematisch passt.

Etwas, was in diese Richtung geht, hat Weigle laut Kostenvoranschlägen in den 1880er Jahren mehrmals bei der Überholung/Umarbeitung älterer Orgeln bzw. Übernahme dünnwandiger und schlecht zu intonierender Pfeifen in Kegelladenorgeln praktiziert.
Dort wurde bei offenen Metallpfeifen in etwa der Bereich, wo sich der Schwingungsknoten bildet, der Pfeifenkörper mit Gipsbandagen versehen. Nach Aussagen in Abnahmegutachten muss das verblüffend gut funktioniert haben um auch dünnwandige Pfeifen auf höherem Winddruck problemlos zu einer sicheren Ansprache zu verhelfen.
Selbst habe ich das, nachdem ich es bei Weigle gelesen habe, mit dünnwandigen Pfeifen aus meinem Besitz versucht und auch ich war mehr als überrascht von dem Resultat.
Wurde u.a. in Eglofs und Wangen so praktiziert.

(Das ist jetzt kein Joke oder verspäteter Aprilscherz, bei Bedarf kann ich mal entsprechende Passagen aus Weigle-Kostenvoranschlägen heraussuchen)

Gipsbamdagierte Pfeifen bei Weigle

elias.orgel, Freitag, 06. Juni 2025, 07:57 (vor 458 Tagen) @ MCVL

Nur mal so am Rande, weil es thematisch passt.

Etwas, was in diese Richtung geht, hat Weigle laut Kostenvoranschlägen in den 1880er Jahren mehrmals bei der Überholung/Umarbeitung älterer Orgeln bzw. Übernahme dünnwandiger und schlecht zu intonierender Pfeifen in Kegelladenorgeln praktiziert.
Dort wurde bei offenen Metallpfeifen in etwa der Bereich, wo sich der Schwingungsknoten bildet, der Pfeifenkörper mit Gipsbandagen versehen. Nach Aussagen in Abnahmegutachten muss das verblüffend gut funktioniert haben um auch dünnwandige Pfeifen auf höherem Winddruck problemlos zu einer sicheren Ansprache zu verhelfen.
Selbst habe ich das, nachdem ich es bei Weigle gelesen habe, mit dünnwandigen Pfeifen aus meinem Besitz versucht und auch ich war mehr als überrascht von dem Resultat.
Wurde u.a. in Eglofs und Wangen so praktiziert.

(Das ist jetzt kein Joke oder verspäteter Aprilscherz, bei Bedarf kann ich mal entsprechende Passagen aus Weigle-Kostenvoranschlägen heraussuchen)

aber von Ausdünnung oder Aufspreizung ist hier nichts bekannt...

was genau sollen denn die Gips Bandagen bewirken - eigentlich müsste es ja eine Versteifung sein - oder?

--
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... für Gott

Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "weiter" machen...

Friedrich @, Freitag, 06. Juni 2025, 10:52 (vor 458 Tagen) @ oHo
bearbeitet von Friedrich, Freitag, 06. Juni 2025, 11:09

Ich verstehe immer noch nicht die hypothetische Physik der Sache.

Am Schwingungsknoten passiert nix. Deswegen befindet sich der bei Gedeckten am Deckel, da geht's nicht weiter. Am Labium ist immer ein Schwingungsbauch, dort ist Energie, die Luft schlägt um sich. An der Mündung einer offenen Pfeife ist ebenfalls freie Bahn dafür.

Grifflöcher von Flöten oder Überblaslöcher von Orgelpfeifen verlegen den Freie-Bahn-Punkt weg von der Mündung.

Warum also soll mehr Platz am Schwingungsknoten bei der Ansprache helfen?

Wenn ich auf einer Saite Flageolet spiele, dämpfe (nicht: greife) ich mit dem Finger den Teilungspunkt, der der gewünschten Tonhöhe entspricht, und produziere damit zwei, drei, viele simultane Schwingungsbäuche.

Sollte das größere Luftvolumen einen dämpfenden Effekt haben und den Schwingungsknoten so stabilisieren?

Gipsbandagierte Pfeifen bei Weigle

MCVL @, Freitag, 06. Juni 2025, 10:55 (vor 458 Tagen) @ elias.orgel

was genau sollen denn die Gips Bandagen bewirken - eigentlich müsste es ja eine Versteifung sein - oder?

Die Gipsbandagen führen zu stärkeren Wandungen der Pfeifen, daher lassen sich diese dann wie Pfeifen behandeln, die aus stärkerem Material hergestellt wurden.
Ein günstiger, einfacher Griff in die Trickkiste.

Gipsbandagierte Pfeifen bei Weigle

Friedrich @, Freitag, 06. Juni 2025, 10:59 (vor 458 Tagen) @ elias.orgel
bearbeitet von Friedrich, Freitag, 06. Juni 2025, 11:10

was genau sollen denn die Gips Bandagen bewirken - eigentlich müsste es ja eine Versteifung sein - oder?

Genau, stabilere Pfeifen sprechen besser an, dünnwandige unsicherer, weil sie einen Teil der Bewegungs- in Verformungsenergie umsetzen und damit für die Tonproduktion unbrauchbar machen. Die Gipsmanschette stabilisiert den gesamten Pfeifenkörper, denn sie hindert ihn daran, die Energie der schwingenden Luftsäule zu absorbieren.

Auf welchem Weg das mit der Pfeifenbauchgeschichte zu tun hat, ist noch nicht klar. Dämpfung könnte eine Rolle spielen.

Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "weiter" machen...

MCVL @, Freitag, 06. Juni 2025, 11:24 (vor 458 Tagen) @ Friedrich

Ich verstehe immer noch nicht die hypothetische Physik der Sache.

Zu diesem Thema empfehle ich diese Publikation. Ich kenne kein anderes vergleichbares Werk, wo es besser verständlich behandelt und erklärt wird (zum Verständnis muss man jetzt nicht unbedingt den Physik-LK auf dem Technischen Gymnasium besucht haben - geschadet hat es aber nicht : -) ):


[image]


Hier einmal ein Ausschnitt:


[image]


[image]

Gipsbandagierte Pfeifen bei Weigle

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Freitag, 06. Juni 2025, 14:52 (vor 458 Tagen) @ Friedrich

Auf welchem Weg das mit der Pfeifenbauchgeschichte zu tun hat, ist noch nicht klar. Dämpfung könnte eine Rolle spielen.

Der Ursprungs-Thread aus dem organforum ist ja nicht gerade der Schauplatz großer Expertise. Hat denn jemals jemand eine in der Witte auch nur leicht erweiterte Labialpfeife gesehen? (Sofern sie nicht ausdrücklich Doppelkegelirgendwas heißt...)

Gipsbandagierte Pfeifen bei Weigle

jori @, Freitag, 06. Juni 2025, 20:15 (vor 458 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Bislang wurde verklickert, dass das Pfeifenmaterial den Klang formt. Umstritten, bis auf gewisse Eigenschaften, die nur der Fachmann kennt.
Jetzt ist Gips im Spiel. Was für eine Chance, dass das Blei endlich aus der Orgel verschwindet.
Porzellan-Pfeifen hat Jehmlich erfunden und auch vermarktet.
Ab sofort unterstütze ich nur noch Orgelneubauten mit Gips-Pfeifen zu 100 Prozent.

Gipsbandagierte Pfeifen bei Weigle

MCVL @, Freitag, 06. Juni 2025, 22:20 (vor 458 Tagen) @ jori
bearbeitet von MCVL, Freitag, 06. Juni 2025, 22:32

Bislang wurde verklickert, dass das Pfeifenmaterial den Klang formt. Umstritten, bis auf gewisse Eigenschaften, die nur der Fachmann kennt.
Jetzt ist Gips im Spiel. Was für eine Chance, dass das Blei endlich aus der Orgel verschwindet.
Porzellan-Pfeifen hat Jehmlich erfunden und auch vermarktet.
Ab sofort unterstütze ich nur noch Orgelneubauten mit Gips-Pfeifen zu 100 Prozent.


Thema verfehlt. Sitzen, sechs!

Es ging mir um diese nicht ganz uninteressante Praxis von Weigle, dünnwandige Pfeifen zu einer guten Ansprache zu bringen, weil mir das beim Lesen des Ausgangspostings als unkonventionelle Methode eingefallen ist.

Von einer Anfertigung neuer Orgelpfeifen aus Gips war nirgendwo die Rede.

Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "enger" machen...

Cmcmcm1 @, Ottobrunn, Freitag, 06. Juni 2025, 22:35 (vor 458 Tagen) @ elias.orgel

Zwar trifft die hier abgebildete Pfeife nicht ganz das Thema des Threads, aber sie kehrt es gewissermaßen um, ist sie doch in der Mitte enger als sonst. Ziel war es wohl durch die Bauform die Ausprägung der Obertöne derart zu beeinflussen, um die Klangfarbe einer Labialklarinette zu erhalten. Dieses Pfeifchen selbst klingt allerdings eher unspektakulär und so gar nicht nach Klarinette.

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Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "enger" machen...

MCVL @, Freitag, 06. Juni 2025, 22:43 (vor 458 Tagen) @ Cmcmcm1

Irgendwo in der Literatur ist eine solche Pfeife als Beispiel für eine Labialklarinette abgebildet (in Suppers "Orgeldisposition" als Skizze ? - muss ich nachschauen).
Live gesehen habe ich so eine Konstruktion bisher nicht.

Danke dafür!

Gipsbandagierte Pfeifen bei Weigle

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Samstag, 07. Juni 2025, 00:20 (vor 458 Tagen) @ jori

Bislang wurde verklickert, dass das Pfeifenmaterial den Klang formt. Umstritten, bis auf gewisse Eigenschaften, die nur der Fachmann kennt.
Jetzt ist Gips im Spiel. Was für eine Chance, dass das Blei endlich aus der Orgel verschwindet.
Porzellan-Pfeifen hat Jehmlich erfunden und auch vermarktet.
Ab sofort unterstütze ich nur noch Orgelneubauten mit Gips-Pfeifen zu 100 Prozent.

Die Bedeutung der Materialität wurde lange überschätzt. Das wichtigste ist eigentlich der Intonateur. Wenn der gut ist, dann macht es wieder einen Unterschied, ob 50 oder 75% Zinn, vorher nicht. Einige Sounds der 70er-Jahre hätte man auch in PVC bauen können...

Neulich besuchte mich wieder der Wissenschaftler vom Alupfeifen-Projekt an der Rostocker Universität.
Es sind Platten aus einer neuen Legierung eingetroffen. Laut Orgelbauer ist die Haptik schon sehr nahe an Orgelmetall (Biegen, Schneiden). Das Verbinden der Teile wird aktuell untersucht, abgesehen von den üblichen akademischen Tests zu Festigkeit etc.
Der Ingenieur hatte eine japanische Forscherin zum Thema Alu-Legierungen dabei sowie eine Mitarbeiterin, die schon in Bremen an der dortigen Forschung zur Bleikorrosion an historischen Orgeln beteiligt war. Man war recht optimistisch, ich bin gespannt, wann man auch offiziell mehr erfährt. Das Projekt läuft aber noch eine Weile.

Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "enger" machen...

Christoph @, Samstag, 07. Juni 2025, 06:54 (vor 457 Tagen) @ MCVL

[image]

Würzburg, Hyperorgel, Labialklarinette

[image]

...Bauweise im Bass

Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "enger" machen...

Cmcmcm1 @, Ottobrunn, Samstag, 07. Juni 2025, 07:33 (vor 457 Tagen) @ Christoph

Das schaut ja tatsächlich genauso aus, wie das Patent von Trautner et al.

Wie klingt sie denn?
Interessant ist auch, dass die gedeckten Basspfeifen tatsächlich in der Mitte weiter sind, was aber konsistent damit ist, dass die Engstelle bein Schwingungsknoten, in diesem Fall also beim Deckel, sein sollte.

Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "enger" machen...

MCVL @, Samstag, 07. Juni 2025, 09:50 (vor 457 Tagen) @ Christoph

Danke!

Bei Supper (die Skizze, die ich im Kopf hatte, stammt tatsächlich aus "Die Orgeldisposition") ist der obere Aufsatz auch konisch ausgeführt, er bezeichnet diese Bauform als "Sonarklarinette".

Als Labialklarinette ist bei Supper die Konstruktion angeführt, wie sie sich in Würzburg im Baßbereich findet.

Jedenfalls scheinen diese Bauformen höchst selten ausgeführt worden zu sein, im süddeutschen Raum waren "Labial-Zungen" (was für ein Begriff) in der Regel Sammelzüge, so bei Weigle oder, wie wir herausgearbeitet haben, bei Weise.

Eine der wenigen "echten" Labialklarinetten stand bis 1985 in Rißtissen bei Ehingen in der dortigen Branmann-Orgel. Über deren Konstruktion ist leider nichts überliefert.

Hier die Supper-Skizzen:

[image]

Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "enger" machen...

Flautino2 @, Samstag, 07. Juni 2025, 16:55 (vor 457 Tagen) @ MCVL

Interessant! Als ich „Sonar“ las, dachte ich erst an einen Schreibfehler, weil ich darunter Ultraschall (-Peilung) verstand.
Ich kenne diese „Sonorklarinette“: https://www.orgelbau-schmidt.de/mosbach/

Grüße, Flautino.

Labialklarinette

hama-music @, Samstag, 07. Juni 2025, 18:07 (vor 457 Tagen) @ MCVL

Die "originale" Labialklarinette, die Pate für den Nachbau in Würzburg stand, ist in der pneumatischen Orgel der Gebrüder Link von 1930 in hohenlohischen Dörfchen Riedbach zu finden.
Sie klingt täuschend echt wie ein entsprechendes Zungenregister.
Viele Grüße!

Labialklarinette

MCVL @, Samstag, 07. Juni 2025, 22:28 (vor 457 Tagen) @ hama-music

Die "originale" Labialklarinette, die Pate für den Nachbau in Würzburg stand, ist in der pneumatischen Orgel der Gebrüder Link von 1930 in hohenlohischen Dörfchen Riedbach zu finden.
Sie klingt täuschend echt wie ein entsprechendes Zungenregister.
Viele Grüße!

Vielen Dank für den Hinweis auf Riedbach. Diese Orgel ist mir nur vom Hörensagen bekannt, selbst war ich noch nie dort.

Jedenfalls scheint es so zu sein, daß die Labialklarinetten dieser Machart typisch für die Jahre um 1930 gewesen sind (siehe auch die Orgel Mosbach im Nachbarposting).
Irgendwas habe ich noch im Hinterkopf mit einer Stehle-Orgel aus den 1930er Jahren, die ebenfalls ein solches (oder ähnliches) Register besitzt oder besessen haben soll. Da muss ich aber nochmals nachschauen.

Von anderen süddeutschen Orgelbauern dieser Zeit wie Hindelang, Späth oder Reiser ist mir bislang hinsichtlich Labialklarinetten nichts bekannt.
Evtl. könnte man bei Walcker fündig werden, wenn man die Opusbücher dieser Zeir danach durchforstet.

Viele Grüße!

Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "enger" machen...

MCVL @, Samstag, 07. Juni 2025, 22:33 (vor 457 Tagen) @ Flautino2

Interessant! Als ich „Sonar“ las, dachte ich erst an einen Schreibfehler, weil ich darunter Ultraschall (-Peilung) verstand.
Ich kenne diese „Sonorklarinette“: https://www.orgelbau-schmidt.de/mosbach/

Grüße, Flautino.

Vielen Dank für den Hinweis auf diese technisch wie auch die Disposition betreffend sehr interessante Orgel.
Wurde die Disposition wieder hergestellt? Das ist mir nach dem Besuch auf der Seite nicht ganz klar.

Es kann durchaus sein, daß Supper sich mit der Bezeichnung vertan hat und tatsächlich eine Sonorklarinette damit gemeint ist.

Viele Grüße
Mark

Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "enger" machen...

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Samstag, 07. Juni 2025, 22:33 (vor 457 Tagen) @ Flautino2

Interessant! Als ich „Sonar“ las, dachte ich erst an einen Schreibfehler, weil ich darunter Ultraschall (-Peilung) verstand.
Ich kenne diese „Sonorklarinette“: https://www.orgelbau-schmidt.de/mosbach/

Grüße, Flautino.

Der Artikel wird langsam spannend. Und die Fotodoku zu Morsbach ist ja riesig. Da hat einer die Kamera immer dabei. Den Orgelfreund freut es!

Ist die Labialklarinette irgendwo zu hören, insbesondere die Würzburger in einem Saage- oder Bossert-Video?

Labialklarinette

Moritz @, Samstag, 07. Juni 2025, 23:15 (vor 457 Tagen) @ MCVL

Hallo zusammen,

gleiche Bauform finden sich in der Behmann-Orgel in Bregenz Sacre Coeur-Riedenburg und neu in der Rensch-Orgel der Friedhofskirche in Künzelsau. Ich habe beide Orgeln gespielt und die Pfeifen gesehen.

Viele Grüße,
Moritz

Labialklarinette

MCVL @, Samstag, 07. Juni 2025, 23:33 (vor 457 Tagen) @ Moritz

Hallo zusammen,

gleiche Bauform finden sich in der Behmann-Orgel in Bregenz Sacre Coeur-Riedenburg und neu in der Rensch-Orgel der Friedhofskirche in Künzelsau. Ich habe beide Orgeln gespielt und die Pfeifen gesehen.

Viele Grüße,
Moritz

Hallo Moritz,

ich bin jetzt gerade am Überlegen, welche Kirche und Orgel das ist (ein neugotischer Bau, der, wenn man Richtung Hohenems fährt, rechter Hand liegt?).
Das war meines Wissens ein pneumatischer Umbau der Vorgängerorgel von Gebr. Mayer, da müsste auch noch das Gehäuse erhalten sein. Bei Behmann kann ich es mir bestens vorstellen, daß er - so innovativ wie er war - eine solche Labialklarinette dort mit aufgenommen hat.

Viele Grüße

Labialklarinette

HARP64, Sonntag, 08. Juni 2025, 01:20 (vor 457 Tagen) @ Moritz
bearbeitet von HARP64, Sonntag, 08. Juni 2025, 01:26

…das ist diese Mayer

Aber die Behmann in Herz Jesu erzeugt im I. Manual eine täuschend echt klingende Labialklarinette, wenn man bestimmte Register zusammennimmt, darunter eine Septime 1 1/7‘
Ist aber Jahre her, dass ich dort mal spielte. Mittlerweile ist sie ja geriegert worden…

Labialklarinette

Christoph @, Sonntag, 08. Juni 2025, 07:34 (vor 456 Tagen) @ MCVL

Habe jetzt doch mal den "Eberlein" aus dem Regal geholt. Da steht "1911 erfand Seminarmusikdirektor Trautner in Kaiserslautern eine "Sonarklarinette" genannte Labialstimme, die durch Verengungen des Pfeifenkörpers an bestimmten Stellen die Obertonbildung zugunsten der ungeradzahligen Teiltöne beeinflußt (...). Die tiefe Lage des nur zu 8' gebauten Registers war gedeckt, die hohe Lage offen (Smets, Orgelregister, 256). Der Katalog der Firma Laukhuff von 1932 zeigt dem entsprechend zwei Pfeifenformen (...). Bei der erhaltenen labialen Clarinette von Bruno Goebel 1916 in der Herz-Jesu-Kirche Allenstein/Olsztyn scheint es sich um solch ein Register zu handeln (Ars Organi 29, 1981, H.4. 239). In den 1920er Jahren wurde es vereinzelt unter dem Namen Labialklarinette 8' disponiert, z.B.von Faber & Greve 1925 in Bad Münder, St. Petri-Pauli und von Josef Behmann 1929 in der Klosterkirche Bregenz-Riedenburg (Aspekte der Orgelbewegung 306, Nadler, Vorarlberg, II, 642-645 + 396). Die Firma Christian Gerhardt & Söhne hat das Register mehrmals unter dem Namen Sonor Clarinette 8' disponiert, so 1921 in der Heilig-Kreuz-Kirche Koblenz-Ehrenbreitstein und 1933 in der Franziskanerkirche Hermeskeil (...). nach 1930 kam die Labialklarinette außer Gebrauch, doch wurde 1979 die Chororgel des Doms in Paderborn wieder mit einer Labialklarinette 4' ausgestattet". Tolles Buch!

Zu den Gipsbandagen noch folgendes: wenn Labialpfeifen mittlerer Lage unruhig klingen und man sie mit der Hand umfasst, kann der Ton besser werden. Habe mal in einer historischen Orgel eine einzelne Pfeife gesehen, die notbehelfsmäßig dick mit Panzerband umwickelt war. Sah schlimm aus, hat aber wohl geholfen. Eine vornehmere Methode ist es, in Pfeifenmitte einen Draht einzulöten. Von besonders dünnwandigen Pfeifen habe ich gehört, dass es schon geholfen hat, sie mit geeignetem Werkzeug (Metallform und Klopfholz) rund auszuformen, um einen stabilen Ton zu erhalten.
Schöne Pfingsten Euch allen!

Labialklarinette - Link korrigiert

elias.orgel, Sonntag, 08. Juni 2025, 09:10 (vor 456 Tagen) @ HARP64
bearbeitet von elias.orgel, Sonntag, 08. Juni 2025, 14:04

…das ist diese Mayer

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link korrigiert ;-)

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... für Gott

Labialklarinette

MCVL @, Sonntag, 08. Juni 2025, 10:24 (vor 456 Tagen) @ Christoph
bearbeitet von MCVL, Sonntag, 08. Juni 2025, 10:28

Danke für deine umfassende Antwort.

Noch zur Ergänzung: ein ähnliches Register war schon in den 1870er Jahren bekannt, der Ulmer Orgelbauer Heinrich Conrad Branmann hat es 1875 in Rißtissen ausgeführt und in einem weiteren Kostenvoranschlag angeboten. Leider ist es mir bis jetzt nicht gelungen, etwas über die Konstruktion darüber herauszufinden.
In Rißtissen war es am Spieltisch angeblich nur als "Clarinette" angeschrieben.

Die Bandagen bei Weigle bestanden aus Leinenstücken, die in flüssigem Gips (ich könnte mir sogar vorstellen, daß das entsprechend dick angerührte Lötfarbe oder etwas in die Richtung war) getränkt wurden... und wurde auf diese Weise der unter gegebenen Verhältnissen möglichst stärkste u. vollste Ton erzielt (Clemens Edelmann im Abnahmegutachten zum Umbau Eglofs 1882).
Wie gesagt, waren meine privaten Experimente in dieser Richtung ebenfalls von Erfolg gekrönt.

Riedenburg Sacré Cœur

MCVL @, Sonntag, 08. Juni 2025, 10:53 (vor 456 Tagen) @ HARP64

…das ist diese Mayer

Ja dann ist das schon diese Orgel, an die ich dachte. Leider bisher noch nie dort gewesen, obwohl es nur ein Katzensprung wäre.

Hier als Opus 4 aufgeführt:


[image]
[image]

Pfeifen in der Mitte... WLAN Kabel ??? Computer sagt...

elias.orgel, Sonntag, 08. Juni 2025, 14:53 (vor 456 Tagen) @ elias.orgel

Eine Sache, die Sie vielleicht nicht finden oder bemerken, ist, dass die Vergrößerung eines Rohres in der Mitte seiner Länge es schneller zum Sprechen bringt.
Das Biegen (Aufweiten) eines Rohres am Knotenpunkt ist eine jahrhundertealte Praxis. Sie wird bei HolzPfeifen mit kleinen Spreizstäben durchgeführt, die nach dem Zusammenbau der Pfeife herausgeschlagen werden. Oder es wird beim Formen des Zylinders in das Blech eingeschnitten (geschabt, gehobelt?)

weiß hier vielleicht jemand Näheres dazu?

Nein ???

Ich habe gerade mit Reiner Janke telefoniert und er hat mir das im Prinzip bestätigt - es geht tatsächlich darum die Verformungen / Schwingungen des Pfeifenkörpers zu verhindern (wie MCVL es bereits beschrieben hat) da diese natürlich extrem viel Energie "verbrauchen" welche dann nicht mehr für den Pfeifenton zu Verfügung steht

das Aufweiten einer MetallPfeife (bei ungefähr der Mitte) hat wohl hauptsächlich den Effekt, dass diese dann insgesamt steifer wird und sich daher keine Körperschwingung mehr ausbildet welche die Ansprache der Pfeife be- oder verhindert.
Holzpfeifen werden aus dem gleichen Grund zB mit einer Art MessingDübel stabilisiert (wenn ich das richtig verstanden habe)

ein Pfeifenkörper der in Schwingung gerät klingt allerdings aufgrund eines sozusagen akustischen Kurzschlusses nicht - daher sind diese Schwingungen zB durch ein Mikrofon-Array (Akustische Fotografie) auch nicht zu sehen (Physik der Orgelpfeife (Dr J Angster) )
bei Lasermessungen sind diese Schwingungen aber klar erkennbar

ein riesengroßes Dankeschön an Reiner Janke für ein ganz tolles Telefonat...

--
Orgelspielen heißt: im Sitzen tanzen ...

... für Gott

Pfeifen in der Mitte... WLAN Kabel ??? Computer sagt...

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Sonntag, 08. Juni 2025, 15:31 (vor 456 Tagen) @ elias.orgel

Eine Sache, die Sie vielleicht nicht finden oder bemerken, ist, dass die Vergrößerung eines Rohres in der Mitte seiner Länge es schneller zum Sprechen bringt.
Das Biegen (Aufweiten) eines Rohres am Knotenpunkt ist eine jahrhundertealte Praxis. Sie wird bei HolzPfeifen mit kleinen Spreizstäben durchgeführt, die nach dem Zusammenbau der Pfeife herausgeschlagen werden. Oder es wird beim Formen des Zylinders in das Blech eingeschnitten (geschabt, gehobelt?)

weiß hier vielleicht jemand Näheres dazu?


Nein ???

Ich habe gerade mit Reiner Janke telefoniert und er hat mir das im Prinzip bestätigt - es geht tatsächlich darum die Verformungen / Schwingungen des Pfeifenkörpers zu verhindern (wie MCVL es bereits beschrieben hat) da diese natürlich extrem viel Energie "verbrauchen" welche dann nicht mehr für den Pfeifenton zu Verfügung steht

das Aufweiten einer MetallPfeife (bei ungefähr der Mitte) hat wohl hauptsächlich den Effekt, dass diese dann insgesamt steifer wird und sich daher keine Körperschwingung mehr ausbildet welche die Ansprache der Pfeife be- oder verhindert.
Holzpfeifen werden aus dem gleichen Grund zB mit einer Art MessingDübel stabilisiert (wenn ich das richtig verstanden habe)

ein Pfeifenkörper der in Schwingung gerät klingt allerdings aufgrund eines sozusagen akustischen Kurzschlusses nicht - daher sind diese Schwingungen zB durch ein Mikrofon-Array (Akustische Fotografie) auch nicht zu sehen (Physik der Orgelpfeife (Dr J Angster) )
bei Lasermessungen sind diese Schwingungen aber klar erkennbar

ein riesengroßes Dankeschön an Reiner Janke für ein ganz tolles Telefonat...

Interessant, aber wo sind sie denn, die aufgeweiteten Pfeifen?

Englische Gambe nach Klotz - war: Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "enger" machen...

jrbecker @, Sonntag, 08. Juni 2025, 16:52 (vor 456 Tagen) @ MCVL
bearbeitet von jrbecker, Sonntag, 08. Juni 2025, 17:15

Das ist jetzt echt ein Zufallsfund meinerseits...

Ich hatte eben seit langer Zeit mal wieder einen von einem freundlichen Mitforisten vermachten Band in der Hand, nämlich: Nicolaus E. Pfarr, Die Orgeln der ev. Marienkirche Gelnhausen, Band IV der Reihe Die Orgelbauerfamilie Ratzmann aus Ohrdruf/Thüringen - Gelnhausen und ihr Werk, 2. Auflage, 2002, ISBN 3-925894-03-9. Dort finden sich auf S. 137ff. die Mensurtabellen von Prof. Hans Klotz für den 1965 (Auftragserteilung) - 22.10.1967 (Einweihung) ausgeführten Neubau der Orgel. Im Schwellwerk gibt (bzw. gab es bis 2017) eine "Englische Gambe", die im Angebot Schmidts (gleiche Quelle) als "konisch mit Trichteraufsatz" bezeichnet wird. Tatsächlich findet sich bei der Widergabe der Mensuren auch eine kleine Skizze, die ich hier einfließen lassen möchte:

[image]

Diese Bauart ist auch etwas komplexer und wohl ähnlich aufwändig, wie die "Sonarklarinette" in Suppers Buch.

Ich habe die Orgel zwar 1987 einmal kurz gespielt, jedoch seinerzeit a) nicht die Zeit, die Orgel näher zu "erkunden" und b) noch kein Verständnis/Interesse für diese orgelbaulichen Details...

Ergänzung: Eberlein schreibt dazu, dass dieser Registername vorwiegend von Willi Peter verwendet worden sei - Eberlein teilt am Ende des Zitates mit, dass es sich hier um Mensuren von E. K. Rößler aus dem Firmenarchiv Willi Peter handele.

Eberlein weiter:"Das Register ist in der Bauweise identisch mit der Bell Gamba (...): Es besitzt ab c° eng mensurierte, konisch-offene Pfeifen mit zum Stimmen verschiebbaren trichterförmigen Aufsätzen am oberen Ende. Die Töne C-H sind zylindrisch gedeckt mit Kastenbärten. Laut einer Mensuraufstellung im Archiv der Firma Willi Peter wurden folgende Maße vorgesehen: (DZ = Durchmesser des zylindrischen Zwischenstücks zwischen konischem Unterteil und Trichteraufsatz):
C DL 98mm (-10,7 HT) (Bei Eberlein ohne da Minuszeichen, auf S. 679 zitiert er jedoch nochmals, dort mit Minus.), LB 77mm (1/4,0 U)
c° DL 62mm (-9,2 HT), DZ 25mm (1/2,5 DL), DM 67mm (1,1xDL), LB 41mm (1/4,7 U)
c3 DL 17,5mm (-2,4 HT), DZ 10,3mm (1/1,7 DL), DM 19mm (1,1xDL), LB 12mm (1/4,6 U)
Die Länge des konischen Teils beträgt bei c° 1040mm, die des zylindrischen Zwischentücks 133mm, die des Trichters 113mm, auf c3 betragen die Maße 99,5 bzw. 13 bzw. 16mm."

Sonorklarinette, war: Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "enger" machen...

Flautino2 @, Sonntag, 08. Juni 2025, 18:45 (vor 456 Tagen) @ MCVL

Dazu kann ich leider nichts sagen. Ich habe die Orgel in ihrem unrestaurierten Zustand irgendwann in den 70er Jahren gespielt. Damals fehlte mir noch der Hintergrund zum Zugang zu romantischen Orgeln. Ich hatte die Disposition aufgenommen und mich beim Lesen dieses Fadens daran erinnert.

Viele Grüße, Flautino.

Labialklarinette

Cremona, Sonntag, 08. Juni 2025, 23:04 (vor 456 Tagen) @ MCVL

Noch zur Ergänzung: ein ähnliches Register war schon in den 1870er Jahren bekannt, der Ulmer Orgelbauer Heinrich Conrad Branmann hat es 1875 in Rißtissen ausgeführt und in einem weiteren Kostenvoranschlag angeboten. Leider ist es mir bis jetzt nicht gelungen, etwas über die Konstruktion darüber herauszufinden.
In Rißtissen war es am Spieltisch angeblich nur als "Clarinette" angeschrieben.

Laut Eberlein S. 98 (3. Auflage) hat Friedrich Nikolaus Jahn in Sachsen labiale Clarinetten spätestens seit 1842 (Stadtkirche Pirna) gebaut. Es handelte sich um ein Register aus Holz, Eberlein vermutet, dass es mit dem schlesischen Portunal verwandt war, ein offenes, trichterförmiges Holzregister, das anscheinend von dem Breslauer Orgelbauer Johann Christian Benjamin Müller entwickelt wurde und dem Johann Julius Seidel 1843 einen "fast clarinettenähnlichen Ton" nachsagte (Eberlein S. 474). Jahn nannte seine labialen Clarinetten einfach "Clarinette", stets 8'. Hatte Branmann vielleicht bei Jahn in Dresden gearbeitet?

Englische Gambe nach Klotz - war: Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "enger" machen...

Alkooikerker @, Sonntag, 08. Juni 2025, 23:12 (vor 456 Tagen) @ jrbecker

[image]

Groningen Martini:flote 4' rw, 15e jahrhundert

Englische Gambe nach Klotz - war: Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "enger" machen...

Cremona, Montag, 09. Juni 2025, 08:44 (vor 455 Tagen) @ Alkooikerker

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Groningen Martini:flote 4' rw, 15e jahrhundert

Gemeint ist doch wohl 16. Jahrhundert? Laut Eberlein (S. 16) kamen konische Labialstimmen erst "ca. 1530-50 vielerorts in Europa auf" und "halbkonische Register gehen ebenfalls auf niederländische Orgelbauer der Zeit um 1550 zurück", aus dem 15. Jahrhundert gibt es keine Belege für konisch konstruierte Labialstimmen.

Labialklarinette

MCVL @, Montag, 09. Juni 2025, 11:11 (vor 455 Tagen) @ Cremona
bearbeitet von MCVL, Montag, 09. Juni 2025, 11:15

Über den beruflichen Werdegang von Branmann ist leider nur wenig bekannt. Nach einer eigenen Aussage in einem Schreiben an die Regierung des Schwarzwaldkreises Reutlingen verbrachte er vor der Selbständigkeit den größten Teil seines Berufslebens bei Weigle und Blessing. Wo er ausgebildet wurde und eventuell anschließend tätig war, erwähnt er nicht, obgleich er sonst sehr mitteilsam war.

Dem erwähnten Kostenvoranschlag lässt sich nur entnehmen, daß das Register von C-H aus Holz und ab c0 aus Zinn ausgeführt werden sollte, mit entsprechenden Intonationshilfen und nach eigener, neuester Konstruktion.

In Rißtissen war die Labialklarinette laut einer Aufzeichnung, die kurz vor dem Abbruch der Orgel 1985 angefertigt wurde, von C-h0 aus Holz und ab c1 aus Zinn angefertigt.

Eine minimale Chance um der Machart der Branmannschen Labialklarinette doch noch auf den Grund zu gehen, würde darin bestehen, die Rißtissener Orgel zu finden. Wo ist sie hingelangt?
Die Orgel wurde im Zuge des Neubaus durch Späth-Ennetach 1985 von dieser Firma in Zahlung genommen und daraufhin in Ars Organi zum Verkauf ausgeschrieben.
Der seinerzeitige Geschäftsführer der Firma Späth, Harald Rapp, hat mir später einmal erzählt, daß sich daraufhin wohl auch Kaufinteressenten gemeldet hätten und er auch noch Besichtigungstermine angebahnt hätte. Die Geschäftsführung bei Späth ging zu dieser Zeit dann an Werner Waldinger über und Harald Rapp hat die Angelegenheit nicht mehr weiter verfolgt. Er meinte aber, soweit er es noch mitbekommen hat sei die Orgel daraufhin an einen ihm unbekannten Ort in Rheinland-Pfalz oder Nordrhein-Westfalen verkauft worden.

Wer also eine Orgel außerhalb Süddeutschlands kennt, an deren Spieltisch Branmanns Firmenschild hängt oder Hinweise auf eine Kegelladenorgel besitzt, die aus dem Schwäbischen stammen soll, dann bitte melden.

Labialklarinette

ErikvdNeers, Montag, 09. Juni 2025, 11:53 (vor 455 Tagen) @ MCVL
bearbeitet von ErikvdNeers, Montag, 09. Juni 2025, 12:00

In die Feith-Orgel von die Marienhospital in Hamm/Ruhrgebiet von 1929 gab/gibt es die Labialklarinette.

[image][image]

Bron: Ahrens/Dierke/Gruschke: Historische Orgeln im Ruhrgebiet

Vielleicht kennt elias.orgel das?

Englische Gambe nach Klotz - war: Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "enger" machen...

piffaro, Montag, 09. Juni 2025, 13:39 (vor 455 Tagen) @ jrbecker

Köln Antoniterkirche steht eine englische Gambe nach Prof. Klotz. Klngt m.E. überhaupt nicht nach Klarinette. Es ist ein sehr "frecher" Streicher

Labialklarinette

Cremona, Montag, 09. Juni 2025, 15:34 (vor 455 Tagen) @ MCVL

Über den beruflichen Werdegang von Branmann ist leider nur wenig bekannt. Nach einer eigenen Aussage in einem Schreiben an die Regierung des Schwarzwaldkreises Reutlingen verbrachte er vor der Selbständigkeit den größten Teil seines Berufslebens bei Weigle und Blessing. Wo er ausgebildet wurde und eventuell anschließend tätig war, erwähnt er nicht, obgleich er sonst sehr mitteilsam war.

Dem erwähnten Kostenvoranschlag lässt sich nur entnehmen, daß das Register von C-H aus Holz und ab c0 aus Zinn ausgeführt werden sollte, mit entsprechenden Intonationshilfen und nach eigener, neuester Konstruktion.

In Rißtissen war die Labialklarinette laut einer Aufzeichnung, die kurz vor dem Abbruch der Orgel 1985 angefertigt wurde, von C-h0 aus Holz und ab c1 aus Zinn angefertigt.

In der veröffentlichten Aufzeichnung von Harald Rapp 1984 fällt mir auf, dass nahezu alle Manualregister mit dem Vermerk "org" = original versehen sind - bis auf die Labialklarinette! Rapp war sich anscheinend nicht sicher, dass dieses Register original ist. Könnte es sich um einen späteren Ersatz für eine durchschlagende Clarinette gehandelt haben? Immerhin war die labiale Aeoline 8' definitiv nicht original! Branmann war bis 1871 Werkführer bei Blessing und übernahm dann dessen Werkstatt (laut Lexikon süddeutscher Orgelbauer). Blessing wiederum hat in Hettingen-Inneringen, St. Martin 1863-65 ein durchschlagendes Clarinet 8' mit Becher C-h Holz, ab c' Zinn vorgesehen und offenbar ab c' in Zink ausgeführt. Ähnlich waren wohl weitere Clarinetten von Blessing; vielleicht hat Branmann in Rißtissen diese Tradition fortgeführt? Wie sicher ist es, dass im Kostenvoranschlag Branmann definitiv eine labiale und keine linguale Clarinette beschreibt? "Neueste Konstruktion" kann ja auch lingual sein, damals wurden unzählige Konstruktionen entwickelt, um den durchschlagenden Zungen das Verstimmen gegenüber den Labialpfeifen abzugewöhnen!

Labialklarinette

MCVL @, Montag, 09. Juni 2025, 16:09 (vor 455 Tagen) @ Cremona
bearbeitet von MCVL, Montag, 09. Juni 2025, 22:11

Über den beruflichen Werdegang von Branmann ist leider nur wenig bekannt. Nach einer eigenen Aussage in einem Schreiben an die Regierung des Schwarzwaldkreises Reutlingen verbrachte er vor der Selbständigkeit den größten Teil seines Berufslebens bei Weigle und Blessing. Wo er ausgebildet wurde und eventuell anschließend tätig war, erwähnt er nicht, obgleich er sonst sehr mitteilsam war.

Dem erwähnten Kostenvoranschlag lässt sich nur entnehmen, daß das Register von C-H aus Holz und ab c0 aus Zinn ausgeführt werden sollte, mit entsprechenden Intonationshilfen und nach eigener, neuester Konstruktion.

In Rißtissen war die Labialklarinette laut einer Aufzeichnung, die kurz vor dem Abbruch der Orgel 1985 angefertigt wurde, von C-h0 aus Holz und ab c1 aus Zinn angefertigt.

In der veröffentlichten Aufzeichnung von Harald Rapp 1984 fällt mir auf, dass nahezu alle Manualregister mit dem Vermerk "org" = original versehen sind - bis auf die Labialklarinette! Rapp war sich anscheinend nicht sicher, dass dieses Register original ist. Könnte es sich um einen späteren Ersatz für eine durchschlagende Clarinette gehandelt haben? Immerhin war die labiale Aeoline 8' definitiv nicht original! Branmann war bis 1871 Werkführer bei Blessing und übernahm dann dessen Werkstatt (laut Lexikon süddeutscher Orgelbauer). Blessing wiederum hat in Hettingen-Inneringen, St. Martin 1863-65 ein durchschlagendes Clarinet 8' mit Becher C-h Holz, ab c' Zinn vorgesehen und offenbar ab c' in Zink ausgeführt. Ähnlich waren wohl weitere Clarinetten von Blessing; vielleicht hat Branmann in Rißtissen diese Tradition fortgeführt? Wie sicher ist es, dass im Kostenvoranschlag Branmann definitiv eine labiale und keine linguale Clarinette beschreibt? "Neueste Konstruktion" kann ja auch lingual sein, damals wurden unzählige Konstruktionen entwickelt, um den durchschlagenden Zungen das Verstimmen gegenüber den Labialpfeifen abzugewöhnen!

Harald Rapp hat auf das "org." auch bei mehreren anderen Registern verzichtet, bei allen Pedalregistern und dem Manual-Bourdon.
Andererseits hat er die Aeoline eindeutig als nicht originales Register hervorgehoben. Daher halte ich das eher für einen Flüchtigkeitsfehler.

In der Regel sind den Kostenvoranschlägen württembergischer Orgelbauer (zumindest bis etwa 1900, danach werden die Beschreibungen sparsamer) bei lingualen Registern genaue Materialangaben zu den einzelnen Bestandteilen wie Becher, Stiefel, Kehlen etc. beigegeben, so auch bei Blessing. Von Branmann kenne ich keinen Kostenvoranschlag, der Zungenregister beinhaltet, aber es wäre im Vergleich mit seinen Kollegen/Konkurrenten merkwürdig, wenn er darauf verzichtet hätte.

Branmann hat nach der Übernahme der Firma auch nicht 1:1 weiter Blessing-Orgeln gebaut, das zeigt sich schon an der Spieltischgestaltung oder der Machart des Pfeifenwerks. Der Mann war von sich viel zu sehr selbst überzeugt, als daß er nicht seine eigenen Ideen und Vorstellungen verwirklicht hätte ("meine Orgeln sind die besten in Württemberg", wie er selbst seine Erzeugnisse einmal gegenüber einem potentiellen Auftraggeber, der Kirchengemeinde Laufen an der Eyach, eingeschätzt hat). Von Menschen, die mit ihm zu tun hatten, seien es Sachverständige wie Ottmar Dressler oder Adolf Kaim und Orgelbauer wie Franz Xaver Späth oder Xaver Mönch, ist über seine fachliche Qualifikation ebenfalls nur höchstes Lob bekannt; was die kaufmännische Seite angeht, hatte er aber weitaus weniger Geschick.
Von seinem Können und seinem Fachwissen her spricht wohl nichts dagegen, daß er selbst eine solche Labialklarinette erdacht und ausgeführt hat.

Englische Gambe nach Klotz - war: Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "enger" machen...

Christoph @, Montag, 09. Juni 2025, 18:46 (vor 455 Tagen) @ piffaro

Köln Antoniterkirche steht eine englische Gambe nach Prof. Klotz. Klngt m.E. überhaupt nicht nach Klarinette. Es ist ein sehr "frecher" Streicher

Mir ist ebenfalls eine englische Gambe bekannt, die von Klotz disponiert und mensuriert wurde. Ist zylindrisch mit trichterförmigem Aufsatz, was man auch als Bell-Gamba kennt. Ist ein ganz netter Streicher.

Labialklarinette

davidke95, Montag, 09. Juni 2025, 21:36 (vor 455 Tagen) @ MCVL

Dazu kann ich nur sagen dass es im Raum Trier mehrere Orgeln gibt, die aus dem Schwäbischen stammen und in den 1960er-1980er Jahren von Späth dorthin verkauft wurden, so bspw. Trier-Tarforst, St. Andreas (ersetzt durch techn. Neubau von Fasen, Pfeifenmaterial teilweise wiederverwendet - ursprünglicher Standort nicht bekannt) und Idenheim, St. Nikolaus (Erbauer und Herkunft unbekannt, allerdings keine Kegel-, sondern Schleifladen). Gibt dort noch 1-2 Orgeln mehr, aber die Ortsnamen fallen mir gerade nicht ein. Harald Rapp war ja in der Ecke ebenfalls tätig (Trier, St. Augustinus), weshalb auch hier eine Verbindung gegeben wäre. Von daher wäre es durchaus denkbar, dass auch oben genannte Orgel dort gelandet ist.

Labialklarinette

MCVL @, Montag, 09. Juni 2025, 21:51 (vor 455 Tagen) @ davidke95

Danke, das ist ein interessanter Hinweis, dem nachzugehen sich lohnen könnte.

Die Orgel muss jedenfalls an ihrem neuen Aufstellungsort mit einem neuen Gehäuse versehen worden sein, das Branmann-Gehäuse wurde beim Späth-Neubau 1985 wiederverwendet und ist in Rißtissen verblieben (für Haunsheim und Wört bei Ellwangen lieferte Branmann sehr ähnliche Entwürfe, die Spielwerke sind dort mehr oder weniger erhalten).

Englische Gambe nach Klotz - war: Pfeifen in der Mitte ihrer Länge "enger" machen...

Orlos @, Montag, 09. Juni 2025, 22:12 (vor 455 Tagen) @ Christoph

Wäre das nicht eine gute Bauform, um eine Gambe in ein bestehendes Werk nachzurüsten? Es werden ja gerne derzeit Brustwerke aus den 1960er- und 70er-Jahren umdisponiert. Im Labiumsbereich hat man eine enge Mensur, oben dagegen einen trichterförmigen Pfeifenkörper, wo mehr Platz zur Verfügung steht.

Labialklarinette

hardy @, Montag, 09. Juni 2025, 22:55 (vor 455 Tagen) @ ErikvdNeers

Nebenbei:ich habe diese interessante Orgel in Hamm vor ca 20 Jahren besucht. Weiß jemand, ob sie zwischenzeitlich mal restauriert wurde? Damals war sie verändert und hatte direkt hinter dem Generalschweller eine Zimbel...

Labialklarinette

MCVL @, Montag, 09. Juni 2025, 23:33 (vor 455 Tagen) @ Cremona
bearbeitet von MCVL, Dienstag, 10. Juni 2025, 00:57

Eine Sache - rückblickend auch auf den Fall "Faurndau" - macht mich nach langer Überlegung doch etwas stutzig.
Es wird immer Eberlein und Literatur aus dem Walcker-Hausverlag zitiert... und wenn dann Ergebnisse aus der Feldforschung dazukommen, die nicht in das Weltbild passen, wird alles unternommen, dagegen vorzugehen...

Zitiert sich da womöglich jemand selbst???

Belegen kann ich es natürlich nicht, aber der Verdacht drängt sich zunehmend auf und darüber kann sich jeder selbst eine Meinung bilden.

Und warum sollte ein Heinrich Conrad Branmann (welcher nach seiner glaubhaften Aussage jahrelang bei einem Hochkaräter wie Carl Gottlieb Weigle gearbeitet hat), dessen erhaltene Orgeln das beste Zeugnis für sein hervorragendes Können darstellen, mit seiner Fachkompetenz und seiner Praxiserfahrung nicht unabhängig von irgendwelchen Vorbildern eine Labialklarinette entwickelt haben (ebenso wie Jahn es laut "Eberlein" mehrere Jahrzehnte vorher getan hat)? Vielleicht sogar mit Blick auf die "WartungsUNfreundlichkeit" der lingualen Klarinetten von Blessing und Weigle?

Labialklarinette

Cremona, Dienstag, 10. Juni 2025, 13:06 (vor 454 Tagen) @ MCVL

Eine Sache - rückblickend auch auf den Fall "Faurndau" - macht mich nach langer Überlegung doch etwas stutzig.
Es wird immer Eberlein und Literatur aus dem Walcker-Hausverlag zitiert... und wenn dann Ergebnisse aus der Feldforschung dazukommen, die nicht in das Weltbild passen, wird alles unternommen, dagegen vorzugehen...

Zitiert sich da womöglich jemand selbst???

Belegen kann ich es natürlich nicht, aber der Verdacht drängt sich zunehmend auf und darüber kann sich jeder selbst eine Meinung bilden.

Und warum sollte ein Heinrich Conrad Branmann (welcher nach seiner glaubhaften Aussage jahrelang bei einem Hochkaräter wie Carl Gottlieb Weigle gearbeitet hat), dessen erhaltene Orgeln das beste Zeugnis für sein hervorragendes Können darstellen, mit seiner Fachkompetenz und seiner Praxiserfahrung nicht unabhängig von irgendwelchen Vorbildern eine Labialklarinette entwickelt haben (ebenso wie Jahn es laut "Eberlein" mehrere Jahrzehnte vorher getan hat)? Vielleicht sogar mit Blick auf die "WartungsUNfreundlichkeit" der lingualen Klarinetten von Blessing und Weigle?

Natürlich könnte Branmann unabhängig von Vorbildern eine eigene Labialklarinette entwickelt haben. Das ist eine mögliche Hypothese a), daneben gibt es mindestens zwei andere denkbare Hypothesen: b) Branmann hat die Labialklarinette von Jahn übernommen, c) die Labialklarinette von Rißtissen stammte nicht von Branmann, sondern aus späterer Zeit und Branmanns Kostenanschlag beschreibt keine Labialklarinette, sondern eine liguale Klarinette.

In der Wissenschaft muss man eine Hypothese entweder zweifelsfrei beweisen (was in vielen Fällen unmöglich ist), oder zumindest alle Alternativhypothesen widerlegen, damit die These von anderen Wissenschaftlern akzeptiert wird. Tut man es nicht, muss man damit leben, dass andere Wissenschaftler andere Thesen für richtig halten.

Alternativthese b) kann man zumindest als unwahrscheinlich einstufen, weil die Labialklarinette in Rißtissen teilweise aus Metall war, die Jahn'sche Labialklarinette dagegen durchgängig aus Holz; zudem gibt es keinen Beleg für einen Aufenthalt Branmanns bei Jahn oder in Sachsen.

Bleibt noch die Alternativhypothese c). Da die Orgel von Rißtissen nachweislich in einem Register bereits verändert war, läßt sich grundsätzlich nicht ausschließen, dass die Labialklarinette nicht von Branmann stammte, zumal Rapp sie - anders als fast alle anderen Register – nicht ausdrücklich als original einstufte. Und auch die Clarinette in Branmanns Kostenanschlag belegt nicht zweifelsfrei, dass Branmann eine Labialklarinette entwickelt hatte, weil aus dem Text die labiale Natur des Registers nicht zweifelsfrei hervorgeht. Folglich kann man die Alternativhypothese c) nicht zweifelsfrei ausschließen und die ursprüngliche Hypothese a), Branmann entwickelte eine eigene Labialklarinette, kann man nicht zweifelsfrei belegen. Also muss die Suche nach Informationen, welche eine Entscheidung zwischen diesen beiden Hypothesen ermöglichen, weitergehen; bis dahin muss man damit leben, dass man die Sache so oder so sehen kann.

Was nun ihre Verschwörungstheorie betrifft „wenn dann Ergebnisse aus der Feldforschung dazukommen, die nicht in das Weltbild passen, wird alles unternommen, dagegen vorzugehen...“:
Nein, niemand geht gegen Ihre Feldforschung und ihre Ergebnisse vor. Das Problem ist: Wer etablierte, wohlbegründete wissenschaftliche Erkenntnisse durch andere ersetzen will, muss seine Erkenntnisse hieb- und stichfest beweisen, sonst wird die wissenschaftliche Welt seine Erkenntnisse nicht ernst nehmen. Und da hapert es bei Ihren Erkenntnissen manchmal noch gewaltig. Seien sie froh, dass jemand vom Fach Sie auf Schwächen Ihrer Argumentationen aufmerksam macht, so haben Sie die Chance, diese zu verbessern, bevor Sie diese in einer gedruckten Publikation verbreiten. Nichts auf der Welt ist ärgerlicher für einen Autor als Rezensionen seines Werks, die seiner Publikation gewichtige Mängel in der Argumentation oder in der handwerklichen Ausführung nachweisen, mit der Folge, dass die Wissenschaftswelt diese Publikation nicht ernst nimmt, dass das Buch nicht in Bibliotheken eingestellt und dort für Jahrzehnte und Jahrhunderte aufbewahrt wird, dass möglicherweise ein Großteil der Auflage unverkäuflich wird und zahlreiche Exemplare irgendwann eingestampft werden müssen. Aber wenn es Ihnen lieber ist, kann ich auch in Zukunft hier im Forum auf Kommentare zu Ihren Thesen verzichten – dann schreibe ich eben meine Kommentare gegebenenfalls später als öffentliche Rezension ihrer Publikation.

Labialklarinette

MCVL @, Dienstag, 10. Juni 2025, 22:17 (vor 454 Tagen) @ Cremona
bearbeitet von MCVL, Dienstag, 10. Juni 2025, 23:09

Mein lieber Cremona,

auch ich bin von Fach, nur von der instrumentenbaulichen Seite aus der Praxis heraus und bin in der Lage manches anders einzuschätzen als vom Schreibtisch aus. Das unterscheidet uns in einem wesentlichen Punkt, offenbar auch was das "Lesen" von Kostenvoranschlägen anbetrifft.

Wir können auch gerne einmal zusammen württembergische Orgeln verschiedener Werkstätten an Ort und Stelle besichtigen, analysieren, spielen, dann darüber diskutieren.
Vielleicht werden sie dann feststellen, daß lange nicht alles aus der Literatur herauszulesen, sondern am Instrument abzulesen ist.

Am Schluss hier anzukündigen, fast anzudrohen, künftige Publikationen meinerseits zu "zerreisen" (mal salopp gesagt), ist das ein feiner Stil?
Wir werden dann ja sehen, in wie weit diese Rezensionen Bestand haben, wir werden sehen, aus wessen Feder die Rezensionen stammen und ob diese dann noch als glaubhaft wahrgenommen werden nach dieser Offenbarung hier.

Wenigstens unterschreibe ich hier mit Klarnamen.

Mark Vogl

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