Pommer

hardy @, Mittwoch, 09. April 2025, 20:54 (vor 519 Tagen)

In der Dispo der (historischen, jüngst überarbeiteten) Klais-Orgel der Kathedrale Brügge steht im Hauptwerk ein Pommer 16'.Es ist allerdings unter den Zungenregistern aufgeführt und im Text zu der Orgel steht auch es sei ein vollbecheriges Zungenregister. War es nicht früher auch mal ein Blasinstrument?Warum ist Pommer ansonsten immer labial? ("Den Eberlein" habe ich leider nicht)

Pommer

Orlos @, Mittwoch, 09. April 2025, 21:33 (vor 519 Tagen) @ hardy

Der Pommer war ein sehr leises Instrument. Das labiale Orgelregister geht klar in Richtung Quintatön, was tatsächlich ein wenig an den echten Pommer erinnert.
In Italien gibt es ja den umgekehrten Fall, dass mit "Violoncello" ein Zungenregister gemeint ist. Ich habe auch schon einmal ein "Geigenregal" gehört, welches klanglich durchaus an eine Geige erinnerte.

Pommer

Florian-L @, Donnerstag, 10. April 2025, 08:02 (vor 519 Tagen) @ Orlos

In Italien gibt es ja den umgekehrten Fall, dass mit "Violoncello" ein Zungenregister gemeint ist.

Oder auch in den Niederlanden im Fall der Gamba:

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Pommer

jrbecker @, Donnerstag, 10. April 2025, 11:00 (vor 519 Tagen) @ hardy

Er war auch ein "Familieninstrument", ein Alt-Pommer wird in diesem Video sehr schön vorgestellt. Eberlein liegt zwar neben mir, kann ich aber gerade nicht nachschauen, kann ich im Laufe des Nachmittags machen.

Pommer

Orlos @, Donnerstag, 10. April 2025, 11:22 (vor 519 Tagen) @ jrbecker

Das ist aber ein sehr kraftvolles Exemplar. Ich kenne Pommer, die deutlich leiser sind, etwa wie eine Cornamuse.

Pommer

jrbecker @, Donnerstag, 10. April 2025, 11:37 (vor 519 Tagen) @ Orlos

Das ist aber ein sehr kraftvolles Exemplar. Ich kenne Pommer, die deutlich leiser sind, etwa wie eine Cornamuse.

Das mag sein. Im Video wird sie jedoch als größere Schwester der Schalmei bezeichnet, daher hätte ich auch einen kräftigen Klang erwartet. Auch im - zugegeben sehr überschbaren - Wikiartikel zur Schalmei steht, dass "Im 15. Jahrhundert entwickelte Schalmeien mit einem in tiefere Lagen erweiterten Tonumfang (...) Pommer genannt" wurden. Und der Pommer hat sogar einen schon etwas besser ausgebauten eigenen Artikel, auch dort steht etwas vom starken, scharfen Ton...

Pommer

Orlos @, Donnerstag, 10. April 2025, 11:55 (vor 519 Tagen) @ jrbecker

Vielleicht war das im Mittelalter gar nicht so normiert, wie wir das heutzutage gerne tun.
Ich habe mir mehrere Schalmeien und Cornamusen bauen lassen, da gibt es eine sehr große Bandbreite an möglichen Lautstärken.

Pommer

Friedrich @, Donnerstag, 10. April 2025, 13:34 (vor 518 Tagen) @ Orlos

Das ist aber ein sehr kraftvolles Exemplar. Ich kenne Pommer, die deutlich leiser sind, etwa wie eine Cornamuse.

Gab's da nicht auch eine Wortverwandschaft zu Bombarde? Als Volksmusikinstrument ist das jedenfalls auch ein Rohrblattdingen und kann kräftig sein. So wie wir Orgelmenschen es kennen, kommt es im Orgelbau erst im 18. Jahrhundert auf, wenn ich mich recht erinnere, und da erst als Manualregister.

Ob labialer Pommer oder linguale Bombarde war dann eine Frage von links- oder rechtsrheinisch. Wenn man's noch weitertreiben will, reicht das Spektrum von Cavaillé-Colls Contrebombarde bis zu Schmids Kleinpommer.

Pommer

jrbecker @, Donnerstag, 10. April 2025, 15:23 (vor 518 Tagen) @ Orlos

Ja, das mag sicher so sein: Wir tendieren sicher auch hier, beim Blick zurück zu standardisieren, wo das früher nicht so war. Sicher wird es regionale Unterschiede gegeben haben, die sich auch im Klang geäußert haben werden.

Pommer

MAT @, Donnerstag, 10. April 2025, 15:27 (vor 518 Tagen) @ jrbecker

Man nahm das, was man zur Hand hatte. Keine Krummhörner, dann eben Schalmeyen. Wenn die nicht greifbar waren, dann eben Flöten, etc. etc.

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Gruß
MAT

Pommer - Eberlein

jrbecker @, Donnerstag, 10. April 2025, 15:46 (vor 518 Tagen) @ jrbecker

Hier die Ergänzung: Eberlein berichtet die Namensherleitung von dem bereits erwähnten "Renaissance-Instrumen Pommer oder Bombarde". Weiter teilt er den Artikel in das Lingualregister und das Labialregister. Beim Lingualregister verweist er auf die Beschreibung zu "Bombarde", beim Labialregister berichtet er, dass dieses von Casparini in der Görlitzer Orgel wohl ersmals feststellbar ist und zitiert die "Dresdner Handschrift", wenn er beschreibt:"klein gedackter Pommer von Metall 4' ist eine starck intonierte, auf Quintaden Art dirigirte Stimme, nur daß von dem Überschlagen oder quinten des Windes nichts zu hören ist." - Wie es aber zur Namensgebung für dieses und weitere bis etwa 1800 gebaute derartige Register kommt, ist nicht erkannbar.

Im 19 Jahrundert gibt es das Labialregister lt. Eberlein im Orgelbau nicht, erst 1925 sei es durch Jahnn und Mahrenholz als "Gedacktpommer" wieder eingeführt worden. Nach Jahnn zitiert Eberlein:"... ist eine Quintadena, die am besten aus Kupfer gefertigt wird. Die Körpermernsurentwicklung wie bei jenem Register, Weite ein bis drei HT größer als bei der Quintadena. Die Ausführung erfolgt am Besten 16', im 8'-Ton ist sie auch noch zulässig." Es folgt eine ausführliche Aufarbeitung der Mensurgeschichte bei verschiedenen Autoren, die teilweise zu der von Jahnn zitierten Stelle gegenläufig ist (bis zu 4 HT enger...).

Aber die Frage, warum das Labialregister nun Pommer heißt, habe ich dort keine Antwort gefunden.

Pommer - Eberlein

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Donnerstag, 10. April 2025, 16:08 (vor 518 Tagen) @ jrbecker

Auch bei uns hier ist der Pommer (4') etwas weiter als die Quintadena (16', 8'), aber sehr ähnlich.

Pommer

Cmcmcm1 @, Ottobrunn, Donnerstag, 10. April 2025, 16:31 (vor 518 Tagen) @ Friedrich

Wenn man's noch weitertreiben will, reicht das Spektrum von Cavaillé-Colls Contrebombarde bis zu Schmids Kleinpommer.

Ein herrlicher Vergleich! ;D

Pommer - Eberlein

Cremona, Donnerstag, 10. April 2025, 21:35 (vor 518 Tagen) @ jrbecker

Zur Frage, warum das Labialregister nun Pommer heißt, schreibt Christhard Mahrenholz in "Die Orgelregister ihre Geschichte und ihr Bau" Kassel 1930, S. 106:
"Es lag bei der charakteristischen Klangfarbe eng gebauter Gedackte nahe, diese Stimme mit ähnlich klingenden Orchesterinstrumenten in Verbindung zu bringen. Der barocke Orgelbau denkt naturgemäß an Bläserklänge: die alten Bomharte (Pommern) leihen dem Gedacktpommer (gedackter Pommer) ihren Namen."
Man beachte, wie geschickt Mahrenholz die eigentlich erwartete Aussage umgeht, dass der Gedacktpommer so heißt, weil er dem Pommer ähnlich klingt! Mahrenholz formuliert vielmehr ganz vorsichtig: die alten Bomharte leihen dem Gedacktpommer ihren Namen - das muss keine Klangähnlichkeit implizieren!
Hintergrund dieses sprachlichen Eiertanzes ist: In der Zeit um 1700, als die ersten Labialregister Pommer auftraten, war der Pommer/Bomhart längst außer Gebrauch, so dass kaum jemand noch eine Klangvorstellung von diesem Instrument besaß. Und genau so war es nach 1925, als der Name erneut in den Orgelbau eingeführt wurde: Damals hatte kaum jemand einen Pommer gehört, auch Hans Henny Jahnn und Christhard Mahrenholz kannten das Instrument wohl nur aus der Beschreibung durch Michael Praetorius 1619. Vielleicht wurde gerade deshalb der Name gerne für ein Orgelregister genutzt - mit ihm war keine bestimmte Klangvorstellung verbunden!

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