Romantisch - Symphonisch

HARP64, Dienstag, 18. März 2025, 22:44 (vor 539 Tagen)

Liebe Forumae,
kann mir jemand von euch in kurz-knappen Worten erklären, worin der Unterschied zwischen sogenannten(!) Symphonischen Orgeln und Romantischen Orgeln besteht.
Bei Woehl lese ich manchmal von symphonischem Wind.
Oder ist das „symphonisch“ ein gar nur subjektiver Begriff, der sich nicht orgelbaulich festlegen lässt?
Ich würde das gerne auch Schülern erklären können.
Danke für eure Antworten

Romantisch - Symphonisch

jori @, Dienstag, 18. März 2025, 22:57 (vor 539 Tagen) @ HARP64

Woehl hat schon immer süffisant
gesprochen. Muss nix heißen.

Romantisch - Symphonisch

Max Reger @, Wallfahrtsstadt Kevelaer, Freitag, 21. März 2025, 23:34 (vor 536 Tagen) @ jori
bearbeitet von Max Reger, Freitag, 21. März 2025, 23:45

> Woehl hat schon immer süffisant
[quote]gesprochen. Muss nix heißen.
[/quote]

Guten Abend,
leider ist dieses Forum auch ein Tummelplatz von Menschen, die über Orgelbauer und über Orgelbau lästern - allzu oft auf wenig niveauvollem Level. Und mit oftmals auch nicht unbedingt ausgeprägtem Sachverstand, wie in vielen Bereichen des sog. "Orgelsachvestandes" anzutreffen.
Sei es drum, es ist wohl unvermeidlich. Entschuldigung, aber diese Anmerkung liegt mir nach den obigen Zeilen etwas auf Zunge.....Vielleicht reagiere ich etwas überempfindlich....


Gerald Woehl, für den ich von 1994-2007 gearbeitet habe und dessen "Schule" mir die wichtigste gewesen ist in knapp 45 Jahren praktischem Orgelbau, hat in vielerlei Hinsicht mit der Werkstatt Pionierarbeit geleistet.
Seine Strahlkraft mit opera wie Viersen hat den Orgelbau nachhaltig geprägt und ich hatte immer den Eindruck, dass er in seiner Entwicklung der Instrumente ganz vorne mit dabei war. Dazu zu zählen ist auch der Begriff der "symphonischen Orgel". Ein Gattungsbegriff, der schnell Verbreitung gefunden hat, wenn ich es denn zutreffend begriffen habe. Eines davon steht in Friedrichshafen, in St.Nikolaus. Wer dieses Instrument (live oder auf CD) hört, kann den Ausdrucksgehalt seiner "symphonischen" Werke sehr gut nachvollziehen.
An dieser Stelle wollte ich zu einer sehr eindrucksvollen CD verlinken, aber die Technik dieses Forum spielt da nicht mit: Matthias Balzer hat in Nikolaus eine CD eingespielt, die ich nur wärmstens empfehlen kann. In dieser Einspielung wird - vergleichbar Viersen - die in meinen Ohren und Augen überragende Synthese aus Barock und Romantik der französischen Klangsprache nachvollziehbar - in einem Instrument!
Nur hunderte Meter "nebenan", in Petrus Canisius (mein erste Mitarbeit) hat Gerald Jahre später und unter dem Eindruck des Kirchbaus von 1927 und natürlich der sehr reflektierten Ideenstifterin und Kirchenmusikerin an Perus Canisius, Veronika Weber, den Orgeltypus erstmalig fortgeschrieben und mit einem deutsch-romantischen Anteil (wer hat das zu der Zeit sonst noch realisiert, zu Beginn der 1990er Jahre?) eine ganz eigene Richtung eingeschlagen. Hier ist dann auch der Versuch unternommen worden, die Wiedergabe der Literatur bspw. von Reger und Liszt zu ermöglichen (soweit das in einem Kompromisskonzept überhaupt möglich ist).
<https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1009466080>
Veronika Weber hat ("passgenau") als ersten Orgelklang nach der Weihe durch Bischof Kasper aus Rottenburg das Reger-Gloria aus op.59 gespielt. Darin kam dann auch perfekt zum Ausdruck, wovon hier die Rede ist.
Eigentlich müsste Gerald die Philosophie seiner Konzepte hier mal niederschreiben, aus dem Handgelenk verweise ich mal auf die Einweihungsschriften zu den Werken (habe ich gerade nicht zur Hand).
Soweit mein Beitrag auf diese interessante Fragestellung - spannendes Thema!

Woehl

Orlos @, Samstag, 22. März 2025, 02:13 (vor 536 Tagen) @ Max Reger

Ganz subjektiver Eindruck:
Als junger Organist war ich von Woehl-Orgeln stark beeindruckt. Wenn man die eher blassen Orgeln von Mayer (Heussweiler), Oberlinger und Förster&Nicolaus gewöhnt war, öffneten die Woehl-Orgeln eine ganz andere Welt. In den Sommerferien bin ich mit der Bahn durch ganz Deutschland gefahren und habe viele Orgeln ausprobieren dürfen. Interessanterweise finde ich heute noch die frühen Woehl-Orgeln spannender als die späten Instrumente. In der "Kugelkirche" in Marburg wollte ich gar nicht mehr weg vom Spieltisch, es macht einen unglaublichen Spaß, dort zu improvisieren. Man kann gefühlte Ewigkeiten mit einzelnen Registern herumspielen, es wird nie langweilig. Viersen fand ich einfach überwältigend, diese Differenziertheit in den einzelnen Registern, aber auch die herrliche Wucht des ganzen Ensembles. In der Heidelberger Musikhochschule steht jetzt eine gebrauchte Woehl-Orgel, von den Studenten ziemlich kritisiert. Ich mag diesen Stil aber sehr gerne und hatte damit fast mehr Spaß als mit der großen gezähmten Schiegnitz-Orgel. Ich kenne auch ein paar kleinere Restaurierungen von barocken Instrumenten, sehr frisch und inspirierend.
Friedrichshafen, St. Nikolaus, gefiel mir auch noch gut, dann wurden die Orgeln runder, abgeschliffener, konventioneller. In Cuxhaven und Mannheim fehlte es mir an "Kantigkeit" des Klanges, Friedrichshafen, St. Canisius, war mir zu weich. Die große Orgel in München (Herz-Jesu) steht in einem ziemlich stumpfen Raum, der Klang kam mir (im Vergleich zu frühen Woehl-Orgeln) steril vor.
Was mir leider auch auffällt: Woehl-Orgeln machen schnell einen "abgespielten" Eindruck. Die extrem vielen mechanischen Koppeln (auch Super- und Subkoppeln, Zungenkoppeln etc.) sind wahrscheinlich schwer zu regulieren, jedenfalls erlebte ich oft Heuler. Ich habe ein wenig den Verdacht, dass die Genialität Woehls nicht immer zu handwerklich langfristig haltbaren Detaillösungen geführt hat. So etwas gibt es ja auch bei anderen Orgelbauern, die gerne Neues ausprobieren, da steckt eben immer auch ein Risiko drin.

Woehl

Max Reger @, Wallfahrtsstadt Kevelaer, Samstag, 22. März 2025, 15:54 (vor 536 Tagen) @ Orlos

Im Beitrag von "Orlos" kann ich jeden Satz nur unterschreiben!

Und in ihm kommt auch noch einmal mehr eine Antwort auf die Ursprungsfrage des Diskussionsthemas zustande: Die "symphonisch-romantische" Orgel in Petrus Canisius leidet m.E. erheblich unter dem Raum. Der extrem grobe Putz an den Wänden führt zu Klangeindrücken, die alles andere als vorteilhaft sind - auch für die Woehl-Orgel. Das enttäuscht einfach, ohne dass der Orgelbauer daran etwas ändern könnte.
Genauso verhält es sich in Herz Jesu in München: architektonisch wirklich eindrucksvoll anzusehen, ist der Raum für die Orgel (die auch ich als klanglich gar nicht so gelungen dort empfunden habe) eine Fast-Katastrophe. Das muss auch Gerald gespürt haben, nehme ich an. Als er auf die Baustelle in München kam, hatte ich zuvor Leipzig (Thomaskiche) gehört und ich konnte ihm nur sagen:"Gerald, in Leipzig hast Du Dich selbst übertroffen." Dort sind Register anzutreffen (wie auch in Hildesheim (St. Michael), die einen sprachlos machen ob ihrer Ausdrucksstärke und Ästhetik. Der Münchner Raum mit seiner Betonschale, aus der heraus das Instrument in einen akustisch staubtrockenen Raum klingen muss, ist wirklich sehr undankbar für klangliche Anforderungen.
Was von München - und da sind wir wieder beim Thema Avantgarde – ausging, war die bahnbrechende (und eigentlich kaum je so vollendet wieder erschaffene) Prospektgestaltung. Zu nennen ist ebenfalls die klanglich und konzeptionell hervorragende Orgel in der Katharinenkirche in Oppenheim – ein Leckerbissen!
Und dann “Avantgarde zum dritten”: Das Konzept in Flensburg, St. Nikolai. Ein solches opus magnum anzulegen als Doppelanlage (barock/ symphonisch-romantisch mit Rekonstruktion des Fernwerkes im Dach) – das ist schon ein Rarissimum. In Roman Summereders “Aufbruch der Klänge” kann man dem Interview mit Gerad Woehl einiges wissenswertes entnehmen – tolles Buch!
Grüße sendet aus Kevelaer
Eckehard Lüdke

Woehl

link1907 @, Sonntag, 23. März 2025, 11:51 (vor 535 Tagen) @ Max Reger

In Roman Summereders “Aufbruch der Klänge” kann man dem Interview mit Gerad Woehl einiges wissenswertes entnehmen – tolles Buch!<

Das hat mich jetzt neugierig gemacht da ich das Buch nicht kenne.
Erschienen 2006 heißt es dann in der Beschreibung des Verlags:
[image]
War man 2006 was die Beurteilung von Orgeln des 19.Jahrhunderts bzw.spätromantischer Orgeln
anbetrifft nicht schon weiter?
Geht es hier um eine Berechtigung oder gar "Seligsprechung der Orgelbewegung"?

Woehl

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Sonntag, 23. März 2025, 12:59 (vor 535 Tagen) @ link1907

[image]
War man 2006 was die Beurteilung von Orgeln des 19.Jahrhunderts bzw.spätromantischer Orgeln
anbetrifft nicht schon weiter?
Geht es hier um eine Berechtigung oder gar "Seligsprechung der Orgelbewegung"?

Ist diese Frage an das Buch gerichtet oder ist es eine Kritik am Verlagstext, dass das 19. Jahrhundert hier eine gewisse Fragwürdigkeit erhält? Letzteres könnte ich nachvollziehen. Das Buch selbst ist wirklich sehr gut und erläuterte jedenfalls mir viele Zusammenhänge und Fragen, wie sie HARP64 eben gerne Sseinen Schülern beantworten würde.

Denn über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts im Orgelbau habe ich im Unterricht eher wenig und nur Vereinfachtes gehört, auch eigene Forschungen brachten mich Studi damals wenig weiter.

Das Buch war mir auch als Sekundärquelle eine wichtige Hilfe bei der Gestaltung des NAchwortes zum Symposionsbereicht zur hiesigen Orgel - denn selbst die anwesenden höchst sachkundigen Herren hatten 2009 eine, wie sich spoäter zeigte, recht unscharfe Vorstellung davon, auf welche Art genau Orgelprojekte in den 30er-Jahren in Deutschland der Ogelbewegung folgten. Speziell in der Frage der Schleiflade - ab wann wieder angestrebt und gebaut, sogar in elektrisdcher Variante - lagen wir 2009 eigentlich sehr daneben.

Das Woehl-Interview deckt im Buch übrigens 9 Seiten ab, das mit Ahrend 13, das mit Zehnder 10, ebenso das mit Radulescu. Und die sind schon interessant, auch durch die verschiedenen Ansätze, die Summereder schon mit den Startfragen lenkte. (Naja, wer weiß, mit welchen Fragen die Gespräche vor der redaktionellen Bearbeitung begannen.)
Das Buch ist angenehm arm an eigenen Thesen und Gedankengebäuden, sondern will die komplexe Situation abbilden. Als "Nachgeborener"* trägt es für mich das Prädikat "lesenswert".

*) Ja, "Nachgeborener" ist das Wort, das mir als erstes einfällt, wenn ich mich in Summereder hineinversetze, wie er mit den erwähnten Herren spricht, die ich auch noch alle erlebt habe - nur tageweise oder jahrelang. Habe ich also den Aufbruch der Klänge verpasst? Wollte und will ich nicht immer wieder auch Teil davon sein? Vermutlich oder hoffentlich fand er immer statt und geht immer weiter...

Woehl

Cremona, Sonntag, 23. März 2025, 13:11 (vor 535 Tagen) @ link1907

War man 2006 was die Beurteilung von Orgeln des 19.Jahrhunderts bzw.spätromantischer Orgeln
anbetrifft nicht schon weiter?
Geht es hier um eine Berechtigung oder gar "Seligsprechung der Orgelbewegung"?

Die erste Auflage des Buchs von Summereder erschien bereits 1995; das Buch war damals die allererste historische Darstellung der Entwicklung des Orgelbaus im 20. Jahrhundert. Die Entwicklung im 20. Jahrhundert ging aus von der Ablehnung des Orgelbaus des 19. Jahrhunderts; daran konnte Summereder natürlich nichts ändern. Aber das Buch macht verständlich, wie es zu der Ablehnung des Orgelbaus des 19. Jahrhunderts kam.

Woehl

Max Reger @, Wallfahrtsstadt Kevelaer, Sonntag, 23. März 2025, 14:48 (vor 535 Tagen) @ link1907

Dieses von mir benannte Buch hat Gerald jedem Mitarbeiter in der Werkstatt geschenkt, soweit ich mich entsinne.
In ihm zu lesen, ist für mich ein erheblicher Zuwachs an Erkenntnis, denn Summereder zeichnet nach, wie sogenannte Orgelsachverständige mit ihren Ideologien in ihrem Einflussbereich wirkten, aber auch, dass "gescholtene" Orgelbauer (wie u.a.Kemper) auch bemüht gewesen sind, zum Teil dem Zeitgeist widersprechend zu bewahren oder zumindest vor der Vernichtung zu dokumentieren, was sie für wertvoll erachteten. Mir hat dieses Buch den Ansatz vermittelt, Dinge mit Abstand zu betrachten, nicht leichtfertig zu urteilen....zu verurteilen. Inhalte und Gegebenheiten im Kontext zu bewerten und zu respektieren.
Diese Herangehensweise ist leider (auch) im Orgelbau nicht sehr verbreitet und zumindest ein Orgelsachverständiger, Ekkehard Isenberg, hat mir mit einer Aussage wirklich sehr aus der Seele gesprochen und mit Sachverstand und Lebensweisheit geäußert:

"WIR REIßEN ALLE 50 JAHRE UNSERE ORGELN AB UND FRAGEN UNS WEITERE 50 JAHRE SPÄTER,
WARUM WIR DAS GETAN HABEN."

Von der Nichtbeachtung dieser Einsicht lebt u.a. der Orgelbau nicht schlecht.
Und von einem solchen Vorgang wird man nach meiner Auffassung sprechen müssen in Lübeck, St.Marien.

Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Sonntag, 23. März 2025, 15:08 (vor 535 Tagen) @ Max Reger

Dieses von mir benannte Buch hat Gerald jedem Mitarbeiter in der Werkstatt geschenkt, soweit ich mich entsinne.
In ihm zu lesen, ist für mich ein erheblicher Zuwachs an Erkenntnis, denn Summereder zeichnet nach, wie sogenannte Orgelsachverständige mit ihren Ideologien in ihrem Einflussbereich wirkten, aber auch, dass "gescholtene" Orgelbauer (wie u.a.Kemper) auch bemüht gewesen sind, zum Teil dem Zeitgeist widersprechend zu bewahren oder zumindest vor der Vernichtung zu dokumentieren, was sie für wertvoll erachteten. Mir hat dieses Buch den Ansatz vermittelt, Dinge mit Abstand zu betrachten, nicht leichtfertig zu urteilen....zu verurteilen. Inhalte und Gegebenheiten im Kontext zu bewerten und zu respektieren.
Diese Herangehensweise ist leider (auch) im Orgelbau nicht sehr verbreitet und zumindest ein Orgelsachverständiger, Ekkehard Isenberg, hat mir mit einer Aussage wirklich sehr aus der Seele gesprochen und mit Sachverstand und Lebensweisheit geäußert:

"WIR REIßEN ALLE 50 JAHRE UNSERE ORGELN AB UND FRAGEN UNS WEITERE 50 JAHRE SPÄTER,
WARUM WIR DAS GETAN HABEN."

Von der Nichtbeachtung dieser Einsicht lebt u.a. der Orgelbau nicht schlecht.
Und von einem solchen Vorgang wird man nach meiner Auffassung sprechen müssen in Lübeck, St.Marien.

Ja, da ist viel Wahres drin. Dass Woehl das Buch in der Werkstatt verschenkte, mag am Interview gelegen haben, doch erfährt man ja in diesem sehr viel vom "Chef" - und die restlichen Seiten dürfte Woehl trotzdem auch für lesenwert erachtet haben. Gute Aktion!
Isenbergs Satz ist ebenfalls hart, aber herzlich. Momentan läuft, um ein weiteres Mal davon zu sprechen, in Rostock nichts, daher ist die Frage gerade auf Pause geschaltet, ansonsten aber höchst brennend.

Und es wurde oben auf Marien Lübeck verwiesen. Da war ich vor 14 Tagen - ich berichte gleich... und sage schon hier, dass ich weiterhin skeptisch bin, dass wir dort einen Abriss erleben, der in soundsoviel Jahrzehnten betrauert werden wird.

Mir fällt da ein junger orgelinteressierter Mensch ein, der aber wenig Sachkunde besaß, und P. Planyavsky bekniete, mal die damalige Kauffmann-Orgel im Wiener Stephansdom bespielen zu drüfen. Warum? fragte P.P. Wegen der vielen Farben, war die Antwort. Da sind keine Farben nur Grau, sprach der Meister.

Ob der damals junge Mensch (Kontakt lange abgerissen) jetzt sagen würde: Ich hab es ja gleich gesagt!
Dann würden wir ihm antworten: Ja, aber technisch ist alles neu und von den Pfeifen die Hälfte.

Wäre das ein Schicksal, dass Sie, lieber Herr Lüdke, für die Orgel von Marien HL akzeptieren würden?

Orgel-Bewegungen, war: Woehl

MCVL @, Sonntag, 23. März 2025, 15:25 (vor 535 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Und es wurde oben auf Marien Lübeck verwiesen. Da war ich vor 14 Tagen - ich berichte gleich... und sage schon hier, dass ich weiterhin skeptisch bin, dass wir dort einen Abriss erleben, der in soundsoviel Jahrzehnten betrauert werden wird.

Wir wissen es nicht. Vermutlich hat man sich hier https://www.pfeifenorgelforum.net/forum/index.php?id=102268 anno 1985 auch gedacht, daß den Abriss dieser Orgel kaum einmal jemand bedauern wird... Ich habe mir die Aufnahme in letzter Zeit mehrmals angehört und bin mehr und mehr fassungslos, was für ein Instrument dort offensichtlich rein aus Gründen des Zeitgeschmacks ausgelöscht wurde, dessen Qualitäten und Möglichkeiten seinerzeit offenbar niemand erkannte und verstehen wollte.

Orgel-Bewegungen, war: Woehl

FranzS., Montag, 24. März 2025, 21:18 (vor 533 Tagen) @ MCVL

Und es wurde oben auf Marien Lübeck verwiesen. Da war ich vor 14 Tagen - ich berichte gleich... und sage schon hier, dass ich weiterhin skeptisch bin, dass wir dort einen Abriss erleben, der in soundsoviel Jahrzehnten betrauert werden wird.


Wir wissen es nicht. Vermutlich hat man sich hier https://www.pfeifenorgelforum.net/forum/index.php?id=102268 anno 1985 auch gedacht, daß den Abriss dieser Orgel kaum einmal jemand bedauern wird... Ich habe mir die Aufnahme in letzter Zeit mehrmals angehört und bin mehr und mehr fassungslos, was für ein Instrument dort offensichtlich rein aus Gründen des Zeitgeschmacks ausgelöscht wurde, dessen Qualitäten und Möglichkeiten seinerzeit offenbar niemand erkannte und verstehen wollte.

Na ja, Stockmeier hat den Wert der Orgel ja erkannt. So ist es nun eben, und weg ist weg. Was zu hoffen bleibt ist, dass das forciert aggressive Klangbild der jetzigen Orgel (hier zu hören) wenigstens der Nachwelt erhalten bleibt. Georg Jann und Eberhard Hilse wurden ja auch schon andernorts durch den Weichspülgang gejagt.

Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Max Reger @, Wallfahrtsstadt Kevelaer, Sonntag, 23. März 2025, 17:35 (vor 535 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Wäre das ein Schicksal, dass Sie, lieber Herr Lüdke, für die Orgel von Marien HL akzeptieren würden?

Abgesehen davon, dass in Lübeck "der Zug wohl abgefahren ist", hatte ich (im Netz unter <http://st-marien-luebeck.org/> meine Perspektiven für dieses Instrument schon vor Jahren formuliert und kommuniziert. Weder Kirchenvorstand noch die Pastöre an St. Marien haben auf jedwede Korrespondenz mit auch nur einer Silbe reagiert. Hinter der "Orgelsachverständigen-Wand (Petersen)" versteckt sich jeder in Lübeck, es ist geradezu unheimlich.....

Hier ist zu lesen, was möglich und wirklich sinnstiftend gewesen wäre nach meiner Auffassung:
<file:///C:/Users/Eckehard/Desktop/Eckehard-privat%202025/
L%C3%BCbeck,%20St.%20Marien/GUTACHTEN/GUTACHTEN%20.pdf>

Mit einer zeitgemäßen Registersteuerung, einer eingehenden Sanierung der Traktur und Erweiterungen im Registerbestand hätte man zu einem weitaus geringeren Preis als bei einem Neubau ein ganz bemerkenswertes und genuin Lübecker Werk erhalten können.
Was soll´s? Die Motive, die dort treibend sind und die Mechanismen vor Ort sind hinlänglich beschrieben worden. Da haben andere Perspektiven á priori keine Chance gehabt.
St. Marien wird leerer und leerer an Menschen - dafür träumt Herr Unger seine Orgelträume ohn´ Zaudern weiter. Und der "Orgelsachverständige" schöpft noch viel Geld ab.....

Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Sonntag, 23. März 2025, 17:42 (vor 535 Tagen) @ Max Reger

Mit einer zeitgemäßen Registersteuerung, einer eingehenden Sanierung der Traktur und Erweiterungen im Registerbestand hätte man zu einem weitaus geringeren Preis als bei einem Neubau ein ganz bemerkenswertes und genuin Lübecker Werk erhalten können.
Was soll´s? Die Motive, die dort treibend sind und die Mechanismen vor Ort sind hinlänglich beschrieben worden. Da haben andere Perspektiven á priori keine Chance gehabt.
St. Marien wird leerer und leerer an Menschen - dafür träumt Herr Unger seine Orgelträume ohn´ Zaudern weiter. Und der "Orgelsachverständige" schöpft noch viel Geld ab.....

Zwei kleine Entgegnungen zwischendurch:

Der weitaus geringere Preis - reicht das als Argument, wenn es um Qualität geht? Abgesehen davon wissen wir, dass Aufarbeitung und Neubau finanziell ähnlich sind.

Und dass Marien leerer und leerer wird, hängt nicht davon ab, ob die Orgel von Kemper ist oder nicht. Oder ob überhaupt eine da ist.

Datei ist besser als ein link (Orgel-Bewegungen, war: Woehl)

elias.orgel, Sonntag, 23. März 2025, 17:50 (vor 535 Tagen) @ Max Reger

Hier ist zu lesen, was möglich und wirklich sinnstiftend gewesen wäre nach meiner Auffassung:
<file:///C:/Users/Eckehard/Desktop/Eckehard-privat%202025/
L%C3%BCbeck,%20St.%20Marien/GUTACHTEN/GUTACHTEN%20.pdf>


wenn ich das richtig verstanden habe, dann könnte ich jetzt (oder später) bei Dir einbrechen und wüsste sofort, wo auf Deinem Rechner ich die Datei finde... ;-)

aber lesen kann ich sie (leider) von hier aus nicht...

--
Orgelspielen heißt: im Sitzen tanzen ...

... für Gott

Datei ist besser als ein link (Orgel-Bewegungen, war: Woehl)

Max Reger @, Wallfahrtsstadt Kevelaer, Sonntag, 23. März 2025, 17:53 (vor 535 Tagen) @ elias.orgel

wenn ich das richtig verstanden habe, dann könnte ich jetzt (oder später) bei Dir einbrechen und wüsste sofort, wo auf Deinem Rechner ich die Datei finde... ;-)

aber lesen kann ich sie (leider) von hier aus nicht...

Oh, Pardon.....bitte hier klicken:
http://st-marien-luebeck.org/ und dann zum Gutachten durchklicken.....

Danke für den link (Orgel-Bewegungen, war: Woehl)

elias.orgel, Sonntag, 23. März 2025, 17:59 (vor 535 Tagen) @ Max Reger

...bitte hier klicken:
http://st-marien-luebeck.org/ und dann zum Gutachten durchklicken.....


klasse - vielen Dank

--
Orgelspielen heißt: im Sitzen tanzen ...

... für Gott

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Sonntag, 23. März 2025, 18:30 (vor 535 Tagen) @ Max Reger

Ich wollte länger über meinen Lübeck-Aufenthalt am 8./9. März schreiben, aber es verschob sich und nun mache ich es kurz...

Samstag 17 Uhr (die Einführung dieses Termins hatten wir schon mal besprochen) Besuch des nun den Winter über gemeinsamen Gottesdienstes von Marien und Jakobi in der heizbaren Seitenkapelle von Jakobi. Trotz der Heizbarkeit und des eigentlich schönen Raumes kommt bei mir nicht recht Freude auf. Pastor Pfeifer (Marien) kann michg nicht recht entflammen. Wir sind 33 Erwachsene, 3 Jugendliche 3 Kinder. Die angekündigten "Instrumentalsolisten" sind nur eine, aber sehr gute, Geigerin, die drei Solostücke (teilw. Bach-Partitensätze) und eines mit b.c. spielt. An der Truhenorgel wirkt solide Arvid Gast, der die nur zwei Gemeindeglieder unauffällig aber sehr gut singbar (mein Dauerthema: Artikulierte Liedbegleitung) unterstützt.

Ja, wenn das zumindest auf dem Papier der gemeinsame GD zweier ehemals selbständiger Gemeinden ist, dann möchte man Herrn Lüdke Recht geben bei der Klage über die Leere in Lübecker Kirchen.

Wechsel zum Dom: Dort am Sonntag Kaffee im relativ neuen Bäckerei-Café im Domhof...

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...beim Gang an der Trave entlang kommt man westseitig am Dom an Info-Ständen zur Turmsanierung (28 Mio EUR) vorbei. Mehrere kleine Mauern und Türme sind aufgebaut, Teil der "Materialerprobungsphase", man prüft das Zusammengehen unterschiedlicher Werkstoffe im mit Treibmineralien durchsetzten historischen Mauerwerk, aus dem man auch zu Prüfzwecken eine ganze Ecke entfernt hat. Hohe Kunst der Gebäudesanierung.

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Im Gottesdienst, seit der letzten Innenstadt-Refrom um 10 Uhr, über 100 Erwachsene,m ca. 25 Konfirmand:innen (die hatten aber wohl am Vortag irgendeine Veranstaltung) und ebenfalls ganz wenige Kinder.... Aber hier sind es noch 16 Grad, schöne Morgensonne, der gelungene Grundmann-Umbau mit den schönen Prinzipal- und Ausstattungsstücken für das Abendmahl, das sehr intensiv wahrgenommen und begangen wird - heile Welt sozusagen! Und es tut mir persönlich gut. Johannes Unger spielt erneut sehr schön, aber reichlich: 7 Minuten Buxtehude (BuxWV 148) als Vorspiel. Einerseits herrlich mit der Marcussen-Orgel, begonnen am HW Prinzipal 8'... aber ich beobachte die Konfirmanden. Sie tragen es mit Fassung, man kennt es in dieser Kirche auch nicht ohne ausgiebiges Orgelspiel. Sehr gute Liedbegleitung und Inotnationen. Zur "Festen Burg" gibt es eine Into, die sehr dem Satz aus Regers op. 79b ähnelt, es war aber in C-Dur. Entweder transponiert oder eine improvisierte Annäherung oder.... Kräftiger Schluss, kräftige erste Strophe, die Gemeinde hält gegen an. Für "Von Gott will ich nicht lassen" gibt es ein Vorspiel, welches das Hauptthema von Mussorgskys "Bydlo" aus den "Bildern" als Ritornell-Motiv nutzt. Hatte was.
Zum wie gesagt langen Abendmahl gab es den Mittelsatz aus einem Bach-Vivaldi Konzert (vergessen, welches) und eine Tierce en Taille von de Grigny, als Postludium Titelouze "Pange lingua". Die Abkündigungen nach dem Predigtlied wurden von Pastor Klatt mit einem "ganz herzlichen Dank" an das schöne Orgelspiel von Johannes Unger eröffnet - tja, das ist die Wertschätzung, die einige hier regelmäßig vermissen.
Im Nachgang ergab sich ein Plausch mit Johannes Unger. Wir sind Kollegen, keine engen Freunde oder so, ich habe also keinen Grund, irgendetwas einzufärben. Das Orgelspiel war einfach durchgängig gut und schön, aber das Ambiente unterstützt das natürlich sehr. Zur Marien-Orgel haben wir Einiges gequatscht, ich will nicht alles hier breittreten, es war ja kein Interview. Mehr gleich nach der kleinen Fotostrecke:

Zunächst einmalk: Wenn man jetzt nach Marien geht, strömt einem gleich ein modriger Geruch entgegen. Ob alte oder neue Orgel, das wird Thema bleiben. Die Führer-Orgel hat ja ein starkes Schimmelproblem. Neu in Marien ist eine Ausgrabung, die die romanische Basilika (also eine kleine Ecke davon) im Chor der Kirche sichtbar macht. Das ist spannend für Fans dieser Kirche:

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Im Chor gibt es auch eine Ausstellung zum Sanierungsbedarf. Gemeäß der neuen Gemeinsamkeit wird nicht nur über Marien, sondern auch über die Dom-Turm-Sanierung informiert. Die Eckdaten sind in beiden Fällen "erschütternd":

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Auch hier sind über 20 Mio Euro veranschlagt. Dass das möglich SCHEINT, liegt daran, dass die Orgelmaßnahmen sämtlich aus der Finanzierung herausgenommen wurden, um die Kofinanzierung der Fördermittel zu ermöglichen. Insofern '"träumt Herr Unger seine Orgelträume ohn´ Zaudern weiter", um Herrn Lüdke zu zitieren. Aber es bleibt ein langfristiges Träumen, und von einem Scahverständigen-Honorar kann noch lange keine Rede sein.
Nach der durch Spende einer Million möglich und fertig gewordenen Sanierung der Briefkapelle geht es an den ersten Abschnitt, Westseite innen. Und tadaaa, das wollt Ihr sehen - das Gerüst, das sowohl zum Abbau der Orgel wie auch zur Begutachtung und Sanierung der Westwand (nach Orgel-Beräumung) dienen soll:

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Dass es nicht nur um die Orgel geht, zeigen die Plattformen an der Wand. Insgesamt heftige Dimensionen. Kenner wissen, dass dieses Gerüst im oberen fünfstelligen Euro-Bereich (oder sogar schon sechsstellig) rangiert:

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Am Dienstag, 11. 3., sollte der Abbau des Instruments begonnen haben. Ladach führt diesen durch. Ein Teil der Orgel könnte anschließend noch nach Valley kommen, aber das ist, wenn ich richtig verstanden habe, noch nicht raus. Die Platzprobleme etc. dort sind im Forum ja öfter Thema gewesen.

Wie gesagt: Ob die erste Realität werdende Großorgel-Aktion rund um die Lübecker Bucht in Lübeck St. Marien, Rostock St. Marien oder doch Wismar St. Georgen stattfindet, ist zur Zeit nicht zu greifen. Vielleicht überholt Wismar noch als Underdog, ist dort doch wenigstens die Bude fit und dem Vernehmen nach auch Geld in Sicht (mehr weiß ich zur Zeit auch nicht, aber das). Für Unger und mich gilt also bis auf Weiteres der berühmte Spruch "Träum' weiter!"

Wir schalten zurück in's Funkhaus.

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Max Reger @, Wallfahrtsstadt Kevelaer, Sonntag, 23. März 2025, 19:13 (vor 534 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Am Dienstag, 11. 3., sollte der Abbau des Instruments begonnen haben. Ladach führt diesen durch. Ein Teil der Orgel könnte anschließend noch nach Valley kommen, aber das ist, wenn ich richtig verstanden habe, noch nicht raus.

Besten Dank für dieses "Update" aus der einstmals florierenden Hansestadt Lübeck.

Was ist denn mit der Kemper-Orgel vorgesehen?


Landauf-landab bauen Kirchen ihre Räume um zu i.d.R. multifunktionalen Räumen, soweit das möglich ist und soweit nicht eine komplette Aufgabe des Bauwerkes vorgenommen wird.
In der katholischen Gemeinde St.Clemens und Mauritius in Köln Mülheim, wo ich gerade meine Arbeit abschließe, werden von acht Kirchen in nächster Zukunft vier abgestoßen werden.

Wer will Millionen für und in einen Orgelneubau investieren, der im Gottesdienst gar nicht und lediglich in schwach besuchten Orgelkonzerten (in St. Marien ist ja auch ein gemeinsames Musizieren mit Chor und Orchester eigentlich nicht oder kaum darstellbar) einsetzbar ist?
Hat sich mal jemand der wenig reflektierten Geister an St. Marien diese Frage gestellt?
Drei....vier...(oder noch mehr?) Millionen Euro Ausgabe an dieser Stelle?

Chapeau, Herr Unger!
Chapeau, Herr Petersen!
Chapeau, Geistlichkeit und Kirchenvorstand für so viel Weitsichtigkeit.
Ihr habt ales im Griff auf dem sinkenden (Kirchen-) Schiff.....

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Max Reger @, Wallfahrtsstadt Kevelaer, Sonntag, 23. März 2025, 19:51 (vor 534 Tagen) @ Max Reger
bearbeitet von Max Reger, Sonntag, 23. März 2025, 19:59

Und dann stellt sich angesichts dieser Entwicklung doch schon drängend die Frage:

Wie lange wird die Kirche in Lübeck noch Kirchenmusik(-er) auf dem jetzigen Level finanzieren?
Wie verhältnismäßig ist es, für gerade mal zwei Dutzend GD-Besucher pro Sonntag einen oder sogar mehrere festangestellte A-Musiker zu finanzieren?
Wann muss Arvid Gast sich damit arrangieren, nacheinander in Marien, Jakobi und vielleicht noch andernorts die Orgel zu schlagen, während Herrn Ungers Stelle eingespart wird?

Ärger noch: St. Marien wird Veranstaltungsraum, Museum......und läuft als Kirchenraum aus, weil vollkommen unverhältnismäßig und unfinanzierbar. Ist es unrealistisch das anzunehmen für 2030?


Dazu eine Anekdorte: ein ganz junger Mann -späterer Student von Prof.Kraft und noch später Gymnasiallehrer (inzwischen schon längere Zeit im Ruhestand - erzählte mir mal, wie er des Sonntags in den 60er Jahren den großen Meister auf der (Totentanz-)Orgel vertrat im Hauptgottesdienst.
Nach seinen Worten ist es ein recht radebrechenes Orgelspiel gewesen, das er vom Spieltisch aus bot - zur größten Begeisterung von Klerus und Gemeinde. Das akademische Niveau des Marienorganisten hatte es demzufolge gar nicht sein müssen.... :-)))

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Sonntag, 23. März 2025, 20:12 (vor 534 Tagen) @ Max Reger

Und dann stellt sich angesichts dieser Entwicklung doch schon drängend die Frage:

Wie lange wird die Kirche in Lübeck noch Kirchenmusik(-er) auf dem jetzigen Level finanzieren?

Wer zuerst in Ruhestand geht, wird nicht nachbesetzt. Spekulation von mir, aber 90% wahrscheinlich.

Wie verhältnismäßig ist es, für gerade mal zwei Dutzend GD-Besucher pro Sonntag einen oder sogar mehrere festangestellte A-Musiker zu finanzieren?

es ist nur mehr einer - Unger ist halb für den (wie geschrieben noch florierenden!) Dom zuständig, die Leitung der Knabenkantorei an Marien ist m. W. auch nur 50%, jedenfalls nicht voll.

Wann muss Arvid Gast sich damit arrangieren, nacheinander in Marien, Jakobi und vielleicht noch andernorts die Orgel zu schlagen, während Herrn Ungers Stelle eingespart wird?

Oder Herr Unger damit, dass Gasts Stelle eingespart wird. Wie gesagt, wer zuerst geht... Siehe SChwerin, wo Jan Ernst (Dom) nicht nachbesetzt wird.

Ärger noch: St. Marien wird Veranstaltungsraum, Museum......und läuft als Kirchenraum aus, weil vollkommen unverhältnismäßig und unfinanzierbar. Ist es unrealistisch das anzunehmen für 2030?

Ja und Nein. Dass Gottesdienst eine Randerscheinung ist, ist bereits jetzt der Fall (so wie ein PKW ja auch die meiste Zeit herumsteht ;-). Dass aber gar nichts mehr dort gebetet wird (z. B. auch in der Mittagsandacht), das sehe ich erst in vielen Jahren.

Dazu eine Anekdorte: ein ganz junger Mann -späterer Student von Prof.Kraft und noch später Gymnasiallehrer (inzwischen schon längere Zeit im Ruhestand - erzählte mir mal, wie er des Sonntags in den 60er Jahren den großen Meister auf der (Totentanz-)Orgel vertrat im Hauptgottesdienst.
Nach seinen Worten ist es ein recht radebrechenes Orgelspiel gewesen, das er vom Spieltisch aus bot - zur größten Begeisterung von Klerus und Gemeinde. Das akademische Niveau des Marienorganisten hatte es demzufolge gar nicht sein müssen.... :-)))

Ja, dann passte die Kemper-Orgel ja perfekt zu den genügsamen Bedürfnissen der Gemeinde. (Ironie aus).

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Max Reger @, Wallfahrtsstadt Kevelaer, Sonntag, 23. März 2025, 20:37 (vor 534 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Dazu eine Anekdorte: ein ganz junger Mann -späterer Student von Prof.Kraft und noch später Gymnasiallehrer (inzwischen schon längere Zeit im Ruhestand - erzählte mir mal, wie er des Sonntags in den 60er Jahren den großen Meister auf der (Totentanz-)Orgel vertrat im Hauptgottesdienst.
[quote][quote]Nach seinen Worten ist es ein recht radebrechenes Orgelspiel gewesen, das er vom Spieltisch aus bot - zur größten Begeisterung von Klerus und Gemeinde. Das akademische Niveau des Marienorganisten hatte es demzufolge gar nicht sein müssen.... :-)))[/quote][/quote]

> Ja, dann passte die Kemper-Orgel ja perfekt zu den genügsamen Bedürfnissen der Gemeinde. (Ironie aus).

Die Totentanz-Orgel - ist diese wirklich so dürftig gewesen wie oben angedeutet? - sollte unter Ernst-Erich-Stender von Grund auf saniert werden. Dafür wurde lange Zeit viel Geld gesammelt.
Und was ist dann gemacht worden? Das Instrument ist beseitigt und durch einen Neubau ersetzt worden (Diese Masche haben in gleicher Weise vor Jahren auch Martin Rost und seine "Orgelkommission" in Stralsund gestrickt: Jakobi-Mehmel-Orgel!).
Der inzwischen vom jungen Mann zum Herrn im Beamtenstatus gereifte Orgelspieler hat seinerzeit großzügig für die proklamierte Renovierung der "Totentanz-Orgel"gespendet - er schätzte dieses Werk, bei dem sich Kemper 1955 orientiert hatte am Klangbild der untergangenen mittelalterlichen Orgel, sehr.
Und ist dermaßen abgestoßen gewesen über so eine Täuschung, dass er aus der Kirche ausgetreten ist.

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Wolfgang Gourgé @, Montag, 24. März 2025, 15:12 (vor 534 Tagen) @ Max Reger
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Montag, 24. März 2025, 15:20


> Ja, dann passte die Kemper-Orgel ja perfekt zu den genügsamen Bedürfnissen der Gemeinde. (Ironie aus).

Die Totentanz-Orgel - ist diese wirklich so dürftig gewesen wie oben angedeutet? - sollte unter Ernst-Erich-Stender von Grund auf saniert werden. Dafür wurde lange Zeit viel Geld gesammelt.
Und was ist dann gemacht worden? Das Instrument ist beseitigt und durch einen Neubau ersetzt worden (Diese Masche haben in gleicher Weise vor Jahren auch Martin Rost und seine "Orgelkommission" in Stralsund gestrickt: Jakobi-Mehmel-Orgel!).
Der inzwischen vom jungen Mann zum Herrn im Beamtenstatus gereifte Orgelspieler hat seinerzeit großzügig für die proklamierte Renovierung der "Totentanz-Orgel"gespendet - er schätzte dieses Werk, bei dem sich Kemper 1955 orientiert hatte am Klangbild der untergangenen mittelalterlichen Orgel, sehr.
Und ist dermaßen abgestoßen gewesen über so eine Täuschung, dass er aus der Kirche ausgetreten ist.

...waren Sie denn damals beim Symposion (2014) dabei? Haben Sie die Fotos aus dem Inneren der großen Kemper-Orgel gesehen? Wie stellen Sie sich den Umgang mit Windladen aus Pressspan vor?

[image]
(Spanplatten unter den großen Basspfeifen im C-"Balkon", eigenes Foto)

Kein Orgelbauer wäre bereit gewesen, solche Laden zu "restaurieren", schon deshalb nicht, weil man auf sowas keine Gewährleistung geben kann. Die Fotos aus dem Orgelinneren - eine Spanplatte nach der nächsten - waren niederschmetternd. Die einzige Möglichkeit wäre ein kompletter technischer Neubau gewesen.

Es gab einen einzigen Orgelbauer, der eine solche Generalsanierung der großen Orgel ins Gespräch brachte: Konrad Mühleisen.

[image]

Der naheliegende Einwand ließ nicht lange auf sich warten: genauso teuer wie ein Neubau, und dazu Konservierung der klanglichen Defizite. - Es ist ja nicht unsympathisch, wenn man zuerst mal "gegen den Strom schwimmt". Aber trotzdem sollte man sich fragen, ob der Strom möglicherweise in die richtige Richtung fließen könnte - oder waren das bei dem immerhin ja hochkarätig besetzten Symposion alles Ignoranten?

Und auch die "Rekonstruktion" der Totentanzorgel durch Kemper im Jahr 1955 war diese Bezeichnungn wohl eher nicht wert: zunächst mal war sie nicht am originalen Standort, sondern dort, wo heute ihre Nachfolgerin von Führer steht, also um 90 Grad entgegen dem Uhrzeigersinn gedreht. Das ist kein vernachlässigbarer Unterscheid. Am originalen Standort ist heute die astronomische Uhr anzutreffen; beim Symposion fand eine Totentanzorgel-Simulation mittels aufwendiger Lautsprecheranlage auf einem Kran statt (mit Klängen der Stellwagen-Orgel aus St. Jakobi) - für mich sehr überzeugend, auch im Chorraum war die "Orgel" trotz ihrer Abstrahlung in die Gegenrichtung erstaunlich präsent.

[image]

[image]

Und wenn das Material der großen Orgel von 1968 so bescheiden war, wird dann das Material der 1955er-Totentanzorgel besser gewesen sein - oder eher noch schlechter? Ich fürchte, eher letzteres. Die Kemperin in Estebrügge, unweit von Buxtehude, war aus derselben Zeit, 1958 - eine Beleidigung des Schnitger-Gehäuses und seit vielen Jahren stillgelegt. Reparaturversuche gab es mal - eine Fehlinvestition, übrigens genauso wie bei der Kemper in der Hamburger Katharinenkirche, in die Beckerath in den 1980ern noch eine komplett neue Spielanlage einbaute. Walter Kraft hat auf der 1955er-Totentanzorgel das Gesamtwerk Buxtehudes eingespielt - unverkennbar der spröde, heisere Kemper-Klang.

Was Sie zur Zukunft der Kirchen sagen: alles richtig, für die Gemeinde genügt längst die Briefkapelle, vermutlich auch im Sommer. Vielleicht kann man in St. Marien künftig auch nur mit einer rekonstruierten Totentanzorgel auskommen, ganz ohne große Orgel - kirchlichen Bedarf gibt es dafür nicht mehr. Aber gibt es den in Groningen, Aa-Kerk, Pelstergasthuiskerk und Martini? Oder in Deventer, Broederenkerk, Bergkirche und Lebuinuskerk? Oder in Zwolle mit der Grote Kerk auf dem Marktplatz, der Dominikanerkerk? Hasselt, Zutphen? Man kann fast jede größere Kirche in den Niederlanden nehmen, und die Antwort ist: Nein, alle diese Kirchen werden mittlerweile mindestens mehrfunktional genutzt. Trotzdem erhalten die Niederlande ihre Kirchen und Orgeln, weil sie nunmal historische kulturelle Denkmäler sind. Und die politischen Gemeinden stellen "Stadtorganisten" an - ein Modell, das auch in Städten wie Lübeck, Lüneburg (oder Stade...) irgendwann ansteht, will man die Orgelkultur erhalten (man sollte sich schonmal damit vertraut machen....). St. Marien als Veranstaltungs-, Ausstellungs-, Touristenraum und Buxtehude-Gedenkstätte: warum nicht?

Und wenn sich Institutionen oder Personen finden, die eine große neue Orgel in St. Marien in Lübeck wollen und finanzieren: deren Sache. Dagegen lässt sich nicht mit fehlendem kirchlichen Bedarf argumentieren. Die Kirchen sind in ihrer gegenwärtigen Verfassung nunmal Auslaufmodelle. In Kürze erscheinen die neuen Zahlen für 2024, und die werden ebenso erwartungsgemäß ausfallen wie die hilflosen Statements aus den Kirchenämtern ("Bedeutung der christlichen Botschaft betonen", "Mehrwert durch Kirchenmitgliedschaft" - der Gipfel war ja für mich eins der Statements von Annette Kurschus: Hochs und Tiefs habe es ja immer in der Geschichte der evangelischen Kirche gegeben, dies gehöre zur Kirche dazu - "Achtung, achtung, hier spricht der Kapitän der 'Titanic': Schiffsuntergänge gibt es seit Beginn der Seefahrt, und Menschen bestehen ja ohnehin zu 70% aus Wasser - also keine Panik, alles halb so wild!"....)....

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 24. März 2025, 15:25 (vor 534 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

*like*

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Poupoulcorouse @, Elberfeld, Montag, 24. März 2025, 17:02 (vor 534 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Das mit den Aufs und Abs würde ich ja noch unterschreiben, auch wenn ich weite Teile der Krisendiagnose teile.

Nichtsdestotrotz: Solange das Auf nicht in Sicht ist, braucht es eben andere Lösungen für solche Kulturgüter, da bin ich ganz bei dir. Das mit dem Kulturverlust ist ja kein nur kirchliches sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, in einem der reichsten Länder der Welt, bei allen Krisennarrativen. Für geschmacklosen Dreck ist immer noch mehr als genug Geld da.

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Max Reger @, Wallfahrtsstadt Kevelaer, Montag, 24. März 2025, 23:20 (vor 533 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
bearbeitet von Max Reger, Montag, 24. März 2025, 23:30

Guten Abend,

zur Beschaffenheit der Kemper-"Totentanz-Orgel" konnte und kann ich mich nicht äußern, weil es mir an eigener Anschauung fehlt. Zitiert habe ich den Bekannten aus Lübeck/ Kiel, der reagiert hat auf den Betrug an den Spendern.

Zur Großen Orgel muß ich jetzt mal konkret fragen:
in welcher Weise waren oder sind die Windladen defekt, vor allem, was den Werkstoff Spanplatte anbelangt? Was ist dokumentiert in dieser Hinsicht?
Wie gravierend sind die Schäden?
Dazu würden mich mal Details interessieren, die mir bislang nicht bekanntgeworden sind.
Die fachfremden Aussagen des Herrn Petersen sind ja hinlänglich bekannt.
Mich würden belastbare Fakten interessieren, nicht interessengeleitete Stimmungsmache.


Wie stellen Sie sich den Umgang mit Windladen aus Pressspan vor?

Lässt sich diese Frage präzisieren?
Worin bestand der Bedarf einer "Restaurierung"?
Was wäre denn zu restaurieren gewesen?
Und wie definieren Sie eigentlich den Begriff "Restaurierung"?
Es wäre doch wohl eher um eine "Renovierung" gegangen, oder irre ich mich?

Bitte: als Orgelbauer möchte ich schon gerne etwas profunde Aussagen dazu haben, bevor ich antworte.


> Kein Orgelbauer wäre bereit gewesen, solche Laden zu "restaurieren", schon deshalb nicht, weil man auf sowas keine Gewährleistung geben kann. Die Fotos aus dem Orgelinneren - eine Spanplatte nach der nächsten - waren niederschmetternd.

Welche Anhaltspunkte gibt es für solche Thesen?

Weshalb kann ich als Orgelbauer nicht Haftung übernehmen für meine Arbeit? Zumindest jene Werkstatt, die einen solchen Auftrag annimmt, wird es (wenn nicht der Vertrag nicht Sonderbestimmungen enthält) regelmäßig tun müssen.

Haben Sie eigentlich in etwa Kenntnisse von der Verbreitung von Spanplattenwerkstoffen in der deutschen Orgelbautopographie? Die weite Verbreitung u.a.von MDF-Materal?

Die Disskussion zu diesem Thema hatten wir hier schon mal geführt vor ein paar Monaten und ich habe mich gefreut, dass sich dazu seinerzeit auch ein fachkundiger Kollege geäußert hat.

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Wolfgang Gourgé @, Dienstag, 25. März 2025, 21:38 (vor 532 Tagen) @ Max Reger
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Dienstag, 25. März 2025, 22:57

Guten Abend,

zur Beschaffenheit der Kemper-"Totentanz-Orgel" konnte und kann ich mich nicht äußern, weil es mir an eigener Anschauung fehlt. Zitiert habe ich den Bekannten aus Lübeck/ Kiel, der reagiert hat auf den Betrug an den Spendern.

Zur Großen Orgel muß ich jetzt mal konkret fragen:
in welcher Weise waren oder sind die Windladen defekt, vor allem, was den Werkstoff Spanplatte anbelangt? Was ist dokumentiert in dieser Hinsicht?
Wie gravierend sind die Schäden?
Dazu würden mich mal Details interessieren, die mir bislang nicht bekanntgeworden sind.
Die fachfremden Aussagen des Herrn Petersen sind ja hinlänglich bekannt.
Mich würden belastbare Fakten interessieren, nicht interessengeleitete Stimmungsmache.


Wie stellen Sie sich den Umgang mit Windladen aus Pressspan vor?

Lässt sich diese Frage präzisieren?
Worin bestand der Bedarf einer "Restaurierung"?
Was wäre denn zu restaurieren gewesen?
Und wie definieren Sie eigentlich den Begriff "Restaurierung"?
Es wäre doch wohl eher um eine "Renovierung" gegangen, oder irre ich mich?

Bitte: als Orgelbauer möchte ich schon gerne etwas profunde Aussagen dazu haben, bevor ich antworte.


> Kein Orgelbauer wäre bereit gewesen, solche Laden zu "restaurieren", schon deshalb nicht, weil man auf sowas keine Gewährleistung geben kann. Die Fotos aus dem Orgelinneren - eine Spanplatte nach der nächsten - waren niederschmetternd.

Welche Anhaltspunkte gibt es für solche Thesen?

Weshalb kann ich als Orgelbauer nicht Haftung übernehmen für meine Arbeit? Zumindest jene Werkstatt, die einen solchen Auftrag annimmt, wird es (wenn nicht der Vertrag nicht Sonderbestimmungen enthält) regelmäßig tun müssen.

Haben Sie eigentlich in etwa Kenntnisse von der Verbreitung von Spanplattenwerkstoffen in der deutschen Orgelbautopographie? Die weite Verbreitung u.a.von MDF-Materal?

Die Disskussion zu diesem Thema hatten wir hier schon mal geführt vor ein paar Monaten und ich habe mich gefreut, dass sich dazu seinerzeit auch ein fachkundiger Kollege geäußert hat.

*seufz*

Wieso sind die Aussagen von Hans-Martin Petersen für Sie "fachfremd"? Sie waren doch nicht im Symposion. Dort gab es Vorträge zur Geschichte der Fa. Kemper (Thomas Lipski), zur Orgelgeschichte und Kirchenmusikpraxis an St. Marien unter Einbezug der Raumnutzung vor und nach der Zerstörung (Johannes Unger, Volker Scherliess) sowie zum Wiederaufbau mit den Planungen, die schließlich zur Kemper-Hauptorgel führten (Petersen), wobei auch die verschiedenen Prospektvarianten (Boniver) vorgestellt wurden (der verwirklichte Prospekt ist nicht schön, aber von allen Varianten war er noch der beste). Hans-Martin Petersen stellte das alles sachlich-ausgewogen dar, mit pro und contra - den Eindruck, dass da jemand "cum ira et studio" Tatsachen verbiegt, um die Weichen um jeden Preis in Richtung Neubau zu stellen, hatte ich nicht. Dass ein Gutachten mit einer Empfehlung endet, liegt in der Natur der Sache, dafür beauftragt man ja einen Gutachter. Das alles als "fachfremd" zu bezeichnen, wenn man selbst nicht dabei war, ist schon ein wenig problematisch; ich würde mir ein solches Urteil nicht anmaßen.

Was die Spanplattenladen angeht: hierzu muss man sich nicht allgemein über die Verwendung von MDFs austauschen oder sich an (ohnehin aussichtslosen) abstrakten Definitionsversuchen des Restaurierungsbegriffs - den ich hier bewusst in Anführungsstriche gesetzt hatte - abarbeiten. Bei einer technischen Sanierung - die unabhängig von der Funktionsfähigkeit nach so vielen Jahren ohnehin angestanden hätte (der Zustand der Prospektpfeifen war 2014 ästhetisch wie statisch katastrophal) - werden die Laden üblicherweise herausgenommen, zerlegt, gereinigt, gerichtet, neu verleimt; es werden Verschleißteile aus Leder bzw. Filz ausgetauscht, dito elektrische Teile kontrolliert bzw. repariert/erneuert. Elektrische Teile aus den 1960ern haben üblicherweise heute die Grenze ihrer Lebensdauer erreicht bzw. überschritten. Wie soll das bei Spanplattenladen gehen, die man vielleicht auseinander-, aber kaum wieder zusammenbekommt und die sich auch nicht präzise bearbeiten lassen? Und selbst wenn: was würde das für einen Sinn haben, wenn es genauso teuer wie der Neubau der Lade aus akzeptablem Material käme, oder womöglich sogar noch teurer?

Was hätten Sie gegen die akustisch ungünstige (weil viel zu hohe) Plazierung getan? Was gegen die unschönen - weil mit zu schmalen Kehlen versehenen - Zungen, die einfach nicht klingen können (und auch nie geklungen haben), ein Kemper-Spezifikum, um Material zu sparen?

Und schließlich: warum gibt es die Firmen Klais, Rieger, Flentrop, Metzler, Kuhn, Schuke (2x), Marcussen, Beckerath, Seifert alle noch, einschließlich ihrer Orgeln aus derselben Zeit wie die Kemperin - aber Kemper seit dem Konkurs 1978 nicht mehr, so wie in den vergangenen Jahrzehnten eine Kemper-Orgel nach der nächsten durch Neubauten ersetzt worden ist? Die Kemper-Orgel in St. Jacobi in Hamburg wurde in den 2000er Jahren überarbeitet - aber ohne technischen Neubau. Ergebnis: die Orgel ist heute abgängig - wohl kaum eine nachhaltige Investition.

Das alles sind Punkte, die man nicht ausblenden kann. Liest man Ihre Statements, hat man aber den Eindruck, dass das alles für Sie keine Rolle spielt.

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Max Reger @, Wallfahrtsstadt Kevelaer, Dienstag, 25. März 2025, 23:55 (vor 532 Tagen) @ Wolfgang Gourgé
bearbeitet von Max Reger, Mittwoch, 26. März 2025, 00:11

> Wieso sind die Aussagen von Hans-Martin Petersen für Sie "fachfremd"?

Meinem Gutachten sind alle Antworten (besser gesagt: ein Teil davon, denn es dürfte sich vermutlich nur um einen größeren Teil der haltlosen Aussagen handeln, die ich aufgegriffen habe)zu entnehmen. Deshalb möchte ich das hier nicht noch einmal alles wiederkäuen.

Sie waren doch nicht im Symposion.

Wie kommen Sie denn zu dieser Aussage? Sie entspricht nicht den Tatsachen.
Für mich war es nicht ohne Reiz, mit KiMu-Studenten vor der Tür des Veranstaltungsraumes zu diskutieren, die sehr offen waren für "andere" Ansichten als den "Mainstream", der die Diskussion im Saal dominierte. Weder von Gerald Woehl, schon gar nicht von Christian Wegscheider und auch nicht von Klais hätte man im Ansatz erwarten können, dass sie sich mit einem solchen Instrument befassen. Die "Stoßrichtung" auf dem Symposium war vollkommen ersichtlich und durch das ""Gutachten"" Herrn Petersens bereits so gut wie vorgegeben.
Sie sehen das offenbar anders, Herr Gourgé.....
In diesem Symposium sah ich keine Chance, ernsthaft dagegenzuhalten und habe einfach die Eindrücke in all ihrer Vielfältigkeit auf mich wirken lassen. Auch die Stellungnahme der (in meinen Augen unqualifizierten) Frau Dr. Hunecke, die dort quasi "grünes Licht" gab für einen Abriss.
Ich finde es wirklich bemerkenswert, dass eine Denkmalpflege in Hannover (Marktkirche) bei einer ganz gut vergleichbaren Ausgangslage (siehe AO 1-2025) eine diametral entgegengesetzte Linie eingeschlagen hat. Nach meiner Auffassung: um Längen qualifizierter in der Betrachtung und Analysefähigkeit als bei der Denkmalpflege in Lübeck.

Hans-Martin Petersen stellte das alles sachlich-ausgewogen dar, mit pro und contra - den Eindruck, dass da jemand "cum ira et studio" Tatsachen verbiegt, um die Weichen um jeden Preis in Richtung Neubau zu stellen, hatte ich nicht.
Das Ziel, dieses Werk zu beseitigen, hat der ""Orgelsachverständige"" Petersen schon viele Jahre zuvor Prof.Ernst Erich Stender sehr nahegelegt, wie mir dieser berichtet hat.
"Sachlich ausgewogen" - ganz sicher nicht, wie ich immer wieder versuche auszuführen und zu belegen. Nonsens bleibt Nonsens - jeder Kollege wird mit dem Kopf schütteln, wenn er dieses Eloborat Herrn Petersens liest.


Das alles als "fachfremd" zu bezeichnen, wenn man selbst nicht dabei war, ist schon ein wenig problematisch; ich würde mir ein solches Urteil nicht anmaßen.

Wenn Aussagen von Herrn Petersen gemacht werden, wo jeder Fachmann (!!) nur den Kopf schütteln kann, dann darf man eine solche Aussage erhobenen Hauptes treffen. Mit vielen seiner Aussagen hat Herr Petersen sein Vermögen oder auch Unvermögen sehr deutlich erkennen lassen - wie gesagt: lesen Sie meinen Text dazu, bitte.
Wie HMP versucht zu suggerieren, daß Substanz und Spiel dieses Werkes quasi pathogenes Potential bergen, ist einfach nur absurd.

Bei einer technischen Sanierung - die unabhängig von der Funktionsfähigkeit nach so vielen Jahren ohnehin angestanden hätte (der Zustand der Prospektpfeifen war 2014 ästhetisch wie statisch katastrophal) - werden die Laden üblicherweise herausgenommen

Herr Gourgé, woher beziehen Sie eigentlich die Grundlagen für solche Aussagen?
Wie lange arbeiten Sie schon im Orgelbau, dass Sie solche ""Feststellungen"" hier verbreiten?

Wenn Windladen im Prinzip in Ordnung sind, wird man sie an Ort und Stelle lassen. Für Arbeiten an den Ventilen, an der Elektrik oder den Schleifenzuapparaten ist ein aufwendiger Ausbau der Laden regelmäßig nicht erforderlich.
Ich kann über Ihre Aussagen, die einfach nicht der Realität entsprechen, nur den Kopf schütteln. Wieviele Orgeln aus der Nachkriegszeit konnte ich (mit Kollegen) renovieren. Ich erinnere mich nicht an eine einzige, wo die Windladen ausgebaut worden sind. Um so etwas für erforderlich zu halten, muß eine WL schon ganz erhebliche bspw. statische Probleme haben und voller Durchstecher sein.
Ich warte immer noch auf (Ihre) Belege für die Aussage von Ihnen, dass man die Laden hätte "restaurieren" müssen und darüber, dass die Spanplatten irgendwie ein Sanierungsfall gewesen sind - bislang liegen mir dazu keinerlei Anhaltspunkte vor.
Vielleicht können Sie (bspw. mit Fotos) darlegen, worin die angeblichen Defizite bestanden oder ist auch das nur eine unbewiesene Behauptung?

Was hätten Sie gegen die akustisch ungünstige (weil viel zu hohe) Plazierung getan?

Nichts - weil ich das Instrument dort, wo es geplant und montiert ist - als akzeptabel ansehe. Defizite hin und her: für eine Beseitigung bedarf es schon mehr an Legitimation als solche Kritikpunkte.
Weshalb es die Werkstatt Kemper nicht mehr gibt, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber wenn Sie schon solche vordergrünidgen Fragen stellen: wesahlb gibt es wirklich qualitätvolle Orgelabuer wie Führer, Breil, Albiez.....nicht mehr? Sie insinuieren in eine bestimmte Richtung. Und vielleicht treffen Sie sogar ins schwarze - ohne daß eine stringente Schlussfolgerung zur Orgel in St. Marien damit bestünde.
Gegenfrage: weshalb wurden und werden große Kemper-Orgeln renoviert und erhalten?

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: ich bin weiß Gott kein Verfechter von Spanplatte, Aludraht und manchem Material mehr, das aktuell kaum noch verarbeitet wird.
Ich vertrete aber eine sehr differenzierte Sichtweise auf Instrumente im Bestand und aus dem Verständnis für den Zeitgeist.
Und ich bestehe auf eine fachlich fundierte Auseinandersetzung ohne Scheuklappen und mit Blick auf Verhältnismäßigkeiten.

Ich bin sehr gespannt auf Ihre Antworten zu meinen Fragen.
Freundliche Grüße sendet aus Kevelaer
Eckehard Lüdke

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

link1907 @, Mittwoch, 26. März 2025, 11:51 (vor 532 Tagen) @ Max Reger

Vielleicht sollte man da einen neuen Thread aufmachen, falls die Diskussion noch weitergeht.
Hat ja mit "Romantisch-Symphonisch, Woehl" nichts mehr zu tun.
Wie wärs mit "Vorhandene Orgel sanieren, restaurieren - oder Neubau?"
Ich hätte da für mich 2 lohnenswerte Objekte:
Zeilhuberin, Frauenkirche München
Walckerin, Stiftskirche Stuttgart
Beide hätte ich für erhaltenswert gehalten, mit entsprechenden Modifikationen.

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Orlos @, Mittwoch, 26. März 2025, 14:39 (vor 532 Tagen) @ link1907

Zeilhuberin, Frauenkirche München
Walckerin, Stiftskirche Stuttgart
Beide hätte ich für erhaltenswert gehalten, mit entsprechenden Modifikationen.

Große Orgeln in bedeutenden Kirchen haben es schwer, ohne Veränderung alt zu werden. Geld ist meistens genug da, ambitionierte Kirchenmusiker ebenso, die "moderne" Instrumente erwarten. Manche Großorgeln werden offiziell nicht ersetzt, aber schleichend nach und nach verändert (z. B. Ulmer Münster, Frankfurter Dom). Ich bin gespannt, ob wir in dreißig Jahren etwa die Würzburger Domorgel (da gab es auch schon kleinere Änderungen) noch im heutigem Zustand erleben können.
Erst wenn sie wirklich Denkmalwert haben, sollte ihr Überleben einigermaßen gesichert sein.

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Wolfgang Gourgé @, Mittwoch, 26. März 2025, 20:07 (vor 531 Tagen) @ Max Reger
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Mittwoch, 26. März 2025, 23:15

Sie sehen das offenbar anders, Herr Gourgé.....

...ja, auch aufgrund meiner Erfahrungen mit dem ein- oder anderen Konstrukt aus Lübeck.

In diesem Symposium sah ich keine Chance, ernsthaft dagegenzuhalten und habe einfach die Eindrücke in all ihrer Vielfältigkeit auf mich wirken lassen. Auch die Stellungnahme der (in meinen Augen unqualifizierten) Frau Dr. Hunecke, die dort quasi "grünes Licht" gab für einen Abriss.
Ich finde es wirklich bemerkenswert, dass eine Denkmalpflege in Hannover (Marktkirche) bei einer ganz gut vergleichbaren Ausgangslage (siehe AO 1-2025) eine diametral entgegengesetzte Linie eingeschlagen hat. Nach meiner Auffassung: um Längen qualifizierter in der Betrachtung und Analysefähigkeit als bei der Denkmalpflege in Lübeck.

...diametral entgegengesetzt vielleicht, aber dort hat Goll in das originale Gehäuse eine komplett neue Orgel eingebaut. U.a. hatte Hans-Ulrich Erbslöh der vorherigen Orgel desaströse Platzverhältnisse bescheinigt und dringend zu einem Neubau geraten. Ich konnte seine Stellungnahme lesen.

Hans-Martin Petersen stellte das alles sachlich-ausgewogen dar, mit pro und contra - den Eindruck, dass da jemand "cum ira et studio" Tatsachen verbiegt, um die Weichen um jeden Preis in Richtung Neubau zu stellen, hatte ich nicht.
Das Ziel, dieses Werk zu beseitigen, hat der ""Orgelsachverständige"" Petersen schon viele Jahre zuvor Prof.Ernst Erich Stender sehr nahegelegt, wie mir dieser berichtet hat.
"Sachlich ausgewogen" - ganz sicher nicht, wie ich immer wieder versuche auszuführen und zu belegen. Nonsens bleibt Nonsens - jeder Kollege wird mit dem Kopf schütteln, wenn er dieses Eloborat Herrn Petersens liest.


Das alles als "fachfremd" zu bezeichnen, wenn man selbst nicht dabei war, ist schon ein wenig problematisch; ich würde mir ein solches Urteil nicht anmaßen.

Wenn Aussagen von Herrn Petersen gemacht werden, wo jeder Fachmann (!!) nur den Kopf schütteln kann, dann darf man eine solche Aussage erhobenen Hauptes treffen. Mit vielen seiner Aussagen hat Herr Petersen sein Vermögen oder auch Unvermögen sehr deutlich erkennen lassen - wie gesagt: lesen Sie meinen Text dazu, bitte.
Wie HMP versucht zu suggerieren, daß Substanz und Spiel dieses Werkes quasi pathogenes Potential bergen, ist einfach nur absurd.

...saßen Sie mal am Spieltisch? Die schwergängigste Traktur, die ich jemals unter den Fingern hatte. Hat bei Kemper übrigens "Tradition" - selbst kleinere Orgeln sind grotesk zäh zu spielen.

Bei einer technischen Sanierung - die unabhängig von der Funktionsfähigkeit nach so vielen Jahren ohnehin angestanden hätte (der Zustand der Prospektpfeifen war 2014 ästhetisch wie statisch katastrophal) - werden die Laden üblicherweise herausgenommen

Herr Gourgé, woher beziehen Sie eigentlich die Grundlagen für solche Aussagen?
Wie lange arbeiten Sie schon im Orgelbau, dass Sie solche ""Feststellungen"" hier verbreiten?

Wenn Windladen im Prinzip in Ordnung sind, wird man sie an Ort und Stelle lassen. Für Arbeiten an den Ventilen, an der Elektrik oder den Schleifenzuapparaten ist ein aufwendiger Ausbau der Laden regelmäßig nicht erforderlich.
Ich kann über Ihre Aussagen, die einfach nicht der Realität entsprechen, nur den Kopf schütteln. Wieviele Orgeln aus der Nachkriegszeit konnte ich (mit Kollegen) renovieren. Ich erinnere mich nicht an eine einzige, wo die Windladen ausgebaut worden sind. Um so etwas für erforderlich zu halten, muß eine WL schon ganz erhebliche bspw. statische Probleme haben und voller Durchstecher sein.
Ich warte immer noch auf (Ihre) Belege für die Aussage von Ihnen, dass man die Laden hätte "restaurieren" müssen und darüber, dass die Spanplatten irgendwie ein Sanierungsfall gewesen sind - bislang liegen mir dazu keinerlei Anhaltspunkte vor.
Vielleicht können Sie (bspw. mit Fotos) darlegen, worin die angeblichen Defizite bestanden oder ist auch das nur eine unbewiesene Behauptung?

....im Rückpositiv der Lübecker Orgel ist die Windlade sehr hoch angeordnet, weil unter dieser der Balg des RP ist. Weder an die Pfeifen noch an den Balg kam man vernünftig heran (so schilderte es mir jemand, der es sah - Organist, Professor an der Lübecker MHS). Wie wollen Sie so etwas warten bzw. überprüfen, ohne die Lade auszubauen? Alles so lassen, weil es ja möglicherweise noch irgendwie funktioniert?

Bei einer normalen Reinigung/Wartung mag stimmen, was Sie sagen. Aber nicht bei einer Überarbeitung nach so langer Zeit - zumal bei der Verwendung so problematischen Materials wie bei Kemper. Sehen Sie sich den Bildband zur Hamburger Jacobi-Orgel an - dort lässt sich besichtigen, wie und mit womit Kemper gearbeitet hat.

Was hätten Sie gegen die akustisch ungünstige (weil viel zu hohe) Plazierung getan?

Nichts - weil ich das Instrument dort, wo es geplant und montiert ist - als akzeptabel ansehe. Defizite hin und her: für eine Beseitigung bedarf es schon mehr an Legitimation als solche Kritikpunkte.

Weshalb es die Werkstatt Kemper nicht mehr gibt, entzieht sich meiner Kenntnis.

...meiner nicht: weil die Instrumente nichts taugten (und die Restaurierungen ebensowenig). In Landkreis Stade gibt es noch eine Kemper: die in Neukloster bei Buxtehude (Lamstedt, wo Kemper eine Röver hinrichtete, dürfte nicht mehr LK Stade sein). Die schlechteste Orgel, die ich kenne; selbst die wirklich nicht beeindruckende Ott von 1959 in der Stader Johanniskirche ist ungleich besser. Die Kemper in Estebrügge ist, wie ich schon schrieb, stillgelegt.

[image]
(Neukloster)

Aber wenn Sie schon solche vordergrünidgen Fragen stellen: weshalb gibt es wirklich qualitätvolle Orgelabuer wie Führer, Breil, Albiez.....nicht mehr? Sie insinuieren in eine bestimmte Richtung. Und vielleicht treffen Sie sogar ins schwarze - ohne daß eine stringente Schlussfolgerung zur Orgel in St. Marien damit bestünde.
Gegenfrage: weshalb wurden und werden große Kemper-Orgeln renoviert und erhalten?

....es gibt viele Gründe, warum eine Firma erlöschen kann: Ruhestand/Tod des Inhabers (Albiez), Aufgabe (Breil), vielleicht betriebswirtschaftlich unkluges Verhalten, nicht zuletzt: die sich immer weiter zuspitzende Krise der Kirchen. Schlechte Orgeln sind nur einer davon. Kemper ging 1978 unter - das war ziemlich genau die Zeit, in der sich die fragwürdige Qualität vieler Nachkriegsorgeln zu manifestieren begann.

Mir sind mit einer Ausnahme keine großen Kemper-Orgeln bekannt, die in Deutschland "renoviert und erhalten" wurden: Koblenz, Rhein-Mosel-Halle, elektrisch mit Pitman-Laden. Ansonsten werden Kemper-Orgeln zumeist wohl schlicht deshalb weitergenutzt, weil kein Geld für Neubauten mehr vorhanden bzw. "einwerbbar" ist.

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: ich bin weiß Gott kein Verfechter von Spanplatte, Aludraht und manchem Material mehr, das aktuell kaum noch verarbeitet wird.
Ich vertrete aber eine sehr differenzierte Sichtweise auf Instrumente im Bestand und aus dem Verständnis für den Zeitgeist.
Und ich bestehe auf eine fachlich fundierte Auseinandersetzung ohne Scheuklappen und mit Blick auf Verhältnismäßigkeiten.

...ich auch. Ich glaube nicht, dass ich solche Klappen trage. Und wenn Hans-Martin Petersen so voreingenommen war, wieso hat er dann nicht auch für einen Neubau im Lübecker Dom plädiert? Die dortige Marcussen-Orgel, aus derselben Zeit wie die Kemper in St. Marien, ist vor einigen Jahren unter seiner Zuständigkeit überholt und mit einer neuen Setzeranlage ausgestattet worden. Ich denke mal, es hat mit der Qualität des Instruments zu tun, warum sie seit ihrem Bau als Landmarke gilt (was auch an der hochwertigen Nachkriegsgestaltung des Lübecker Doms durch Friedhelm Grundmann liegt, deren integraler Teil sie ist), ebenso wie die Marcussen-Orgeln in Rotterdam oder im Linzer neuen Dom, beide von ähnlicher Größenordnung wie die Kemper, aber qualitätsmäßig auf einer anderen Galaxie. Eine Kemper gleicher Größe wie die Marcussen im Lübecker Dom wäre längst durch einen Neubau ersetzt worden. Die Existenzsicherung der Marien-Kemper war über Jahrzehnte schlicht deren monumentale Größe, deren Ersatz durch einen Neubau architektonisch, konzeptionell, technisch und finanziell ganz andere Anforderungen stellt als im Dom. Sicher mag auch die Genügsamkeit von Ernst-Erich Stender - ich meine das nicht abwertend - eine Rolle gespielt haben, der die Orgel nahm, wie sie war; allerdings war sie zu seinem Dienstbeginn auch noch neu.

Ich bin sehr gespannt auf Ihre Antworten zu meinen Fragen.
Freundliche Grüße sendet aus Kevelaer
Eckehard Lüdke

...danke gleichfalls, aber alles weitere dann vielleicht eher in dem neuen Thread, der zu diesem Thema besser passt.

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

HARP64, Mittwoch, 26. März 2025, 23:52 (vor 531 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Mir sind mit einer Ausnahme keine großen Kemper-Orgeln bekannt, die in Deutschland "renoviert und erhalten" wurden: Koblenz, Rhein-Mosel-Halle, elektrisch mit Pitman-Laden. Ansonsten werden Kemper-Orgeln zumeist wohl schlicht deshalb weitergenutzt, weil kein Geld für Neubauten mehr vorhanden bzw. "einwerbbar" ist.

Ich habe evtl. eine weitere Ausnahme gefunden: Berlin

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Evacuant, Donnerstag, 27. März 2025, 07:45 (vor 531 Tagen) @ HARP64

Ich habe evtl. eine weitere Ausnahme gefunden: Berlin


So müsste der Link funktionieren:
https://organindex.de/index.php?title=Berlin/Wilmersdorf,_Kirche_am_Hohenzollernplatz

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Poupoulcorouse @, Elberfeld, Donnerstag, 27. März 2025, 09:36 (vor 531 Tagen) @ Evacuant

Was ist eigentlich mit den Kemperinnen im Siegerland?

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Max Reger @, Wallfahrtsstadt Kevelaer, Mittwoch, 26. März 2025, 23:57 (vor 531 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Na, gut,

ich habe irgendwie auch nicht erwartet, Belege für die Behauptung mit den sanierungsbedürftigen Spanplatten-Windladen zu bekommen, was den Werkstoff angeht (Fotos beispielsweise).
Insofern mache ich mir folgerichtig meinen Reim auf die Belastbarkeit solcher Behauptungen.

Dass Orgeln (u.a.) aus dieser Epoche (vergleichsweise) schwer spielbar sind, ist relativ normal, weil diesem Aspekt in früheren Zeiten auch kaum eine Wertigkeit zugeordnet gewesen ist.
Die zahllosen Konzerte E.E. Stenders und mancher anderer belegen den Grad an Substanz von Aussagen, wie sie u.a. Hans-Martin Petersen angestellt hat. Auf neudeutsch würde man von "Fake" sprechen.
Die Schwergängigkeit der Trakturen in Lübeck will ich überhaupt nicht in Abrede stellen. Indessen sind sie von Hause aus erst einmal "normal" gewesen und bei einem Werk dieser Dimension erst recht.

Ich habe selbst kleine Werke u.a.aus der Werkstatt Walcker oder Peter in Arbeit gehabt: da ist die absolute Schwergängigkeit als vollkommen normal akzeptiert worden bislang - nur nicht von mir.

Dass (auch) solche Instrumente ein hohes Potential an Verbesserung bieten, erlebe ich permanent und mit meiner Woehl-Erfahrung im Hintergrund lege ich da großen Wert drauf.
Der Vorher-Nachher-Effekt ist enorm.
In Lübeck hätte man da sicherlich auch einen großen Spielraum gehabt - immer vorausgesetzt, der Wille hätte vorgelegn und nicht ein Wust an Vorurteilen und "Fake" á la Petersen.
Und genau daran stirbt dieses Werk jetzt.

Detailfragen wie jene mit der RP-Situation stellen sich regelmäßig bei älteren wie auch jüngeren Werken. Auch diese Feststellung wirkt auf mich einfach praxisfremd, denn als Orgelbauer muss man bei nahezu jedem Werk (u.a.bereits beim Neubau) "Kröten schlucken", sprich: sich mit mehr oder minder problematischen Bereichen und Tücken im Werk arrangieren.
Auf die Idee, deshalb die Existenz des Werkes in Frage zu stellen, wird man deshalb sicherlich nicht kommen.

Viele Fragen, die ich gestellt habe, bleiben unbeantwortet und das spricht dann auch.

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Donnerstag, 27. März 2025, 13:27 (vor 531 Tagen) @ Max Reger

Dass Orgeln (u.a.) aus dieser Epoche (vergleichsweise) schwer spielbar sind, ist relativ normal, weil diesem Aspekt in früheren Zeiten auch kaum eine Wertigkeit zugeordnet gewesen ist.
Die zahllosen Konzerte E.E. Stenders und mancher anderer belegen den Grad an Substanz von Aussagen, wie sie u.a. Hans-Martin Petersen angestellt hat. Auf neudeutsch würde man von "Fake" sprechen.
Die Schwergängigkeit der Trakturen in Lübeck will ich überhaupt nicht in Abrede stellen. Indessen sind sie von Hause aus erst einmal "normal" gewesen und bei einem Werk dieser Dimension erst recht.

Also einfach hinnehmen, weil es (bei Kemper) nicht besser ging? Ein guter Vergleich ist nahezu zeitgleich errichtete Marcussen-Orgel in Linz. Da gibt es wahlweise Barker für die KOPPELN. Der Normalbetrieb ist angenehm.

Wir haben hier schon viel über EES gesprochen, und es ist mir auch unangenehm, damit wieder anzufangen. Stender schuf eine Menge, mit Betonung auf Menge. Wir haben das Masse/Klasse-Thema gerade im anderen Thread (wo auch dies hier alles eigentlich hingehören würde, aber gut, es ist die Fortschreibung des Lübeck-Abzweigs...), und keinesfalls will ich sagen, bei Stender gab oder gibt es - die CDs sind weiter in Marien erhältlich - nur Masse. Vielleicht hätte ja auch er noch faszinierender und freier gespielt, wenn er noch bessere Instrumente (sowohl Führer als auch Kemper) zur Verfügung gehabt hätte. Mit besser meine ich nicht, dass gediegen und fehlerfrei gespielt wird, das ist ja alles da.

Ist ein Walcker-Serienpositiv der Wiener Musikhochschule schon deshalb geadelt, weil Wolfgang Zerer, Bine Bryndorf, Jürgen Essl, Pier Damiano Peretti - um jetzt nur einige der dort ausgebildeten heutigen Professoren zu nennen - jeweils 100 Stunden darauf geübt haben? Da landen wir doch bei den Souvenir-Jägern, die auf Auktionen hohe Gebote für den Klodeckel einer prominenten Persönlichkeit abgeben, sorry.

Ich kann mir gut vorstellen, dass die aktuellen Lübecker Argumentationen tendenziös wirken oder es vielleicht auch sind. Ob die Spanplatten wirklich ein Problem sind oder oder oder... da bin ich zu wenig drin. Was ich aber sagen kann: Während des Einregistrierens und Übens für mein Konzert an der Kemper freute ich micht wieder auf "zu Hause", die Rostocker Mühle - und ich bin wahrlich nicht verwöhnt, woher denn? An der Traktur lag's nicht, das war vielleicht der einzige Aufstieg von Rostock aus, da mechanisch. Aber vor allem die Zungen - ich habe in Rostock Regal und Sordun, aber auch Posaunen und Trompeten. In Lübeck habe ich gefühlt Regal und viele Dulciane.
Hab mir noch mal Stenders Video von Reger BACH reingenommen, um nicht wieder daneben zu liegen. Der Mann muss ganz schön schuften am Ende, und auch wenn meine Zungen-Bemerkung zugespitzt ist, irgendwie stimmt's doch. Und tatsächlich frage ich mich, würde er freier spielen, wenn das nicht so eine Arbeit wäre.
Denn aus bekannten (?) Gründen sah man es einstens als Heldentat an, mehr als 70 Register mechanisch spielbar zu machen (zum Glück hatte man verworfen, eine mechanische Registertraktur zu bauen). Aber heute wissen wir, dass dies die Verselbständigung einer Idee ist, die nicht nur die Vor- und Nachteile einer Technologie abwägt, sondern auch auf eine Kappung der Wurzeln, zumindest der Verbindungsstränge setzte, weil man eine unheilvolle Epoche hinter sich zurücklassen wollte.

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen

Orlos @, Donnerstag, 27. März 2025, 15:11 (vor 531 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Wahrscheinlich konnte man es technisch damals einfach nicht besser. Ich spielte vor kurzem die Goll-Orgel in Memmingen, vier Manuale, alles rein mechanisch. Überhaupt kein Problem! Auch die Woehl-Orgeln mit mechanischen Oktavkoppeln sind gut spielbar. Wie hat es eigentlich Beckerath in Hildesheim gelöst, das ist ja auch eine Großorgel aus der Zeit?

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen

Friedrich @, Donnerstag, 27. März 2025, 16:44 (vor 531 Tagen) @ Orlos
bearbeitet von Friedrich, Donnerstag, 27. März 2025, 16:51

Wahrscheinlich konnte man es technisch damals einfach nicht besser. Ich spielte vor kurzem die Goll-Orgel in Memmingen, vier Manuale, alles rein mechanisch. Überhaupt kein Problem! Auch die Woehl-Orgeln mit mechanischen Oktavkoppeln sind gut spielbar. Wie hat es eigentlich Beckerath in Hildesheim gelöst, das ist ja auch eine Großorgel aus der Zeit?

Korrektur -- lösche hiermit meiner erste Antwort. Drei Websites (Orgeldatenbank, Wikipedia, Orgbase) mit drei verschiedenen Angaben zur Koppelbesetzung.

Ich meine mich zu erinnern, dass die ursprüngliche Koppelbesetzung karg war und seitdem Koppel dazugebaut wurden. Ob es überhaupt Pedalkoppeln gab, weiß ich nicht; zum HW ziemlich sicher nicht.

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen

Karsten @, Donnerstag, 27. März 2025, 17:29 (vor 531 Tagen) @ Friedrich

Wahrscheinlich konnte man es technisch damals einfach nicht besser. Ich spielte vor kurzem die Goll-Orgel in Memmingen, vier Manuale, alles rein mechanisch. Überhaupt kein Problem! Auch die Woehl-Orgeln mit mechanischen Oktavkoppeln sind gut spielbar. Wie hat es eigentlich Beckerath in Hildesheim gelöst, das ist ja auch eine Großorgel aus der Zeit?


Korrektur -- lösche hiermit meiner erste Antwort. Drei Websites (Orgeldatenbank, Wikipedia, Orgbase) mit drei verschiedenen Angaben zur Koppelbesetzung.

Ich meine mich zu erinnern, dass die ursprüngliche Koppelbesetzung karg war und seitdem Koppel dazugebaut wurden. Ob es überhaupt Pedalkoppeln gab, weiß ich nicht; zum HW ziemlich sicher nicht.

Hallo!

Die Festschriften von 1965 (Einweihung) und die Broschüre von 1991 geben an:

Koppeln
Oberwerk/Hauptwerk
Rückpositiv/Hauptwerk
Brustwerk/Hauptwerk
Oberwerk/Pedal
Rückpositiv/Pedal
(alle doppelwirkend als Zug und Tritt)

In der Broschüre 1991 werden auch die Winddrücke angebenen:
RP und BW: 70 mm WS
HW und OW: 80 mm WS
Ped: 90 mm WS

Gruß
Karsten

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen

Orlos @, Donnerstag, 27. März 2025, 18:34 (vor 531 Tagen) @ Karsten

Wenn man in Hildesheim alle Manualwerke an das Hauptwerk koppeln kann und alle Koppeln rein mechanisch angelegt sind: Kann jemand berichten, wie schwergängig das Ganze wird?
Wobei man einschränkend sagen muss, dass die Hildesheimer Orgel wohl nicht so gedacht ist, dass man weit entfernte Werke zusammenkoppelt, die Werke sind eher eigenständig konzipiert, es ist ja kein "symphonisches" Konzept, um diesen Begriff einmal aufzunehmen. Bei Goll und Woehl dagegen ist das Zusammenkoppeln der Werke möglich, sinnvoll und üblich. Die Marcussen-Orgel in Linz hat durchaus auch klangliches Potential, welches über (Neo-)Barock weit hinausgeht, die Barker-Koppeln sind also absolut hilfreich.
(Ich erinnere mich an ein Video aus Hamburg, St. Katharinen, in dem eine Organistin bei der Bach-Passacaglia Oberwerk und Rückpositiv an das Hauptwerk koppelte – das ist klanglich weder erforderlich noch sinnvoll, spieltechnisch aber durchaus machbar.)

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen

Friedrich @, Donnerstag, 27. März 2025, 18:34 (vor 531 Tagen) @ Karsten

Die Festschriften von 1965 (Einweihung) und die Broschüre von 1991 geben an:

Koppeln
Oberwerk/Hauptwerk
Rückpositiv/Hauptwerk
Brustwerk/Hauptwerk
Oberwerk/Pedal
Rückpositiv/Pedal
(alle doppelwirkend als Zug und Tritt)

In der Broschüre 1991 werden auch die Winddrücke angebenen:
RP und BW: 70 mm WS
HW und OW: 80 mm WS
Ped: 90 mm WS

Danke!
Also ist die Orgel kryptokatholisch: Prinzipale 8 in I und III, Koppeln III/II und I/II, fertig ist die Elevationstoccata.

Was sollte man in Hi'heim auch anderes erwarten. Vorposten des norddeutschen Katholizismus.

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen

Wolfgang Gourgé @, Samstag, 29. März 2025, 13:16 (vor 529 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf


Ist ein Walcker-Serienpositiv der Wiener Musikhochschule schon deshalb geadelt, weil Wolfgang Zerer, Bine Bryndorf, Jürgen Essl, Pier Damiano Peretti - um jetzt nur einige der dort ausgebildeten heutigen Professoren zu nennen - jeweils 100 Stunden darauf geübt haben? Da landen wir doch bei den Souvenir-Jägern, die auf Auktionen hohe Gebote für den Klodeckel einer prominenten Persönlichkeit abgeben, sorry.


....in letzter Konsequenz: dann wäre auch die Kauffmann-Orgel des Wiener Stephansdoms ein Denkmal gewesen. Denn: auf/an dieser hat Peter Planyavsky jahrzehntelang liturgisch wie konzertant gewirkt....man hätte ihn mal fragen sollen, was er von dieser Überlegung hält, vor all' den Neubauten...

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

MAT @, Mittwoch, 26. März 2025, 14:19 (vor 532 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

Noch´n *like*.

--
Gruß
MAT

Aus Hamburg

Willscher, Sonntag, 23. März 2025, 20:40 (vor 534 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Da gefriert einem das Blut in den Adern. Gestern zufällig aufgeschnappt, aber hier vom keinem Eingeweihten thematisiert ( und die gibt es!):
Nach den Zusammenlegungen zu Pastoralen(T) Räumen jetzt die Fortsetzung. In einem der Räume - gilt sicher auch für die anderen - wird in den nächsten Jahren leicht reduziert. Aus 5 mach eins. 4 Gemeinen werden dichtgemacht. Eine bleibt, und zwar die, an die Schule, Kindergarten und Seniorenheim angebunden sind. Man erwartet, dass die Kirchgänger weite Wege in Kauf nehmen, mehrmals umsteigen, wenn sie den ÖPNV in Anspruch nehmen oder ein Taxi zahlen. Die Senioren, die ja die Mehrheit der GD-Besucher stellen, werden hoch erfreut sein. Es fallen entsprechend 4, wenn auch nebenamtliche Stellen, weg. Vier teils richtig gute Orgeln (Beckerath) werden wohl verscherbelt werden müssen. Selbst wenn man grosse Demos ins Leben rufen würde, würde das den skrupellosen Klerus bitter kalt lassen.
Das ist die Realität 2025. Meine kleine schnuckelig Heimatgemeinde war immerhin so schlau, vor Jahren einen Förderverein zu gründen. Ausserdem steht sie finanziell so da, dass sie noch nicht einmal Zuschüsse in Anspruch nehmen müsste. Vielleicht verkauft das Bistum dem Verein das Kirchengebäude. Wenn dann alle aus der Kirche austreten (aber natürlich dem Glauben treu bleiben), wäre das eine gute Sache. Immer dann, wenn der "Kämmerer" mitbekommt, dass man ein Benefizkonzert für den Verein spielt, tritt ihm der Schaum vor den Mund.
Ich rate jeder Kirchengemeinde, so einen Verein ins Leben zu rufen.
Hummel Hummel

Aus Hamburg

Max Reger @, Wallfahrtsstadt Kevelaer, Sonntag, 23. März 2025, 21:21 (vor 534 Tagen) @ Willscher
bearbeitet von Max Reger, Sonntag, 23. März 2025, 21:28

Selbst wenn man grosse Demos ins Leben rufen würde, würde das den skrupellosen Klerus bitter kalt lassen. Das ist die Realität 2025.

Auch, wenn ich glücklicherweise immer wieder auf Geistliche und auch auf Kirchenmusiker treffe, die zum Glück so etwas wie Wertebewußtsein verkörpern und leben, nehme ich schmerzlich wahr, wie es eben so sein kann wie oben beschrieben.
So hatte ich mich mit Dringlichkeit und Herzblut an Bischof Dieser in Aachen gewandt, auf keinen Fall die Entwidmung der Kirche in Keyenberg vorzunehmen, wo die Braunkohlebagger bereits ante portas ihr grausames Geschäft verrichteten.
Keine Chance! "Der Kirche" resp. allzu vielen sog. Geistlichen (und wohl auch den sie tragenden KV) ist es gar kein Herzensanliegen, wofür bspw. ich brenne. Eine Kirche nach der anderen wurde RWE überlassen und der Abriss des Immerather Domes hat mich tief geschmerzt.
Das Selbstverständnis allzu vieler Pfarrer (so empfinde ich es aus der Entfernung auch im Falle Lübeck, St.Marien) und weiterer Beschäftigter in der Kirche scheint in einem dem Mandat (gerade diesem Mandat!) nicht angemessenen Weise von Selbstgefälligkeit und Borniertheit geprägt zu sein. Ehrfurcht und Demut? Kennen das manche im Dienste der Kirche stehende Menschen, gewählte Vertreter im KV eigentlich noch?

Der geradezu agonistische Zustand der großen Amtskirchen ist zum erheblichen.... zum allergrößten Teil "hausgemacht".
Seit fast 65 Jahren Mitglied der Kirche, tut mir jede Schließung weh, richtig weh. Denn ich bin mir bewußt, was das für eine Dimension hat und was dort ausgelöscht wird. Für mich ist das emotional und im Bewußtsein, daß sichtbares Gemeinde- und Glaubensleben verkümmert, schmerzvoll zu ertragen.
Die jungen Orgelbaukollegen werden nur noch einen Rumpfbetrag dessen erleben, womit ich es zu tun hatte. Auch in Hamburger Kirchen.
Den stumpfgewordenen Kirchenverwaltungsorganismus, der dem Anschein nach orientierungslos und manchmal wie totkrank torkelnd erscheint, wird´s nicht jucken.

Aus Hamburg

kjz1, Montag, 24. März 2025, 11:44 (vor 534 Tagen) @ Willscher

Meine kleine schnuckelig Heimatgemeinde war immerhin so schlau, vor Jahren einen Förderverein zu gründen. Ausserdem steht sie finanziell so da, dass sie noch nicht einmal Zuschüsse in Anspruch nehmen müsste. Vielleicht verkauft das Bistum dem Verein das Kirchengebäude. Wenn dann alle aus der Kirche austreten (aber natürlich dem Glauben treu bleiben), wäre das eine gute Sache. Immer dann, wenn der "Kämmerer" mitbekommt, dass man ein Benefizkonzert für den Verein spielt, tritt ihm der Schaum vor den Mund.

Einen Förderverein gibt es hier auch. Aber der wird von 'amtlicher Seite' auch argwöhnisch beäugt. Denn dieser könnte ja in die 'Pläne von oben hineinpfuschen'. Aus dem Immobilienkonzept des Bistums:

In diesem Kapitel sollen Handlungsalternativen für die folgende Möglichkeit beschrieben werden: In einer Pfarrei gründet sich ein Förderverein (oder ähnliches) [Bsp.: “Orgelbauverein”, “Förderverein Großküche Pfarrheim”], dessen Satzungszweck die Erhaltung eines Gebäudebestandteils der Kirchengemeinde [Bsp.: Orgel, Pfarrheim-Küche] ist. Sollte dieses Gebäude gemäß des Immobilienkonzepts und der Förderrichtlinien nicht mehr zuschussfähig sein (s. vorherige Kapitel), so könnte der Förderverein durch finanzielle Zuwendungen zu Gebäudebestandteilen den Erhalt von Gebäuden [Bsp.: Kirche, Pfarrheim] und eventuell sogar deren Bezuschussung durch das Bistum erzwingen und damit das Immobilienkonzept ad absurdum führen. Fazit: Die Zweckbestimmung von Fördervereinen darf sich nicht auf Entscheidungen des Immobilienkonzeptes auswirken.

Also hat man hier schon vorgebaut, dass Fördervereine nicht in die Quere kommen...

Aus Hamburg

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 24. März 2025, 17:23 (vor 534 Tagen) @ kjz1

Einen Förderverein gibt es hier auch. Aber der wird von 'amtlicher Seite' auch argwöhnisch beäugt. Denn dieser könnte ja in die 'Pläne von oben hineinpfuschen'. Aus dem Immobilienkonzept des Bistums:

In diesem Kapitel sollen Handlungsalternativen für die folgende Möglichkeit beschrieben werden: In einer Pfarrei gründet sich ein Förderverein (oder ähnliches) [Bsp.: “Orgelbauverein”, “Förderverein Großküche Pfarrheim”], dessen Satzungszweck die Erhaltung eines Gebäudebestandteils der Kirchengemeinde [Bsp.: Orgel, Pfarrheim-Küche] ist. Sollte dieses Gebäude gemäß des Immobilienkonzepts und der Förderrichtlinien nicht mehr zuschussfähig sein (s. vorherige Kapitel), so könnte der Förderverein durch finanzielle Zuwendungen zu Gebäudebestandteilen den Erhalt von Gebäuden [Bsp.: Kirche, Pfarrheim] und eventuell sogar deren Bezuschussung durch das Bistum erzwingen und damit das Immobilienkonzept ad absurdum führen. Fazit: Die Zweckbestimmung von Fördervereinen darf sich nicht auf Entscheidungen des Immobilienkonzeptes auswirken.


Also hat man hier schon vorgebaut, dass Fördervereine nicht in die Quere kommen...

Danke für den Link. Liest man die Erklärungen eine Seite weiter, kann man diesen Absatz, den ich auch nach mehrmaligem Lesen nicht wirklich verdauen konnte, besser nachvollziehen. Das Bespiel mit einer vom Verein sanierten Orgel in einer Kirche, die auf einmal (?) als einsturzgefährdet erkannt wird und aufgrund des geleisteten Orgel-Engagements doch nicht kurzerhand aufgegeben werden kann, passt ja zu den kürzlich hier im Forum beklagten Fällen aus dem Rheinland.
Auf Seite 7 wird das Engagement von "Vereinen" (ohne "Förder-") doch noch grundsätzlich als Alternative gesehen.
Am beeindruckendsten waren für mich die mathematischen Formeln auf Seite 9/10 zur Ermittlung, welche Kirchen förderfähig sind und welche nicht. Das ist schon sehr theoretisch und wird den Ruf nach Ausnahmen provozieren (bzw. hat es wohl schon? Ist ja von 2023).

Wolfgang hat auf die in den Niederlanden übliche Kirchenstiftungen hingewiesen, die einspringen, wo die kirchliche Gemeinschaft als Eigner aufgeben musste. Allerdings sind dort auch die Kommunen stark engagiert - das sehe ich in D nicht so kommen, vielleicht am ehesten noch in Bayern. Auch sind das immer Lösungen für städtische Räume, wo es möglich wird, die Kirchenraum auch anders mit Sinn und Nutzung zu erfüllen, ohne dass gleich ein Restaurant oder ein Wohnobjekt daraus wird.

Bei dieser Gelegenheit etwas aus meiner gemeindlichen Realität:

[image]
Wikipedia, (c) Darkone

Die Rostocker Nikolaikirche - unten im Schiff eine scheinbar erhaltene, wenn auch der Inneneinrichtung beraubte dreischiffige Hallenkirche, ca.770 Sitzplätze, Heizung etc.
Im Dach: 13 Wohnungen und einige Gästezimmer, Turm mit 10 Etagen (überwiegend kirchliche Büros), eingerichtet 1976 bis 1985. Die Abwasserleitungen der Wohnungen werden langsam marode, sie laufen im Bild unter den Wohnungen von links nach rechts in den Turm, mit leichtem, eventuell doch zu leichtem Gefälle. Immer häufiger muss professionell gereinigt werden, wenn ein Rohr kracht, läuft's in das (rekonstruierte) Gewölbe. Installationsbetriebe lehnen bisher eine Überarbeitung ab, da die Arbeitsbedingungen schwierig sind. Hätte man höhere Mieten nehmen müssen, um die erwartbare Sanierung vorzufinanzieren? Eigentlich ja, aber wie hätte das wieder ausgesehen? Das Projekt wurde in der DDR gegründet - die Altstadt war wie überall im Osten unsaniert und wohnlich eine Katastrophe, für kirchliche Mitarbeiter und Ruheständler war die "Platte" quasi gesperrt, so schuf man eigenen Wohnraum. War lange gut und richtig, jewtzt wird es teuer. Auch die Nactspeicheröfen (!!) beginnen, sich aufzulösen. Zentralheizung (Fernwärme) neu einbauen im Kirchendach? Die Bauverwaltung warnt vor noch mehr Wasser im Haus. Eine PV-Anlage gibt es schon auf dem Süddach, noch ausbaufähig (Das Denkmalamt murrt zur Zeit noch). Wie hier das nötige Wunder aussehen wird, ist noch unklar. Der laufende Betrieb mit Vermietung des Kirchenraums für Veranstaltungen (aber auch Gottesdienste) trägt sich halbwegs, aber eine große Renovierung... eine von drei dreischiffigen Kirchen einer Gemeinde mit inzwischen nur mehr 3.600 Mitgliedern.... (und, natürlich, drei Fördervereinen ;-)

Aus Hamburg

Solcena ⌂ @, Montag, 24. März 2025, 20:12 (vor 533 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Unser Trierer Immobilienkonzept ist noch in der Pilotphase und noch nicht rechtsverbindlich für alle in Kraft. Ich vermute, dass auch noch einzelne Punkte verändert werden könnten.

Aus Lübeck, war: Orgel-Bewegungen, war: Woehl

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 05. Mai 2025, 23:25 (vor 491 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

"Damit dann, wenn die Orgel abgebaut ist..." So beginnt dieser NDR-Bericht und gemeint ist DIE Kemper, die auch kurz zu sehen ist. Schöne Luftbilder von der wunderschönen Altstadt Lübecks - voll mit denkmalpflegerischen Großaufgaben, dem eigentlichen Thema.

https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/schleswig-holstein_magazin/Neue-Stiftung-soll-Er...

Romantisch - Symphonisch

Orlos @, Dienstag, 18. März 2025, 23:04 (vor 539 Tagen) @ HARP64

Ich glaube nicht, dass es für diese Frage "offizielle" Antworten gibt.
In Frankreich hat mir ein Orgelbauer einmal erklärt, die frühen Cavaillé-Coll-Orgeln seien romantisch, aber erst, als er im Récit auch 16'-Register eingebaut habe, spreche man von symphonischen Orgeln.
Mit Herrn Woehl habe ich auch einmal über das Thema gesprochen. Er bestritt vehement, dass Cavaillé-Coll-Orgeln symphonisch seien, dazu seien sie viel zu laut und direkt. Seiner Meinung nach besitzt eine symphonische Orgel eine extreme Bandbreite an Lautstärken, kann also auch sehr leise klingen.
Meines Erachtens sollte eine symphonische Orgel über viele Register verfügen, die an ein großes Symphonieorchester erinnern, also solistische Flöten, Solo-Cello, orchestrale Klangfarben wie Klarinette, dunkles Horn, näselnde Oboe etc.
Die Skinner-Orgel in Ingelheim würde ich als das symphonischste Instrument in unserer Gegend (Rhein-Main) ansehen.
Dagegen bieten (deutsche) romantische Orgeln die notwendigen Register für romantische Orgelmusik, also etwa zwischen Mendelssohn und Reger.

Romantisch - Symphonisch

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Dienstag, 18. März 2025, 23:06 (vor 539 Tagen) @ HARP64

Liebe Forumae,
kann mir jemand von euch in kurz-knappen Worten erklären, worin der Unterschied zwischen sogenannten(!) Symphonischen Orgeln und Romantischen Orgeln besteht.
Bei Woehl lese ich manchmal von symphonischem Wind.
Oder ist das „symphonisch“ ein gar nur subjektiver Begriff, der sich nicht orgelbaulich festlegen lässt?
Ich würde das gerne auch Schülern erklären können.
Danke für eure Antworten

Ich tendiere zu "subjektiver Begriff" und muss gleich wieder an Wolfram Adolph (†) denken, der diesen gerne benutzt hat.

Was wären objektive Kriterien? Schweller? Gestufter Winddruck? Oktavkoppeln? Überblasregister? Eines davon? Alles? Alle Kriterien, die mir schnell einfallen, passen auch auf Instrumente, die man kaum als symphonisch bezeichnen würde. Der gestufte Winddruck wäre noch mein stärkster Tip...

Romantisch - Symphonisch

oHo, Dienstag, 18. März 2025, 23:25 (vor 539 Tagen) @ HARP64

Romantik: Zulassen von Empfindsamkeit, Ausdruck von Gefühl, Verlassen strenger Formen, Phantasie, (verzauberte Jungfrauen, Alte Burgen, Gespenster) Ideale, Sehnsucht nach Arkadien, etc.

In der Orgel-Musik wird der gefühlvolle Ausdruck durch eine Erweiterung der dynamischen Stufen und Klänge (u.a. aktuelle Farben wie der Klarinettenklang) innerhalb der 8´-Lage erreicht, die Schwellkästen erlauben feinste und leiseste Schattierungen, etc.

Am Ende des Ausbaus der Dynamik mittels fein abgestufter Register einerseits und der orchestralen Klänge andererseits steht eine Orgel, die einen Symphonieorchester gleich an Farben und Dynamik ist, bei absolut stabilem Wind auch im Tutti.

So in etwa eine sehr kurze Version

meint, fröhlich grüßend,
Oliver

Klassisch ?... Romantisch - Symphonisch

elias.orgel, Mittwoch, 19. März 2025, 07:41 (vor 539 Tagen) @ oHo

Klassisch ?... Romantisch - Symphonisch

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Donnerstag, 20. März 2025, 12:28 (vor 538 Tagen) @ elias.orgel
bearbeitet von Karl-Bernhardin Kropf, Donnerstag, 20. März 2025, 12:35

Ist denn die Klassik wirklich vollkommen an den Instrumenten und ihren Komponenten / Komponisten / innen vorbei gegangen...

Ja, und meistens zu Recht.
In Wien gab es einen schrägen Typen (also um 1990 rum), der Aufführungspraxis unterrichtete (nicht Josef Mertin, der war weniger schräg). Der fuhr mit uns (paar Orgelstudis) aufs Land und ließ uns Mozart-Klavierstücke etc. auf einer niederösterr. Barockorgel spielen und zeigte (erfolgreich), dass es sehr gut klingt. Das war seine Begründung dafür, neben den im von Dir verlinkten Artikel genannten liturgischen Bedingungen, dass es keine wirklichg gute Literatur aus jener Zeit gibt.

Bei den gehobeneren Orgelführungen bei mir weise ich auf die Zeitachse hin: Zur Erinnerung: ursprünglicehr Bau 1770, Umbau 1789-1793, jeweils mit schlechter Bauaufsicht über schlechte Orgelbauer, aber in prominenter Kirche.

Ergibt:
Vom Juli 1777 datiert Mozarts berühmter Brief mit dem Satz an Herrn Stein, dass er sich quasi dafür rechtfertigen musste, als herausragender Musiker eine Orgel spielen zu wollen. Dazu kommt, dass der bei weitem nicht erste Hammerklavierbauer Gottfried Silbermann schon 1753 verstarb, als noch nicht einmal der abrruch der Vorgängerorgel in unserer Kirche erwogen wurde. Im sächsischen Umfeld und auch andernorts wird der neue Sound gefeeiert, die Orgel wird zum Symbol des Gestrigen. Auch wenn in in Mecklenburg alles 50 Jahre später passiert, kann man festhalten:

Um 1780 herum ist Orgel für echte Musikkenner einfach peinlich. Das moderne Klavier steht im Blickpunkt.

Und auch das Improvisieren, welches vor allem im Katholischen half, Bedürfnisse an Orgelmusik in der Liturgie zu stillen, konnte inzwischen gut am Klavier unterrichtet werden. Entsprechend gibt es, wenn ich mich nicht irre, viel mehr Anleitungen aus dem Klavier-Umfeld denn aus der Orgelszene in jenen Jahrzehnten.

Nehmen wir noch die Umbauphase: Marx erhält 1789 den Auftrag zu einer Zeit, wo sich andernorts das Bürgertum auf den Straßen erhebt. Mithin wird der Abgesang der klerikal und aristokratisch dominierten Welt angestimmt. Kein Wunder, dass Investitionen in Orgelkultur im bisherigen Sinne und kulturell höher entwickelten Regionen als veraltet erachtet werden. "Im bisherigen Sinne": Mit der aufstrebenden Konzertkultur wird bald ein neuer Ansatz für die Orgelmusik gefunden (naja, blickt man zu Tunders Abendmusiken und Ähnlichem/Älterem, ist es nicht so neu, Orgelklang abseits oder nur am Rande von Liturgien zu genießen) und natürlich treibt dies den bekannten Wieder-Aufschwung des Orgelbaus in der Mitte des 19. Jahrhunderts an.

EDIT: In diese Umbruchs- und Abbruchszeit passt ja auch Voglers Simplifikations-System, das ja um 1812 erstmals greifbar wird (WÜ Neumünsterkirche).

Ein kleines Fortschritts-Fähnchen (quasi ein Wimpel) wurde in Rostock aber gehisst: Paul Schmidt integrierte schon 1770 ein "Forte-Piano-Werk" mit einer Art Schwellhaube, Marx behielt dies beim Umbau bei. Die mäßige Gesamtbewertung beider Instrumente konnte dadurch nicht wirklich gehoben werden.

Ich habe versucht, der Kompositionen meriner Vorgänger Florschütz und Sponholz aus jenen Jahren (ca. 1800-1840) habhaft zu werden. Die beiden fühlten sich vom Verlagswesen zu Unrecht geschnitten, wie div. Quellen berichten. Bescheidene Erfolge waren ihnen vergönnt, man findet sie z. B. in Anthologien. Aber ich spiele diese Sachen nur, um hörbar zu machen, was in Rostock einst komponiert wurde. Die letzte wirklich gute Musik aus Rostock stammt aber von Nicolaus Hasse († 1670). Danach blieb für lokale Kenner nur der Blick auf andere Orte oder die Pflege der eigenen Musikbibliothek, hatte Rostock doch seit dem Stadtbrand 1677 insgesamt kulturell abgewirtschaftet. Wenn man ergänzen würde "bis heute", würde ich nicht vehement widersprechen.

Klassisch ?... Romantisch - Symphonisch

Evacuant, Donnerstag, 20. März 2025, 14:18 (vor 538 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Und auch das Improvisieren, welches vor allem im Katholischen half, Bedürfnisse an Orgelmusik in der Liturgie zu stillen, konnte inzwischen gut am Klavier unterrichtet werden. Entsprechend gibt es, wenn ich mich nicht irre, viel mehr Anleitungen aus dem Klavier-Umfeld denn aus der Orgelszene in jenen Jahrzehnten.

Zum Klavier fallen mir auf die Schnelle nur Bach und Türk ein, zur Orgel wiederum Türk, Prixner und Knecht. Gab es so viel mehr Anleitungen zum Klavierspielen zwischen 1750 und 1800?

Klassisch ?... Romantisch - Symphonisch

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Donnerstag, 20. März 2025, 22:58 (vor 537 Tagen) @ Evacuant
bearbeitet von Karl-Bernhardin Kropf, Donnerstag, 20. März 2025, 23:15

Und auch das Improvisieren, welches vor allem im Katholischen half, Bedürfnisse an Orgelmusik in der Liturgie zu stillen, konnte inzwischen gut am Klavier unterrichtet werden. Entsprechend gibt es, wenn ich mich nicht irre, viel mehr Anleitungen aus dem Klavier-Umfeld denn aus der Orgelszene in jenen Jahrzehnten.


Zum Klavier fallen mir auf die Schnelle nur Bach und Türk ein, zur Orgel wiederum Türk, Prixner und Knecht. Gab es so viel mehr Anleitungen zum Klavierspielen zwischen 1750 und 1800?

Um präziser antworten zu können, müsste ich in den Doll ("Anleitung zur Improvisation") schauen können - aber der will sich gerade nicht finden lassen.

EDIT: Gefunden. Ja, wenn man genau 1750-1800 nimmt, lässt sich die Behauptung so deutlich nicht halten, weil zu oft über Generalbass oder das "Clavier" geredet wird, was keine eindeutige Abgrenzung bedeuten würde. Die Erinnerung scheint sich mehr auf die ersten Jahrzhente des 19. Jh. bezogen zu haben, wo es reine Klavier-Improvisationsschulen oder für Klavier und Orgel gedachte gab.

Romantisch - Symphonisch

stein @, Mittwoch, 19. März 2025, 09:39 (vor 539 Tagen) @ HARP64
bearbeitet von stein, Mittwoch, 19. März 2025, 09:42

Bei Cavaillé-Coll kann man fast eine Trennlinie um 1870 mit der Trocadéro Orgel ziehen.
Vorher hatten die romantischen Instrumente eine besondere Ausrichtung auf Progression im Klang. Leise im Bass lauter im Sopran. Die Mixturen wurden in dieser Zeit nicht repetierend gebaut, die Schwellwerke hatten mit vorwiegend 8 Füssen, davon 3 Zungen, einen Solocharakter. Waren häufig im Bass nicht ausgebaut, also 42 Tasten und der Schwelltritt wurde nur selten zum schließen oder ganz öffnen benutzt. Daher positionierte man ihn als Löffel weit nach rechts, dass er nicht störte.
Die Symphonische Orgel entstand multifaktoriell. Um Bach zu spielen brauchte man Transparenz, also z.B. repetitive klassische polyphone Mixturen. Die Komponisten nutzten den Schwelltritt häufiger als gedacht. Franck bekam den Löffel später die Schuhe im Trocadero.
Eine sehr vereinfachte Formel, aber da ist was dran: Symphonik = Romantik + Klassik (Barock)

Romantisch - Symphonisch

Friedrich @, Mittwoch, 19. März 2025, 10:42 (vor 539 Tagen) @ HARP64
bearbeitet von Friedrich, Mittwoch, 19. März 2025, 11:01

Liebe Forumae,
kann mir jemand von euch in kurz-knappen Worten erklären, worin der Unterschied zwischen sogenannten(!) Symphonischen Orgeln und Romantischen Orgeln besteht.
Bei Woehl lese ich manchmal von symphonischem Wind.

Wenn ich ihn richtig verstehe, meint er damit erstens ein System von Parallelbälgen, die gleichmäßigen Wind geben und die zweitens, wie Cavaillé-Coll, im Bass große Windmengen und im Diskant hohe Winddrücke bereitstellen. In Viersen hat er das zum Beispiel durchexerziert, indem er die Werkunterschiede durch Parallel- bzw. Keilbälge betont hat.

Teuer, teuer.

Oder ist das „symphonisch“ ein gar nur subjektiver Begriff, der sich nicht orgelbaulich festlegen lässt?

Manche Orgelbauer in den USA unterscheiden zwischen sinfonisch und orchestral und machen das an der Literatur fest, für die eine Orgel bestimmt sei. Sinfonisch ist demnach autonome Orgelmusik in der Folge der französischen Orgelsinfonik, orchestral Transkriptionsliteratur und davon inspirierte Konzertmusik. Entsprechend müssen die Orgeln ausgestattet sein, und da ist ja ungeheuer vieles möglich gemacht worden, schon sehr früh.

Mir persönlich kommt -- wie andere hier schon geschrieben haben -- das große, tuttifähige Schwellwerk als der entscheidende Wendepunkt vor. Wenn ich den gesamten Orgelklang dynamisch unterfüttern und damit musikalisch integrieren kann, kann ich orchesternahe Massenwirkungen erzeugen. Durchbrochene Arbeit kann auch schon die romantische Orgel mit zwei farbig besetzten Manualen und kräftigem Bass.

Romantisch - Symphonisch

Friedrich @, Mittwoch, 19. März 2025, 15:45 (vor 539 Tagen) @ Friedrich

Manche Orgelbauer in den USA unterscheiden zwischen sinfonisch und orchestral und machen das an der Literatur fest, für die eine Orgel bestimmt sei. Sinfonisch ist demnach autonome Orgelmusik in der Folge der französischen Orgelsinfonik, orchestral Transkriptionsliteratur und davon inspirierte Konzertmusik. Entsprechend müssen die Orgeln ausgestattet sein, und da ist ja ungeheuer vieles möglich gemacht worden, schon sehr früh.

Mir persönlich kommt -- wie andere hier schon geschrieben haben -- das große, tuttifähige Schwellwerk als der entscheidende Wendepunkt vor. Wenn ich den gesamten Orgelklang dynamisch unterfüttern und damit musikalisch integrieren kann, kann ich orchesternahe Massenwirkungen erzeugen. Durchbrochene Arbeit kann auch schon die romantische Orgel mit zwei farbig besetzten Manualen und kräftigem Bass.

Noch eine orgelbauliche Ergänzung: Cavaillé-Colls sinfonische Orgeln haben eine deutliche Diskantbetonung in den Labialen; die Register sollen sich selbst begleiten können, die Melodie führt durch den Formverlauf. Die hohen Diskantdrücke sollen in den Zungenregistern zum Klangausgleich beitragen. Deswegen gibt's auch keine Oberoktavkoppeln bei C-C, die würden diese Balance stören und zu schreiendem Diskant führen. Als Gegengewicht gibt's weiche, weite Labialbässe und kräftige Pedalzungen.

Bei orchestralen Orgeln ist das oft anders, die Mensurverläufe zielen mehr auf gleiche Stärke durch den ganzen Ambitus. Das macht Oberoktavkoppeln interessant und führt zum eher aus der Mitte drückenden Gesamtklang (im Gegensatz zum kopf- und basslastigen C-C-Sound, in dem z. B. Reger überraschend schlank klingt). Der durch den Ambitus eher gleichmäßige Sound kann in sich flexibler gehandhabt werden, weil er den Satz strukturell nicht so stark festlegt. Dafür sind Franck und Widor nicht seine Muttersprache, die klingen mit Akzent.

Romantisch - Symphonisch

Orlos @, Mittwoch, 19. März 2025, 16:03 (vor 539 Tagen) @ Friedrich

Richtig. Bei Vierne ist auffällig, dass sich die lauten Stellen oft in höchster Lage auf dem Manual abspielen, die durchkoppelnden 16'-Koppeln geben dann die Gravität dazu. Nichtausgebaute Oktavkoppeln sind dann sinnlos, denn man spielt ja schon am oberen Ende der Klaviatur. Bei Reger spielt sich vieles deutlich tiefer ab. Spielt man Reger auf französischen Orgeln, fehlt die Brillanz.
Demgegenüber sind die Superoktavkoppeln natürlich sehr wirkungsvoll. Ich habe in Giengen erlebt, dass das Tutti durch diese Koppel fast verdoppelt wird, ein gewaltiger Effekt.

Romantisch - Symphonisch

coranglais87, Freitag, 21. März 2025, 10:12 (vor 537 Tagen) @ Orlos

Zunächst einmal habe ich ein haarstreubendes Problem mit der Nomenklatur "französisch-symphonische Orgel".
Die Besonderheit der f"ranzösisch-symphonischen Orgel" könnte sich wie folgt definieren. Neben des Vorhandenseins besonderer Klangfarben gibt es auch einen dynamisch-progressiven Intonationsstil. In Saint Denis ist das in einem Frühwerk von ACC gut zu studieren. Hier ist es problemlos möglich auf dem selben Manual Begleitung und Solo zu spielen, da der Diskant in der empfundenen Klangstärke ansteigt, später gibt es ja sogar geilte Windversorgungen für Bass und Diskant und bei größeren Orgeln sogar für unterscheidliche Laden eines Manuals. Dabei sind die "Jeux de fond" stets etwa gleich laut, in Ihrem Charakter aber unterscheidlich, sprich sie ergänzen sich gegenseitig im Formantspektrum. In der deutsch-romantischen Orgel ist die Entwicklung eher im dynamischen Spektrum des Registerscrescendos zu suchen, dabei sind die Werke in Abgrenzung zu einander unterschiedlich laut.

Ich sehe die Instrumente allerdings gleichbedeutend, da sie beide eine grundtönige Vielfarbigkeit mit unterscheidlichen Mitteln technisch und dispositorisch umsetzen.

Schaut man sich die Orgel von St. Sulpice an, könnte man meinen, daß sie in manchen Kriterien (Keraulophon) von Walcker beeinflusst wurde, ebenso wie der französische Zungenchor seinerzeit in der Marktkirche Wiesbaden Einzug fand.

Für mich ist die franzöisch-symphonische Orgel ebenso, und darauf rekuriert meine Annahme, eine Zeitzeichen gewachsener Substanz, denn sie basiert auf dem französisch-klassischen fünfmanualigen Werkprinzip und hat sich durch Vergrößerung der Substanz verändert, wo hingegen die deutsch-romantische Orgel in der zweimanualigen Grundsubstanz auf zwei 8'-füßigen Hauptmanualen nach mitteldeutscher Tradition fußt, die eben viele unterscheidliche Stimmen besitzt.

Wenn man also die Abgrenzung sucht, dann ist diese sicherlich nicht in der Konzeption der Zeit zu suchen, sondern in der Einordnung einer lokalen Orgelbautradition, denn überblasende Flöten als genuin französisch zu bezeichnen, wäre historisch schlicht weg falsch, wenn man Weingarten oder andere Instrumente betrachtet.

Romantisch - Symphonisch

Evacuant, Samstag, 22. März 2025, 20:04 (vor 535 Tagen) @ coranglais87

Wenn man also die Abgrenzung sucht, dann ist diese sicherlich nicht in der Konzeption der Zeit zu suchen, sondern in der Einordnung einer lokalen Orgelbautradition, denn überblasende Flöten als genuin französisch zu bezeichnen, wäre historisch schlicht weg falsch, wenn man Weingarten oder andere Instrumente betrachtet.


Genuin französisch ist die Staffelung in 8'-4'-2'-Lage und die Präsenz in allen Manualen.

In Weingarten gibt es übrigens keine überblasenden Flöten.

Romantisch - Symphonisch

kjz1, Mittwoch, 19. März 2025, 11:16 (vor 539 Tagen) @ HARP64

Nun, wenn ich das mit unserer Orgel vergleiche, die der Orgelbauer als symphonisch tituliert hat:

Seiner Meinung nach besitzt eine symphonische Orgel eine extreme Bandbreite an Lautstärken, kann also auch sehr leise klingen.

Ja, die Orgel kann recht leise klingen, durch das schwellbare Hochdruckwerk aber auch sehr laut.

Eine sehr vereinfachte Formel, aber da ist was dran: Symphonik = Romantik + Klassik

Für eine romantische Orgel ist der Klang wiederum zu 'spitz', was auch an den in zwei Werken (Schwellwerk und Positiv) ausgebauten Superoktavkoppeln liegt.

Romantisch - Symphonisch

stein @, Mittwoch, 19. März 2025, 12:08 (vor 539 Tagen) @ kjz1

Mayer war vorgestern dran, ob er sie leiser macht, weiss ich nicht. Lediglich eine Flöte und einen leisen Prinzipal oder Streicher gehört.

Romantisch - Symphonisch

kjz1, Mittwoch, 19. März 2025, 19:55 (vor 538 Tagen) @ stein

Mayer war vorgestern dran, ob er sie leiser macht, weiss ich nicht. Lediglich eine Flöte und einen leisen Prinzipal oder Streicher gehört.

Das war die Konzertstimmung für Freitag: Bach 25.

Romantisch - Symphonisch

kirnberger, Donnerstag, 20. März 2025, 13:44 (vor 538 Tagen) @ HARP64

Ganz nüchtern:
Romantisch ist eine Stilepoche, innerhalb derer es eine große Bandbreite organologischer Präferenzen gibt, die vielfältig und heterogen sind, trotz gewisser gemeinsamer Parameter und Entwicklungen.
Symphonisch ist ein klangliches Prinzip, das ein Ideal beschreibt, innerhalb dessen die klangliche Verschmelzung von Grundstimmen und -flächen in orchestralen Gruppen versus Hervortreten von Solofarben steht. Hinzu kommt die Veränderung sakraler Räume und die technische Weiterentwicklung von Windanlagen, Trakturen und Intonationsparametern. Wenn eine Orgel symphonisch sein soll, muss ihr die orchestergemäße Gestaltung melodischer und dynamischer Verläufe gelingen. Da sind Etikett und Ergebnis nicht immer deckungsgleich.

Romantisch - Symphonisch

Cremona, Donnerstag, 20. März 2025, 23:01 (vor 537 Tagen) @ HARP64

Es lohnt sich immer, bei Unklarheiten hinsichtlich der Bedeutung von Begriffen die ursprüngliche Verwendung des jeweiligen Begriffs zu suchen, dann wird die eigentlich intendierte Bedeutung des Begriffs in der Regel sichtbar.

romantische Orgel: das ist die Orgel zur Zeit der Romantik in Deutschland; in diesem Sinne hat Wolfgang Metzler (Romantischer Orgelbau in Deutschland, Ludwigsburg 1966) den Begriff als einer der Ersten gebraucht (dagegen kennt Emile Rupp, Die Entwicklungsgeschichte der Orgelbaukunst, Einsiedeln 1929, diesen Begriff anscheinend überhaupt nicht, zumindest habe ich ihn kein einziges Mal darin gefunden).

symphonische Orgel: Diesen Begriff hat Emile Rupp anscheinend als Erster in "Die Entwicklungsgeschichte der Orgelbaukunst" (Einsiedeln 1929) beiläufig gebraucht und zwar in diesem Satz (S. 290): "Cavaillé-Coll hatte in seiner Neuschöpfung, der symphonischen Orgel mit ihren bestrickenden neuen Klangcharakteren der überblasenden Flöten, der Voix céleste, des Fagotts und Englischhorns, der orchestral blühenden Klarinette und der pastoralen Oboe, sowie ebenso edler wie glänzender Trompeten und Posaunen, dies alles belebt und veredelt durch intensiv wirkende Schwellkästen, den Musikern ein Instrument an die Hand gegeben, dessen vielfältige Ausdrucksmittel zunächst zu einem unleugbaren Mißbrauch verleiteten." (Rupp erwähnt anschließend Guilmant, Saint-Saens und sogar Franck; Widor habe dann in seinen Symphonien dem unruhig wirkenden Übermaß der Farbengebung Einhalt geboten.) Interessant ist in diesem Zusammenhang auch folgender Satz (S. 293), den Widor an Rupp geschrieben haben soll: "Die Grundgesetze der Registrierung sind keine andern als diejenigen der Instrumentation einer Symphonie." Das charakterisiert den "symphonischen Orgelstil" ausgezeichnet! Der Begriff "symphonisch" bezüglich Orgelmusik findet sich im übrigen erstmals bei César Franck, 6 Pièces d'orgue, Paris 1868, im "Grande Pièce Symphonique" op. 17, komponiert Oktober 1863.

orchestrale Orgel: Dieser Begriff findet sich ebenfalls schon bei Rupp (vielleicht auch schon früher?), auf S. 434 bezüglich der Hope-Jones-Orgel in Buffalo, St. Pauls-Kathedrale 1908: "Es ist die orchestrale Orgel in ihrer letzten Konsequenz ..."

Romantisch - Symphonisch

Cremona, Samstag, 22. März 2025, 10:07 (vor 536 Tagen) @ Cremona

Hier noch ein ergänzender Gedanke:

1. Weder 8'-Register (sie mögen so zahlreich sein wie sie wollen), noch die Intonation der Pfeifen oder die Windversorgung sind per se "romantisch" oder "symphonisch" oder "orchestral". Entscheidend ist vielmehr, was man damit machen will: will man damit gefühlsselige Musik spielen, wird es "romantisch", will man damit Transkriptionen von Orchestermusik realisieren, wird es "orchestral", will man damit Orgelmusik einen symphonischen Charakter geben (d.h. z.B.: der Orgelmusik die "Architektur" symphonischer Musik geben - so etwa hat es Widor verstanden!) wird es "symphonisch". Entscheidend ist also die Intention, die zu einer bestimmten Orgelgestaltung geführt hat, nicht die Gestaltung an sich.

2. Folglich macht es keinen Sinn, französische Orgeln des späten 19. Jahrhunderts als "romantisch" zu bezeichnen - es gab in Frankreich damals schlicht nicht die Intention, "romantisch" darauf zu spielen. Es gab vielmehr die Intention, die Orgelmusik nach dem Vorbild der Symphonien von Beethoven und anderen "symphonisch" zu gestalten (schon im Dictionnaire liturgique, historique et théorique de plain-chant ... von Joseph d'Ortigue 1853 liest man im Artikel "Orgue" Spalte 1134: "La musique du siècle est symphonique; nous avions la symphonie de Beethoven, de Berlioz, ce n'est pas assez; nous avons eu l'opéra symphonique de Weber, de Rossini même, le drame, l'oratorio symphonique, la messe symphonique. Eh bien, nos facteurs veulent créer l'orgue symphonique!"). Genau deshalb heißt die Orgel und die Orgelmusik in Frankreich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert "symphonisch" und nicht "romantisch". Umgekehrt gab es in Deutschland im 19. Jahrhundert keineswegs die Absicht, symphonische Musik auf der Kirchenorgel zu spielen, vielmehr wollte man die Gefühle der Hörer passend zum jeweiligen Gottesdienst bewegen - das ist "romantisch", nicht "symphonisch". In Amerika wiederum dienten die Orgeln in den Town Halls dazu, Transkriptionen von Orchestermusik zu Gehör zu bringen, sie wurden daraufhin optimiert, der dadurch entstandene Stil war daher "orchestral" - ungeachtet aller möglichen Ähnlichkeiten zur deutschen romantischen Orgel und zur französischen symphonischen Orgel!

Romantisch - Symphonisch

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Samstag, 22. März 2025, 11:10 (vor 536 Tagen) @ Cremona

Die Beiträge hierzu zeigen einerseits, dass das Thema nicht leicht zu greifen ist, bringen aber andererseits viele wichtige Parameter und Fakten in's Spiel - sehr interessant!

Romantisch - Symphonisch

HARP64, Samstag, 22. März 2025, 18:28 (vor 536 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

…und das macht es mir nicht eben leicht, „einfachen“ Orgelschülern Unterschiede zu erklären. Seufz. Aber ähnliche Herausforderungen ergeben sich wohl auch zwischen frz. und dt. Barockorgeln, niederl. und ital. Renaissanceorgeln und Neobarockorgeln in Nord/Süd/Ost/WestD.
Trotzdem alles spannend!
Danke für die vielen Inputs ans Forum!

nightmare before SymphonischRomantisch...

elias.orgel, Samstag, 22. März 2025, 11:12 (vor 536 Tagen) @ HARP64
bearbeitet von elias.orgel, Samstag, 22. März 2025, 11:15

Fun and Games:
Now that Jack has Halloween Town excited about Christmas (albeit in a malignant way), the Pumpkin King labors in his lab to mathematically and scientifically figure out the joy of Christmas. He runs all kinds of Experiments and equations using candy canes and decorations. But Christmas, he learns, isn’t science -
it’s faith, it’s a belief and
it’s also a feeling.

Auch im "Club der toten Dichter" wird im Lehrbuch erklärt, wie man
Gedichte "messen" kann ;-)

--
Orgelspielen heißt: im Sitzen tanzen ...

... für Gott

Romantisch - Symphonisch

Wolfgang Gourgé @, Sonntag, 23. März 2025, 16:17 (vor 535 Tagen) @ HARP64
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Sonntag, 23. März 2025, 16:32

Liebe Forumae,
kann mir jemand von euch in kurz-knappen Worten erklären, worin der Unterschied zwischen sogenannten(!) Symphonischen Orgeln und Romantischen Orgeln besteht.
Bei Woehl lese ich manchmal von symphonischem Wind.
Oder ist das „symphonisch“ ein gar nur subjektiver Begriff, der sich nicht orgelbaulich festlegen lässt?
Ich würde das gerne auch Schülern erklären können.
Danke für eure Antworten

....ich glaube, das lässt sich - ungeachtet der zwischenzeitlich hier erfolgten Antworten - relativ einfach beantworten:

- "romantisch" ist eine bestimmte, auf das 19. Jahrhundert bis etwa in die 1920er Jahre bezogene Epochenzuschreibung, die sich in Konzept/Disposition, Klang und in aller Regel auch in der äußeren Gestaltung des Instruments niederschlägt, dabei technisch von mechanischen Schleif-/Kegelladen über (teil-)pneumatische bis zu elektropneumatischen Ladensystemen reicht;

- "symphonisch" ist eine Orgel einer gewissen Größe und Kraft, die sich insbesondere für das romantisch-sinfonische Repertoire (Guilmant, Widor, Franck, Vierne, Dupré) französischer Provenienz des 19. und frühen 20. Jahrhunderts eignet, deshalb "orchestral" mit wesentlich romantischem Klang angelegt ist, nicht prioritär barocke Terrassendynamik umsetzt, sondern zahlreiche feine dynamische Abstufungen aufweist und sich auch im Zusammenspiel mit großem sinfonischem Orchester klanglich behaupten kann.

Nicht jede romantische Orgel ist auch sinfonisch (eine Dorfkirchenorgel kann romantisch sein, indes schon wegen ihrer bescheidenen Größe nicht sinfonisch), aber jede sinfonische Orgel hat einen dominierenden romantischen Anteil, da sich ein sinfonischer Charakter ohne romantischen Anteil nicht verwirklichen lässt.

Romantisch - Symphonisch

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Sonntag, 23. März 2025, 17:33 (vor 535 Tagen) @ Wolfgang Gourgé

...nicht prioritär barocke Terrassendynamik umsetzt, sondern zahlreiche feine dynamische Abstufungen aufweist und sich auch im Zusammenspiel mit großem sinfonischem Orchester klanglich behaupten kann.

Die Orgel ist wahrscheinlich das einzige Instrument, dass diese Terrassendynamik überhaupt wiedergeben kann (und oft auch muss). Zwar eignet sich der Begriff als methodisch-didaktisches Denkmodell zur Unterscheidung vom nachfolgenden "Mannheimer Crescendo", das ebenfalls als Denkmodell gewisse Reize hat, aber beide Begriffe laufen Gefahr, dass man zumindest in Einsteiger-Kreisen der klassischen Musik denkt, die Musik vor der Mannheimer Klassik war frei von Crescendo/Diminuendo, oder auch frei von agogischen Elementen. Und das finde ich inzwischen so abwegig, dass ich beide Begriffe nicht mehr direkt verwende, sondern nur in eine Zitat-Klammer ("früher beschrieb man das mit..") setzen würde.

Romantisch - Symphonisch

Wolfgang Gourgé @, Sonntag, 23. März 2025, 22:29 (vor 534 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf
bearbeitet von Wolfgang Gourgé, Sonntag, 23. März 2025, 22:34

...nicht prioritär barocke Terrassendynamik umsetzt, sondern zahlreiche feine dynamische Abstufungen aufweist und sich auch im Zusammenspiel mit großem sinfonischem Orchester klanglich behaupten kann.


Die Orgel ist wahrscheinlich das einzige Instrument, dass diese Terrassendynamik überhaupt wiedergeben kann (und oft auch muss). Zwar eignet sich der Begriff als methodisch-didaktisches Denkmodell zur Unterscheidung vom nachfolgenden "Mannheimer Crescendo", das ebenfalls als Denkmodell gewisse Reize hat, aber beide Begriffe laufen Gefahr, dass man zumindest in Einsteiger-Kreisen der klassischen Musik denkt, die Musik vor der Mannheimer Klassik war frei von Crescendo/Diminuendo, oder auch frei von agogischen Elementen. Und das finde ich inzwischen so abwegig, dass ich beide Begriffe nicht mehr direkt verwende, sondern nur in eine Zitat-Klammer ("früher beschrieb man das mit..") setzen würde.

....da will ich Dir jetzt gar nicht widersprechen (klar gab's Crescendo/Diminuendo und Agogik auch schon vor Mannheim, Bach hat ja sicher nicht gespielt, als ob er eine alte mechanische Schreibmaschine traktiert hat, auch wenn manche heutigen Interpret/inn/en das zu glauben scheinen), aber hier war ja eine allgemeine Unterscheidung gefragt, und es ist unvermeidlich, dass eine solche immer Randunschärfen hat, inhaltlich wie zeitlich, wo es oft fließende Übergänge und Überschneidungen gibt, wie etwa auch sonst in der Kunst: Impressionismus, Expressionismus, Realismus, (neue) Sachlichkeit, Kubismus, oder Jugendstil und Art Deco. Da kann man dann auch durchaus verschiedener Meinung sein, ob etwas noch zur einen oder schon zur nächsten Epoche gehört.....

Das ist ja das Schöne an Musik, Kunst, Kultur: "panta rhei", wir können nichts festnageln. Gut so, die Welt wäre sonst langweilig.....

Romantisch - Symphonisch - Mendelsohnisch

elias.orgel, Montag, 31. März 2025, 06:19 (vor 527 Tagen) @ HARP64

kann mir jemand von euch in kurz-knappen Worten erklären, worin der Unterschied zwischen sogenannten(!) Symphonischen Orgeln und Romantischen Orgeln besteht.


anstelle von kurz-knappen Worten,
vielleicht doch lieber ein paar ausschweifende Takte Musik ?

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Orgelspielen heißt: im Sitzen tanzen ...

... für Gott

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