100 Register für St. Marien - Gespenstische Visionen anno 1919

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Sonntag, 04. Mai 2025, 16:52 (vor 492 Tagen)

Hier bat man mich, Näheres, so weit bekannt, zu den Entwürfen für die 1919 überlegte Wiederaufrüstung (nenne ich jetzt mal so) der Orgel der Rostocker Marienkirche mitzuteilen.

Ich wollte das bisher nicht machen, weil ich ein etwas dickeres Heftchen zur Orgelgeschichte in Rostock erarbeiten wollte, beinahe schon als Vorbereitung zur Festschrift einer Wiedereinweihung und 202X, aber das ist nicht besonders realistisch. Und da ich andernorts immer wieder das Zurückhalten von Erkenntnissen kritisiert habe, erstellte ich nun diese Datei.

Das ist jetzt nicht die Hohe Schule der Orgelbauforschung, noch nicht einmal des Scannens von Dokumenten, denn es sind vor vielen Jahren erstellte Fotos, eigentlich als Sicherheitskopie für den Fall des Verschwindens der Akten und als Arbeitsgrundlage gedacht.

Inzwischen bin ich klüger, gerade auch was die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert betrifft. Und hier im AfD-Thread diskutieren wir indirekt die Beziehung des 20. Jahrhunderts zur Gegenwart.

Also, ich muss nun sagen, dass mir die gefundenen Akten richtig peinlich sind. Dass meine Altvorderen - im Übrigen nicht der Organist, über den mir außer seinem Namen nichts bekannt ist, sondern der Vorsitzende des Kirchenrates - sozusagen unter noch nicht vollständig verzogenem Pulverdampf und Senfgas-Nebel von bester deutscher Orgelromantik träumen, wohlgemerkt aber in Zeiten des Rübenkaffees und der aluminierten oder broncierten Zinkpfeife (wobei der in Holz gebaute Bass schon mal mehr als eine Oktave umfasst), das ist eine Realitätsferne, die aus heutiger Sicht erstaunt.
Aus dieser Betroffenheit habe ich die Zeittafel angelegt, die den historischen Kontext der Bemühungen um eine neue Großorgel und des letztlichen Scheiterns darstellt. Nur 19 Jahre später ist man etwas deutscher und schafft die vorhandene neoklassische/neobarocke Orgel. Mit der 1919er-Planung teilt sie sich die materielle Not.

Mit heutigem Kenntnisstand bin ich doch eher erleichtert, dass das 1919er-Konzept nicht realisiert wurde. Selbst von Sauer wäre es wohl etwas eher Fragwürdiges geworden und auch ohne Kriegsbeschädigung schon manchem Umbau unterzogen worden, wahrscheinlich erstmals noch Mitte der 30er-Jahre.

Nun ja - amüsiert Euch. Und wenn jemand die Handschrift von Kommerzienrat Ohlerich entziffern kann, das wäre auch super. Da sein Vorname fehlt, konnte ich bisher nicht ermitteln, wie weit er der einstigen Eigentümerfamilie der Brauerei Mahn & Ohlerich nahestand.

100 Register für St. Marien - Gespenstische Visionen anno 1919

Orlos @, Sonntag, 04. Mai 2025, 23:01 (vor 492 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Die Vorschläge bewegen sich klanglich in dem Rahmen, der vor dem 1. Weltkrieg üblich war, man vergleiche etwa Lutherkirche Wiesbaden 1912 (ohne Hochdruckstimmen) oder St. Elisabeth Bonn (1913, mit Hochdruck).
Das hätte man schon ein paar Jahre später als ziemlich einseitig empfunden, insofern verstehe ich Deine Einschätzung, dass es gut war, dass sie nicht realisiert worden sind. Selbst wenn eine solche Orgel gebaut worden wäre, hätte man sie bestimmt spätestens nach dem 2. Weltkrieg tiefgreifend umgebaut ("aufgenordet").
Andererseits hätte es für Euch heute den Vorteil, Euch nicht mit schlechtem Material des 18. Jahrhunderts herumschlagen zu müssen, das wäre dann nämlich weg gewesen.

Detail:
Bei Sauer findet sich das labiale Register "Schalmey 8'" im 2. Manual, zu dem die Vox angelica schweben soll. Interessant. Ich kenne "Labialklarinetten", die aber nach Klarinette klingen. Wenn hier eine Schwebung dazupassen soll, müsste die "Schalmey" doch eher nach Streicher klingen, statt nach einer Schalmey.
(Oder es ist ein Fehler und die Vox angelica sollte zur Nr. 30 schweben, dem Salicional).

100 Register für St. Marien - Gespenstische Visionen anno 1919

fluteceleste @, Montag, 05. Mai 2025, 13:04 (vor 491 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
bearbeitet von fluteceleste, Montag, 05. Mai 2025, 13:24


Nun ja - amüsiert Euch.

Lieber Karl-Bernhardin,
ganz herzlichen Dank, das werde ich...ist ja reichlich Material.

Und wenn jemand die Handschrift von Kommerzienrat Ohlerich entziffern kann, das wäre auch super. Da sein Vorname fehlt, konnte ich bisher nicht ermitteln, wie weit er der einstigen Eigentümerfamilie der Brauerei Mahn & Ohlerich nahestand.

Ohne etwas entziffert zu haben: Könnte das vielleicht Heinrich Ohlerich gewesen sein? Hier auf S.351 unten bei "Gestorben" (am 17.11.1925)..
https://mvdok.lbmv.de/mjbrenderer?id=mvdok_document_00003575

Handschriften würde ich sagen kann Herr MCVL aus dem Effeff (oder bei uns heisst es vielleicht eher "FF"..)

Terrassendynamische Grüße
Stefan

100 Register für St. Marien - Gespenstische Visionen anno 1919

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 05. Mai 2025, 13:08 (vor 491 Tagen) @ fluteceleste

Ohne etwas entziffert zu haben: Könnte das vielleicht Heinrich Ohlerich gewesen sein? Hier auf S.351 unten bei "Gestorben" (am 17.11.1925)..
https://mvdok.lbmv.de/mjbrenderer?id=mvdok_document_00003575

Terrassendynamische Grüße
Stefan

Ja, den hatte ich auch schon in Verdacht. Das ließe sich sicher in unseren Akten recherchieren, aber die Zeit... und teilweise liegen sie inzwischen auch in Schwerin.

Koulen

MCVL @, Montag, 05. Mai 2025, 17:57 (vor 491 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
bearbeitet von MCVL, Montag, 05. Mai 2025, 18:12

Herzlichen Dank für diese Dokumente, vor allem diejenigen, welche Koulen betreffen, war und bin ich doch ein großer Freund dieser klanglich sehr ansprechenden und farbenreichen Orgeln mit herrlichen Charakterstimmen, brachialen Tutti und einer sehr präzisen Pneumatik und hatte selbst auch beruflich an etlichen Koulen-Orgeln (Tiefenbach/Oberstdorf, Pleß an der Iller, Moosbach, Sulzberg, Hasberg, Markt Wald, Baisweil, Kettershausen) zu tun.

Meinerseits denke ich, daß die Rostocker Orgel, wäre sie denn gebaut worden, sicher mit Notreparaturen, Ausreinigungen und dergleichen bis in die 1980er Jahre am Laufen geblieben wäre.

Die Orgel in Hausham wurde hier ja schon für einen Besuch empfohlen, gleiches gilt meiner Meinung für die nicht minder prächtige Orgel in Kettershausen, die kürzlich von Kubak mustergültig restauriert wurde.

In den kommenden Tagen transkribiere ich die Handschift, ich habe es mal überflogen, meiner Meinung nach stammen die Texte nicht von dem Kommerzienrat selbst, sondern sind Konzepte für Antworten an Koulen aus der Feder eines Mitglieds der Kirchenverwaltung. Es dreht sich grob gesagt über die Leistung einer Zahlung an Koulen für bereits angefertigte Bestandteile der Orgel.

Hier einmal eine Seite des von mir selbst zusammengestellten Werkverzeichnis der Firma, welches ein gutes Bild über das Wirken und die Leistungsfähigkeit dieser Werkstätte vermittelt.
Wenn es von Interesse ist, kann ich auch die komplette Liste einstellen.


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Die Membranlade System Koulen (samt den Spielapparaten im Spieltisch und den Abstromstationen an den Windladen) sei in der nachstehenden Zeichnung den interessierten Foristen nähergebracht. Der wesentliche Unterschied zu der Weigle-Membranlade besteht darin, daß die sogenannten "Haubenmembranen" bei Koulen auf die Fundamentbretter der Windladen aufgeleimt sind und im Störungsfall Pfeifenwerk und Stöcke abgebaut werden müssen, während die Membranen bei Weigle auf sogenannten "Membrandeckeln", welche mit Eisenreibern an der Unterseite der Windlade befestigt sind, sitzen, bei Weigle im Störungsfall also nur die Membrandeckel demontiert werden müssen. Ein weiterer Unterschied zwischen Koulen und Weigle ist die Wahl des Leders für die Membranen: Weigle verwendete dafür relativ dickes Schafleder, welches mittels eines speziellen Verfahrens präpariert wurde, Koulen für seine Haubenmembranen dünnes Darmleder.


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Eine typische Koulen-Disposition, die meines Wissens bislang nicht publiziert wurde, habe ich im Zuge meiner Weise-Forschungen im Bistumsarchiv Bamberg ermitteln können. Die einzige Koulen-Orgel für Oberfranken entstand 1918 für Steinfeld (Opus 204) und stellt eines der letztgebauten Instrumente der Werkstatt dar:


I. Manual
1) Principal 8'
2) Harmonieflöte 8'
3) Quintatön 8'
4) Gamba 8'
5) Gemshorn 8'
6) Dolce 8'
7) Octav 4'

I. Manual (im Schweller)
8) Geigenprincipal 8'
9) Liebl. Gedeckt 8'
10) Salicional 8'
11) Vox celest 8'
12) Traversflöte 4'
13) Quinte 2 2/3'
14) Piccolo 2'
15) Terz 1 3/5'

Pedal
16) Subbaß 16'
- Still Gedeckt 16' (Abschwächung)
17) Cello 8'


Daß die Firma aus dem badischen Oppenau in Bayern, besonders im Kreis Schwaben und Neuburg, bekannt wurde, war dem Eichstätter Domkapellmeister und Orgelrevidenten Wilhelm Widmann zu verdanken, der mit Koulen seit dem Bau der (technisch) nicht unumstrittenen Münsterorgel in Strasbourg 1897 in Austausch stand und immer wieder in Fachperiodika das Wort für Koulen ergriff. Die ersten Koulen-Orgeln unter Expertise von Widmann für Bayern entstanden 1898/99 für Gaimersheim, Missen, Scheffau und Reicholzried, wobei letztere im weitgehenden Originalzustand erhalten ist.
Die Zusammenarbeit zwischen Koulen und Widmann gefiel nicht allen; als es an die Vergabe der Orgeln für Landshut und die Basilika Altötting ging, wurde Widmann (meines Wissens von Siemann) vorgeworfen, er würde von Koulen ordentlich geschmiert werden, was zu juristischen Auseinandersetzungen führte, die aber schlußendlich Widmann von allen Korruptionsvorwürfen entlasteten.

Wilhelm Widmann stammte gebürtig übrigens aus Missen im Allgäu und selbstverständlich durfte Koulen dort auch eine Orgel bauen, eine der ersten Koulen-Orgeln im Allgäu. Nun denn, hat Koulen Widmann tatsächlich nicht geschmiert? : -) Ich glaube es eher nicht, Widmann war einfach ein überzeugter Anhänger der Koulenschen Bauweise und Intonation.

Hier das entsprechende Werbeblatt für die Orgel nach Missen, die umgebaut und erweitert durch Zeilhuber immer noch vorhanden ist:


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Und abschließend noch ein Portrait einer der bekanntesten großen Koulen-Orgeln, der kolossalen Orgel für St. Ulrich und Afra in Augsburg, die leider erst spät einem Neubau zum Opfer gefallen ist. Der Beitrag erschien in der in Graz erschienenen "Zeitschrift für Orgel- und Harmoniumbau" (Jg. 1 Nr. 4-6).


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Koulen

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 05. Mai 2025, 18:58 (vor 491 Tagen) @ MCVL

Danke!
Dieses österreichische Magazin ist ja auch lesenswert: Die Vergabeproblematik des Wiener Musikvereinssaals, der Ausschluss der Firma Rieger - den Gebläse-Absatz hatten wir hier schon mal, oder?
Und hatten wir die dem Bericht nach ausgebaute Unteroktavkoppel der Augsburger Orgel im entsprechenden Thread schon vermeldet gefunden?

Koulen

MCVL @, Montag, 05. Mai 2025, 19:18 (vor 491 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Danke!
Dieses österreichische Magazin ist ja auch lesenswert: Die Vergabeproblematik des Wiener Musikvereinssaals, der Ausschluss der Firma Rieger - den Gebläse-Absatz hatten wir hier schon mal, oder?

Genau, den Absatz mit dem Gebläse habe ich schon einmal eingestellt. Dieses Magazin ist eine wirkliche Fundgrube für alle, die am Orgelbau in der K. u. K.-Monarchie der Jahre ab 1900 interessiert sind, es erschienen aber immer wieder auch Beiträge über Orgelbauten in Deutschland.

Und hatten wir die dem Bericht nach ausgebaute Unteroktavkoppel der Augsburger Orgel im entsprechenden Thread schon vermeldet gefunden?

Danke für den Hinweis, das ist mir noch gar nicht aufgefallen.

Koulen

elias.orgel, Montag, 05. Mai 2025, 20:19 (vor 491 Tagen) @ MCVL
bearbeitet von elias.orgel, Montag, 05. Mai 2025, 20:44

Vielen Dank für die tollen Infos
das ist ja unglaublich interessant...

-

hier steht noch ein wenig mehr:

Digitale Sammlung Zeitschrift für Instrumentenbau, Bd.: 24. 1903/04, Leipzig, 1904


unter anderem:

Es sind nämlich im Hochdruckwerk, III, Manual und Fernwerk die beiden Oktavkoppeln vollständig nach unten und oben durchgeführt, so daß z. B. jedes achtfüßige Register noch eine 16' und eine 4 Oktave im Pfeifwerk besitzt. Diese Neuerung betrachte ich als eine der wichtigsten Taten im modernen Orgelbau, da hierdurch die kostspieligen Doubletten und das clavier des bombardes vollständig überflüssig worden, während anderseits eine verschwenderische Fülle orchestraler Klangfarben dem kundigen Organisten zu Gebot steht.


verstehe ich das richtig?
im Schwellwerk (III. Manual) sind die fünf 8' Register (voix celeste wahrscheinlich nicht)
komplett bis zum 16' ausgebaut...

verbaut...

also "eingebaut" ;-)

--
Orgelspielen heißt: im Sitzen tanzen ...

... für Gott

Koulen

MCVL @, Montag, 05. Mai 2025, 21:34 (vor 491 Tagen) @ elias.orgel

Gute Frage, es liest sich jedenfalls so. Vielleicht war auch nur je eine Pfeifenreihe für 16' und 8' vorhanden. Aber andererseits hätte man es sicherlich in dem umfangreichen Beitrag nicht so beschrieben.
Kann ich dir so nicht beantworten.

121 Jahre und 4 Monate später...

elias.orgel, Montag, 05. Mai 2025, 23:53 (vor 491 Tagen) @ elias.orgel
bearbeitet von elias.orgel, Dienstag, 06. Mai 2025, 14:36

sind wir bei weitem noch immer nicht so weit, wie es

Rink begeistert von Walckerscher Organola....

zu Beginn des 20. Jahrhunderts be-schrei(b)t:

-

Am glücklichsten ist freilich derjenige zu preisen, der aus dem frischen, - unversieglichen Quell einer reichen Phantasie zu schöpfen und seine musikalischen Gedanken und Eingebungen sofort in die geeignetste musikalische Form umzusetzen vermag. Aber wie gering ist die Zahl dieser Auserwählten, welche in freier Produktion sich siegreich über alle technischen und automatischen Hilfsmittel erheben und die schönsten und dauerhaftesten Notenpapierrollen als unveräußerliche Schätze im eigenen Kopfe beherbergen!


Also formulieren kann er ja wirklich sehr gut, der Herr Rink ;-)

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Orgelspielen heißt: im Sitzen tanzen ...

... für Gott

Koulen

ThoFi, Dienstag, 13. Mai 2025, 11:14 (vor 483 Tagen) @ MCVL

Orgelbau Benedikt Schreier hat aktuell den interessanten Restaurierungsbericht der Koulen in Buttenwiesen eingestellt. Auch eine kleine Siemann wurde restauriert, allerdings noch ohne Bericht.

Thomas

Koulen Buttenwiesen

fluteceleste @, Dienstag, 13. Mai 2025, 19:36 (vor 483 Tagen) @ ThoFi

Koulen Buttenwiesen

MCVL @, Dienstag, 13. Mai 2025, 21:29 (vor 483 Tagen) @ fluteceleste
bearbeitet von MCVL, Dienstag, 13. Mai 2025, 21:33

Das Gehäuse ist auch interessant, es beschäftigt mich schon seit 30 Jahren. Ich meine, Brenninger schreibt es Koulen zu, der KDB Wertingen bezeichnet es als aus dem 19. Jahrhundert stammend. Zu letzter Theorie neige ich auch, womöglich von jemandem wie Michael Mayer aus Wertingen.

Wie ThoFi schon angemerkt hat: wunderbar zu erkennen die "selbststeigenden Haubenmembranen" in gefülltem Zustand.

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