100 Register für St. Marien - Gespenstische Visionen anno 1919
Hier bat man mich, Näheres, so weit bekannt, zu den Entwürfen für die 1919 überlegte Wiederaufrüstung (nenne ich jetzt mal so) der Orgel der Rostocker Marienkirche mitzuteilen.
Ich wollte das bisher nicht machen, weil ich ein etwas dickeres Heftchen zur Orgelgeschichte in Rostock erarbeiten wollte, beinahe schon als Vorbereitung zur Festschrift einer Wiedereinweihung und 202X, aber das ist nicht besonders realistisch. Und da ich andernorts immer wieder das Zurückhalten von Erkenntnissen kritisiert habe, erstellte ich nun diese Datei.
Das ist jetzt nicht die Hohe Schule der Orgelbauforschung, noch nicht einmal des Scannens von Dokumenten, denn es sind vor vielen Jahren erstellte Fotos, eigentlich als Sicherheitskopie für den Fall des Verschwindens der Akten und als Arbeitsgrundlage gedacht.
Inzwischen bin ich klüger, gerade auch was die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert betrifft. Und hier im AfD-Thread diskutieren wir indirekt die Beziehung des 20. Jahrhunderts zur Gegenwart.
Also, ich muss nun sagen, dass mir die gefundenen Akten richtig peinlich sind. Dass meine Altvorderen - im Übrigen nicht der Organist, über den mir außer seinem Namen nichts bekannt ist, sondern der Vorsitzende des Kirchenrates - sozusagen unter noch nicht vollständig verzogenem Pulverdampf und Senfgas-Nebel von bester deutscher Orgelromantik träumen, wohlgemerkt aber in Zeiten des Rübenkaffees und der aluminierten oder broncierten Zinkpfeife (wobei der in Holz gebaute Bass schon mal mehr als eine Oktave umfasst), das ist eine Realitätsferne, die aus heutiger Sicht erstaunt.
Aus dieser Betroffenheit habe ich die Zeittafel angelegt, die den historischen Kontext der Bemühungen um eine neue Großorgel und des letztlichen Scheiterns darstellt. Nur 19 Jahre später ist man etwas deutscher und schafft die vorhandene neoklassische/neobarocke Orgel. Mit der 1919er-Planung teilt sie sich die materielle Not.
Mit heutigem Kenntnisstand bin ich doch eher erleichtert, dass das 1919er-Konzept nicht realisiert wurde. Selbst von Sauer wäre es wohl etwas eher Fragwürdiges geworden und auch ohne Kriegsbeschädigung schon manchem Umbau unterzogen worden, wahrscheinlich erstmals noch Mitte der 30er-Jahre.
Nun ja - amüsiert Euch. Und wenn jemand die Handschrift von Kommerzienrat Ohlerich entziffern kann, das wäre auch super. Da sein Vorname fehlt, konnte ich bisher nicht ermitteln, wie weit er der einstigen Eigentümerfamilie der Brauerei Mahn & Ohlerich nahestand.
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