Zuviel Bürokratie ? Aber nichdoch nie ...
Editorial der Forum Kirchenmusik 2 2025
Ich schreibe diesen Text knapp zwei Wochen vor den Bundestagswahlen. Sie lesen ihn aber frühestens fünf Wochen nach der Wahl, wissen also viel mehr als ich jetzt. Unabhangig von den zahlreichen inhaltlichen Unterschieden zwischen den zur Wah! stehenden Parteien, sind diese sich zumindest in einem Thema jedoch recht einig: dem dringend notwendigen Burokratieabbau (fur den nach der Wahl womoglich ein eigenes Ministerium mit zwei Staatssekretaren und ca. 600 beamteten Mitarbeitern eingerichtet wird ...).
Vor ein paar Tagen war ich mit dem Innenstadtmanager Wertheims zum Kaffee verabredet. Wir wollten uns über gemeinsame Veranstaltungen unterhalten und Terminuberschneidungen ansprechen bzw. vermeiden. Am Ende des Kaffees geschah etwas fur mich absolut Erstaunliches: Herr Sch. sagte dem Kellner: "Schreiben Sie’s bei der Stadt auf”
Wie bitte? Keine vierseitigen Formulare, auf denen ich meine (und er seine) Kuchenauswahl nebst Inhaltsstoffen, Unvertraglichkeiten und Selbstbehalt ausfüllen und begründen muss? Gut, ich hatte vorsichtshalber auf die Sahne zum Kuchen verzichtet ~ aber trotzdem: So ganz ohne steuerliche Meistbegünstigtenklausel und geldwerten Vorteil, ohne Antrag und Durchschlag? Absolut bemerkenswert!
Ich habe vorsichtshalber nicht gefragt, welchen Papierwust Herr Sch. würde ausfüllen müssen, wenn er die heiligen Stadt-Hallen betreten würde. Ich ging einfach Kaffeeund Kuchen-beschwingt meiner Wege Richtung Kantorat = wo meine Sekretarin mit Augenrandern über dem landeskirchlichen Statistikbogen saß, der, weiß der Geier warum, sowohl elektronisch als auch in Papierform dem Evang. Oberkirchenrat zu Ubermitteln sei.
Um diesen Statistikbogen mit dem leicht nachvollziehbaren Namen, Statistikbogen 2” auszufiillen, bedurfte es eines Einblickes in das sog. Sachbuch des Bezirkskantorats, dessen Name sich, anders als beim Statistikbogen 2 sofort erschließt, umfasst dieses doch alleine fiir das Bezirkskantorat Wertheim 26 Seiten, Weniger geht auch nicht, denn es enthalt - ich habe nachgezahlt - tatsachlich 62 (in Worten: zweiundsechzig) verschiedene Haushaltsposten, darunter zahlreiche, deren Betrage im unteren bis mittleren zwei(!)stelligen Bereich liegen, Ok, nach dem Komma sind es nochmal zwei Stellen...
Das alles benenne ich pars pro toto, davon ausgehend, dass es in anderen Landeskirchen kaum besser ist. Im Gegenteil: Bei einem Konzert im Mainzer Dom musste ich vor zwei Jahren einen 16-seitigen Honorarbogen ausfüllen, in dem z.B. gefragt wurde, ob ich in meiner Eigenschaft als freischaffender Musiker eine eigene Homepage besitze. Als ehrliche Haut, die ich bin, habe ich dies natürlich verneint. Schade eigentlich, denn womöglich hatte ich in diesem Fall einen 3,7 Cent Freischaffender-Homepage-Besitzerinnen-Honorar-Zuschlag bekommen. Oder wenigstens eine Steuergutschrift in entsprechender Hohe.
Nach solchen Erfahrungen kann ich jedenfalls die mir bekannten und eigentlich dringend gesuchten Organisten verstehen, die sich weigern, GottesdienstVertretungen zu spielen, nicht, weil das Honorar zu niedrig ist, sondern weil sie
‘einfach keine Lust haben, die gleiche Zeit wie für die Gottesdienstvorbereitung
für die Burokratie-Nachbereitung aufzuwenden.
Ja, es stimmt: Zahlreiche bürokratische Anforderungen werden den arbeitgebenden Kirchen von auBen aufgedrangt. Das gilt für den Bereich der Sozialversicherungen womöglich noch mehr als für die durch die Steuergesetzgebung erforderliche Burokratie. Es stimmt aber leider auch, dass zahlreiche lokale und regionale Kirchenverwaltungen jeweils auf ihrer eigenen Burokratie bestehen, behauptend, dass nur die von ihnen verwendeten Formulare die einzig korrekten seien und dass der Datenschutz eine bessere innerkirchliche Vernetzung leider unmöglich mache.
Aber auch, wenn es manchmal schwer fallt: Bleiben Sie frohlich,
Ihr Carsten Klomp
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Orgelspielen heißt: im Sitzen tanzen ...
... für Gott