Hornflöte bei Oskalyd

Cmcmcm1 @, Ottobrunn, Sonntag, 23. März 2025, 07:39 (vor 535 Tagen)

Bei Oskalyd-Kinoorgeln findet sich fast durchgängig ein etwas merkwürdiges Register, häufig als Hornflöte 8' bezeichnet. Zwar würde man meinen, dass sich dahinter eine Flöte auf starkem Winddruck verbirgt, was letztendlich nicht ganz falsch ist, jedoch muss man die Registerbezeichnung "Horn-Flöte" in diesem Fall tatsächlich wörtlich verstehen, denn im Bassbereich (etwa ab der Mitte der der Nulloktave abwärts) ist dieses Register statt als dicke labiale Flöte als weit mensuriertes Posthorn ausgeführt. Auch die Heidelberger Oskalyd bei Sixtus Lampl in Valley, die ich vor einigen Jahren spielen durfte verfügt über dieses sonderbare Register:

[image]

Laut Walcker-Opusbuch Band 30 S.62-64 sei die Hornflöte 8' die Fortsetzung des Fagott 16' im Pedal, allerdings bin ich mir recht sicher, dass das Fagott 16' ab c0 im Alphorn 8' fortgeführt wird und der Subbass 16' seinen Diskant aus der (labialen) Hornflöte entnimmt.


Mir hat sich dieses Register selbst durch den damaligen Besuch nicht wirklich erschlossen, handelt es sich doch mit der Hornflöte um eines der wichtigsten Register der Orgel, vergleichbar mit einer Tibia clausa. Weshalb ist ausgerechnet dieses wichtige Register nicht vollständig bis zum C runter labial ausgebaut? Außerdem ist der klangliche Bruch zwischen beiden Bauformen natürlich wie zu erwarten sehr groß. Da diese Teilung der Hornflöte in zwei völlig unterschiedliche Abschnitte aber kein Einzelfall ist, sondern bei Oskalyd regelrecht System hat, meine Frage in die Runde: Kennt jemand den Grund für diese Teilung bzw. Spielgewohnheiten, die diese Kuriosität rechtfertigen? In amerikanischen Kinoorgeln wäre mir nichts Vergleichbares bekannt.

Hornflöte bei Oskalyd

elias.orgel, Sonntag, 23. März 2025, 09:19 (vor 535 Tagen) @ Cmcmcm1
bearbeitet von elias.orgel, Sonntag, 23. März 2025, 09:47

sowas lässt mich ja echt nicht los
und ich wusste, dass ich in den letzten Tagen genau dazu etwas gelesen hatte ;-)
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Berlin Halensee Synagoge Friedenstempel

(Vgl. Acta Organologica Band 31, S.330.)

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Disposition ab 1924:
... Anmerkungen zu
... III Bachflöte 8' (6.0) &
... III Oboe 8' (6.1)
6.0 / 6.1 = C1-H gemeinsam mit (III) Corno 8'. Ab C eingeständig. Es mag auf den ersten Blick kurios erscheinen, doch der Vergleich mit anderen Oskalyd-Orgeln, wie der ehem. Kinoorgel des Capitol-Kinos Heidelberg (heute im Orgelzentrum Valley) zeigt, dass es bei Oskalyd-Orgeln durchaus sehr verbreitet war, dass die 8'-Flöte in der Bassoktave von einer starken Zunge fortgesetzt wurde, entweder als Verführung aus einem anderen Register, so wie hier, oder tatsächlich als eigenständige Zungenpfeifen. Häufiger Name für ein solches Register war Hornflöte 8'.

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bei dieser Orgel waren Klaviaturen von C1-a4 eingebaut (Ob auch alle Register bis dorthin ausgebaut waren, ist nicht bekannt)

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der Begriff "Posthorn-Kröpfung" ist mir hier vor kurzem das erste Mal aufgefallen...
ist das als Fachbegriff gebräuchlich? Bei Wiki habe ich das entsprechende Bild mit "360 Grad" Kröpfung be"schrieben" (jetzt ergänzt)

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Orgelspielen heißt: im Sitzen tanzen ...

... für Gott

Hornflöte bei Oskalyd

fluteceleste @, Sonntag, 23. März 2025, 11:30 (vor 535 Tagen) @ elias.orgel


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der Begriff "Posthorn-Kröpfung" ist mir hier vor kurzem das erste Mal aufgefallen...
ist das als Fachbegriff gebräuchlich? Bei Wiki habe ich das entsprechende Bild mit "360 Grad" Kröpfung be"schrieben" (jetzt ergänzt)

Definitiv ja! Gibt also auch zarte Oboen mit Posthornkröpfung ;-)
Ich glaube die Engländer sagen "mitered" dazu.

Hornflöte bei Oskalyd

Cremona, Sonntag, 23. März 2025, 09:19 (vor 535 Tagen) @ Cmcmcm1

In Zeitschrift für Instrumentenbau 44, 1923/24, S. 609-610 gibt es eine Beschreibung eines kleinen Oskalyds und seiner Verwendung; die Hornflöte ist allerdings nicht erwähnt:
https://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00004270/images/index.html?id=00004270&...

In Zeitschrift für Instrumentenbau 50, 1929/30, S. 102-104 gibt es eine Beschreibung eines großen Oskalyds, aber auch dort finde ich die Hornflöte nicht erwähnt:
https://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00004276/images/index.html?id=00004276&...

Hornflöte bei Oskalyd

Cremona, Sonntag, 23. März 2025, 09:43 (vor 535 Tagen) @ Cremona

In Zeitschrift für Instrumentenbau 47, 1926/27, S. 303 findet sich die Beschreibung der kleinen Walcker-Orgel in Balderschwang (II/8):
https://daten.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00004273/images/index.html?id=00004273&...

Dort gibt es eine Hornflöte, den Erläuterungen nach ist es dort eine rein labiale, jedoch changierende Stimme mit dem Ziel, im Baß eine Cellobegleitung zur Flöte im Diskant spielen zu können!

Hornflöte bei Oskalyd

MCVL @, Sonntag, 23. März 2025, 11:09 (vor 535 Tagen) @ Cremona

Dort gibt es eine Hornflöte, den Erläuterungen nach ist es dort eine rein labiale, jedoch changierende Stimme mit dem Ziel, im Baß eine Cellobegleitung zur Flöte im Diskant spielen zu können!

Da ich die Kiste in den späten 1990er Jahren kennengelernt habe: andernorts hätte man das Register auch als Prinzipalflöte bezeichnet. Ein sehr flötig intoniertes, eher ruhiges Prinzipal. Die Orgel war ansonsten, verglichen was sonst während dieser Zeit in der Region beispielsweise von Hindelang geliefert wurde, ein eher zahnloser Tiger, sowohl was die Charakteristik der Einzelstimmen, als auch die verschiedenen Mischungen und den Gesamtklang betraf. Technisch war das Instrument ein typisches Walcker-Kind dieser Zeit: Windladen mit hängenden Keilbälgen und auch der etwas schwer zugängliche Spieltisch ebenso von oben bis unten voll mit Keilbälgen. Es gab Pläne, die Orgel zu überholen, aber sie wurde von niemandem (auch von mir selbst nicht) als herausragendes Denkmal beurteilt.
Vor etwa 20 Jahren wurde sie durch ein Elektronium ersetzt. Das schöne Brüstungsgehäuse der Vorgängerorgel aus der Werkstatt Haser blieb dabei erhalten.

Hornflöte bei Oskalyd

Cremona, Sonntag, 23. März 2025, 11:22 (vor 535 Tagen) @ Cremona

Ich vermute, die lingual/labiale Hornflöte war eine Besonderheit der Kino-Orgel, die aus den Bedürfnissen der Stummfilmbegleitung heraus entwickelt wurde: Der Stummfilm lebte von der Darstellung starker Kontraste, daher folgten oft auf liebliche, idyllische, schöne Szenen oft unmittelbar ganz gegenteilige, hässliche, gefährliche oder auch lächerliche Szenen. Die Hornflöte war wohl das dazu passende Register: Im Diskant konnte man die idyllische Szene mit Flötenklängen untermalen, im Baß gab es den maximal möglichen Klangkontrast, mit dem im nächsten Moment die herannahende Gefahr oder das Hässliche oder Lächerliche untermalt werden konnte.

Hornflöte bei Oskalyd

elias.orgel, Sonntag, 23. März 2025, 13:19 (vor 535 Tagen) @ Cremona

wirklich köstlich, der Abschnitt:
Behandlung einer Orgel mit Wasser

hydraulis = Bach too the roots

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Hornflöte bei Oskalyd

Cmcmcm1 @, Ottobrunn, Montag, 24. März 2025, 07:51 (vor 534 Tagen) @ elias.orgel

Danke für die Links und die ausführlichen Antworten. Der bewusste Kontrast der beiden Register in der Praxis der Filmbegleitung leuchtet mir doch ein.

Interessant auch der Passus am Ende des oben verlinkten Beitrages aus ZFI, in dem sich darüber beschwert wird, dass bisher viele Kinos in Deutschland mit ausländischen Kinoorgeln anstelle von Oskalyd ausgestattet seien. Weiß jemand welche Firmen denn noch in den 20er Jahren in deutschen Kinos tätig waren? Die heute in Deutschland erhaltenen Wurlitzer und Comptons sind m.E. alles spätere Importe, während sich aus deutschen Kinos eine Hand voll Welte und Oskalyd und natürlich die eine Philipps im Babylon erhalten hat.

Hornflöte bei Oskalyd

elias.orgel, Montag, 24. März 2025, 12:23 (vor 534 Tagen) @ Cmcmcm1

Interessant auch der Passus am Ende des oben verlinkten Beitrages aus ZFI, in dem sich darüber beschwert wird, dass bisher viele Kinos in Deutschland mit ausländischen Kinoorgeln anstelle von Oskalyd ausgestattet seien...


Ja, diese deutschen Seeligpreisungen fallen uns heute besonders auf...
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Der bewusste Kontrast der beiden Register (Horn Flöte) in der Praxis der Filmbegleitung leuchtet mir doch ein.


Komisch, mir überhaupt nicht - insbesondere nicht an der Orgel für eine Synagoge ;-)
Aber eben auch nicht für eine Kinoorgel - da gibt's doch bestimmt auch was von Ratiopharm oder irgendeinem Spezialisten (innen)

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Hornflöte bei Oskalyd

elias.orgel, Sonntag, 23. März 2025, 14:24 (vor 535 Tagen) @ Cremona
bearbeitet von elias.orgel, Sonntag, 23. März 2025, 14:37

Und nun wird mir auch vollkommen klar,
Warum ich kein weltberühmter Pianist geworden bin
- alles eine Frage der Technik

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Zeitschrift f Instrumentenbau und der Glaube (Hornflöte bei Oskalyd)

elias.orgel, Sonntag, 23. März 2025, 15:55 (vor 535 Tagen) @ Cremona
bearbeitet von elias.orgel, Sonntag, 23. März 2025, 16:23

Ändert sich im Wesentlichen etwas oder wiederholt sich die Geschichte einfach nur
mit anderen Darstellern (und Instrumenten)

... Eine Sache, die sich heute, nachdem der Orgelbau in ein ganz anderes Stadium getreten ist, wo man Klangforderungen stellt, wo der Orgelbau durch eigene Tagungen ua sich aufrappelt, bitter rächt, aber ein Gutes mit sich bringt, bringen muss: "Die offensichtliche Scheidung und Erkennung von guten und schlechten Orgelbauleistungen."
Ob die Erkennung bei allen Kirchengemeinden kommt, ist eine Frage, denn nirgendwo wird schlechte Arbeit im Orgelbau - meistens auch noch auf Empfehlung - mehr unterstützt als wie gerade an den Kirchen; nirgends versteht man es besser, die mitunter schwer geschaffenen und gesammelten Gelder - wozu auch die Witwe ihr Scherflein mit beigetragen hat - in genialerer Weise an schlechte Arbeiten zu vergeuden, wie an den Kirchen für - schlechte Orgelbauten. ...


Wenn ich noch etwas länger oder mehr in der Zeitschrift für Instrumentenbau von vor (vast) 100 Jahren lese, verliere ich wahrscheinlich ganz den Glauben an die Evolution ;-)
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weiß jemand was aus den Ideen des Otto Gasteyger zu einer leichteren Notenschrift geworden ist
onlinde finde ich da sonst leider nichts

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Zeitschrift f Instrumentenbau und der Glaube (Hornflöte bei Oskalyd)

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Sonntag, 23. März 2025, 17:38 (vor 535 Tagen) @ elias.orgel


Wenn ich noch etwas länger oder mehr in der Zeitschrift für Instrumentenbau von vor (vast) 100 Jahren lese, verliere ich wahrscheinlich ganz den Glauben an die Evolution ;-)

Das geht in Ordnung! :D

Ich habe für ein früheres Posting heute die Heitmann-Biographie durchgeblättert. Die von ihm dort gesammelten Schriften und Beiträge (überwiegend vor dem 2. WK verfasst) enthalten viele Aussagen, die erneut oder weiterhin aktuell sind.*

Seit 400 Jahren ist der Begriff "Moderne Musik" unterwegs, ganz zu schweigen von der Ars nova....


*) Gruselig wird es allerdings dann, wenn er von der Orgelkunst als Mittel "gegen die zersetzenden Kräfte unserer Zeit" spricht...

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