Handgeschöpft? Giulio Tosti!

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Freitag, 23. Mai 2025, 23:55 (vor 474 Tagen)

Ist der Ruf erst ruiniert, usw. - in diesem Sinne möchte ich heute wieder mal auf etwas hinweisen, das aus einer extremen Randzone der Orgelkultur kommt und nur wenige hier für sinnvoll halten werden.
Aber diese Sachen haben immer wieder Fürsprecher: Beim Festival in Toulouse war und ist es Yves Rechsteiner, der Giulio Tosti für eine Artist Residence einlud, und kürzlich spielte Tosti in Berlin ein gemeinsames Impro-Konzert mit Sebastian Heindl in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. (Bericht mit kurzen Videos auf Tostis FB-Seite).

Was mich beeindruckt, ist, dass wieder einmal jemand etwas sehr Eigenes gefunden hat und sein Ding durchzieht. In diesem Fall ist es sogar mit viel körperlicher Arbeit verbunden. Von musikalischem Interesse ist es für all jene, die für Minimal Music, Ambient und anderer EDM Sympathie haben.
Tosti macht ja Verschiedenes, hier geht es um "Rupestre", ein Projekt, bei dem experimentelle Portative (anscheinend ursprünglich Lehr-Geräte der Association Toulouse Les Orgues) ausschließlich über die Bälge (jeweils Zwei-Zylinder-Typen, sozusagen) gespielt werden.
Ich kann nachvollziehen, dass so etwas unter Orgelfreunden abgelehnt wird, und einige werden es sogar teilweise für Teufelszeug halten. Ich allerdings nicht, deshalb poste ich das mal.

Sebastian Heindl ergänzte Tostis Musik (soweit man das im veröffentlichten MAterial erkennen kann) durch Spiel auf der KWG-Truhenorgel, im Altarraum neben Tostis Instrumenten platziert, und der über eine Clavia Nord C2 gesteuerten Schuke-Orgel. Tostis Instrumente sind in Berlin nicht mikrophoniert, was darauf hindeutet, dass sie live auch ganz schön Druck machen können, denn sie leisten der Schuke durchaus Widerstand.
Das Berliner Material scheint stark auf dem klanglichen Material dieses 2023 live in Toulouse aufgenommenen Videos zu basieren. Dieses dauert 25 Minuten, und ich erlaube mir, auf interessante Momente hinzuweisen, die m. E. auch dann einen Blick lohnen, wenn der ganze Film zu mühsam erscheint.

Erstes Arrangement:
Drei Akkorde auf der Instrumenten, eines davon lingual - auf letzterem erklingen auf sanftem Druck nicht alle Töne, nach 16 Takten wird durch einen starken Windakzent die noch "fehlende" Zungenpfeife gezündet. (Die mit der Handschuh-Dämpfung?)
Ab 1:28 werden Windakkzente auch auf den Labial-Instrumenten genutzt. Ab ca. 3:10 wird die erwähnte Zungenpfeife durch Fangen der Balgplatte auch wieder "ausgeschaltet".
Ab ca. 4:05 Variationen des Bisherigen.
Ab 4:40 auslaufender Schluss mit "Fermate"

Zweites Arrangement (5:27):
Ein labialer Akkord (Metallgedackte) in tiefer Lage (aufgrund sehr geringen Drucks). Es folgt eine langsame Bewegung ebenfalls auf recht geringem Druck, ab ca. 7:00 dann mit rhythmischer Bewegung, crescendo, ab 8:00 eine Balg-Percussion auf den letzten Millimetern des Hubs, es entwickelt sich dann Komplexeres, und die Pfeifen dürfen wieder annähernd normal sprechen, auch schnellste rhythmische Werte werden "geschöpft" (ca. 9:00).

In einem dritten "Satz" (11:10) hört man ein auf dem Instrumenbt mit offenen Metallpfeifen ein Spiel mit Obertönen (geringer Druck) in Abwechslung mit dynamisch-rhythmischen Entwicklungen an den Bälgen, wobei eine Art "Doppelzunge" zur Anwendung kommt - wie es genau läuft, übersteigt die Wiedergabefähigkeit des Videos. Irgendwo gibt es zwei Berührungen der Balggriffe pro Handbewegung oder so…. womit auch die Gewschindigkeit an Tonwiederholung überschritten wird, die man auf Klaviaturen spielen könnte.
Ab 13:27 kommen dann Tonmodulationen an den Pfeifenmündungen dazu.

Ein vierter Satz (15:08):
Hier sind die Instrumente mit den offenen Pfeifen und den Zungen beteiligt. Ersteres eröffnet, allerdings sind die Pfeifen neben die Fußlöcher gestellt und es geht nur um das Blasgeräusch. Auf dem Zungeninstrument wird mit hohem und höchstem Druck etwas sehr Archaisches erzeugt - eine Art Stampfen, Singen, Dudelsack - kriegerisch, auf jeden Fall sehr kraftvoll. Durch das Stringendo beinahe der Tanz eines afrikanischen Dorfes - Tosti verwendet selbst das Wort "tribal" in seinen Beschreibungen. Dieses relativ lange Stück entwickelt sich spieltechnisch zum Bodybuilding. Rund um ca. 23:30 gibt es auch Lücken im Bordun. Letztlich beschleunigt das Stück fast bis zur Wirkung einer Schnellzug-Dampflok, bis das Ende des physisch Machbaren auch zum Ende des Stücks führt.

Handgeschöpft? Giulio Tosti!

Evacuant, Samstag, 24. Mai 2025, 09:14 (vor 474 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Ich finde es genial!

Handgeschöpft? Giulio Tosti!

JRorgel @, Samstag, 24. Mai 2025, 11:25 (vor 474 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Ich finde es total beeindruckend. Vor allem das letzte Stück… Es erinnert doch ein bisschen an Dark Metal. Nicht schlecht. Danke für den Hinweis!

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"Orgelspielen heißt, einen mit dem Schauen der Ewigkeit erfüllten Willen offenbaren." (Charles-Marie Widor)

Handgeschöpft? Giulio Tosti!

Florian-L @, Samstag, 24. Mai 2025, 13:31 (vor 474 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Kalkieren auf höchstem Niveau!

Handgeschöpft? Giulio Tosti!

Orlos @, Samstag, 24. Mai 2025, 13:36 (vor 474 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Einerseits coole Effekte, andererseits auch recht eintönig. Ein ganzes "Konzert" würde ich mir nicht antun. Spannender stelle ich mir die Kombination mit Instrumenten vor, die eine "richtige" Melodie spielen können.

Handgeschöpft? Giulio Tosti!

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Samstag, 24. Mai 2025, 19:20 (vor 473 Tagen) @ Orlos

Einerseits coole Effekte, andererseits auch recht eintönig. Ein ganzes "Konzert" würde ich mir nicht antun. Spannender stelle ich mir die Kombination mit Instrumenten vor, die eine "richtige" Melodie spielen können.

Sehe ich ähnlich - das Maß des Videos, 25 min, scheint mir ausreichend und auch zum aktuellen Stand seine Möglichkeit an diesen Instrumenten abzudecken.
Mit Sebastian Heindl dauerte es eventuell länger, und da war eben genau das, dass etwas hinzutritt. Hier die Veranstaltungswerbung.

Alternativ könnte man es gleich als Dance-Veranstaltung anlegen, dann muss natürlich verstärkt werden, animiertes Licht dazu etc.
Auf dem Video bewegt sich eine Dame ja bereits in solcher Weise.
In solchem Kontext wäre dann auch ein richtiger Beat, also elektronisches Schlagzeug, erforderlich. Das würde wiederum die Leistung der Orgel-Instrumente schmälern, die ja schon recht viel Groove bieten.
Daher neige ich auch dazu, dass das (Solo-)Programm eher nicht abendfüllend, sondern Teil von etwas Größerem sein sollte.

Handgeschöpft? Giulio Tosti!

Evacuant, Samstag, 24. Mai 2025, 20:35 (vor 473 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Sehe ich ähnlich - das Maß des Videos, 25 min, scheint mir ausreichend und auch zum aktuellen Stand seine Möglichkeit an diesen Instrumenten abzudecken.

Ich fand die 25 Minuten keineswegs eintönig und könnte mir auch vorstellen, dass die Möglichkeiten noch nicht ausgereizt sind. Also ich wäre jedenfalls auch auf eine längere Veranstaltung gespannt.

Alternativ könnte man es gleich als Dance-Veranstaltung anlegen, dann muss natürlich verstärkt werden, animiertes Licht dazu etc.
Auf dem Video bewegt sich eine Dame ja bereits in solcher Weise.
In solchem Kontext wäre dann auch ein richtiger Beat, also elektronisches Schlagzeug, erforderlich.

Um so eine Veranstaltung würde ich allerdings einen großen Bogen machen.

Handgeschöpft? Giulio Tosti!

elias.orgel, Sonntag, 25. Mai 2025, 09:16 (vor 473 Tagen) @ Evacuant
bearbeitet von elias.orgel, Sonntag, 25. Mai 2025, 09:37

... das Maß des Videos, 25 min, scheint mir ausreichend und auch zum aktuellen Stand seine Möglichkeit an diesen Instrumenten abzudecken.

Ich fand die 25 Minuten keineswegs eintönig und könnte mir auch vorstellen, dass die Möglichkeiten noch nicht ausgereizt sind. Also ich wäre jedenfalls auch auf eine längere Veranstaltung gespannt.

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Das empfinde ich ganz ähnlich, da geht bestimmt noch eine ganze Menge mehr und höchstwahrscheinlich überhaupt nicht lang-weilig...

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Alternativ könnte man es gleich als Dance-Veranstaltung anlegen, dann muss natürlich verstärkt werden, animiertes Licht dazu etc. ...
In solchem Kontext wäre dann auch ein richtiger Beat, also elektronisches Schlagzeug, erforderlich.

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Es gab bei MTV mal eine ganz Serie von "unplugged" Konzerten die ganz wunderbar komplett ohne jegliche elektronische Mitwirkung ausgekommen sind und durchaus Cembalo, Orgelpositiv etc eingesetzt haben
Björg unplugged London 1994

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Letztlich beschleunigt das Stück fast bis zur Wirkung einer Schnellzug-Dampflok, bis das Ende des physisch Machbaren auch zum Ende des Stücks führt.

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Klingt natürlich sehr poetisch...

Alains litanies ist ja eigentlich auch nur die Vorort Eisenbahn

Meine Musiklehrerin meinte mal zum Ende "des" Boleros, er müsste ja so aufhören, da sonst noch die Schallmauer durchbrechen könnte...

Ja ja ja, so ein Lichtjahr ist schon recht lang (aber nie weilig ;-)

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Orgelspielen heißt: im Sitzen tanzen ...

... für Gott

Handgeschöpft? Giulio Tosti!

hintersatz ⌂ @, Samstag, 24. Mai 2025, 20:50 (vor 473 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
bearbeitet von hintersatz, Samstag, 24. Mai 2025, 23:22

Ist der Ruf erst ruiniert, usw. - in diesem Sinne möchte ich heute wieder mal auf etwas hinweisen, das aus einer extremen Randzone der Orgelkultur kommt und nur wenige hier für sinnvoll halten werden.

Das hier kann uns ja recht egal sein, im dort sehe ich ein recht junges Publikum, das sich wie ich ich anno'83 im Freiburger Münster in den Raum fläzt und der Darbietung gespannt folgt. Darf man in Freiburg nicht mehr, dafür gibt's ne Generalspieltisch für ne Mio und ne Französische für?
Ich muss noch viel besser als heute spielen, dann werde ich in Schuttertal das Gebläse verpönen und auf einem Kalkantendienst bestehen. Technisch haben wir das, sogar ne Fahrradklingel für den Schöpfer.
Bei aller Wertschätzung, das ist schon ein wirklich guter Percussionist, der sich die Orgelbälge als Instrument ausgesucht hat. So was ähnliches auf der modifizierten E-Guitarre habe ich mal im ehemaligen Kölner Underground als Free-Jazz mit großer Begeisterung gehört, falls mir der Name des Performers noch einfällt, schreib ich es hier.

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Organiste titulaire de l'Opus diaboli

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