Zum bislang anonymen Rokokoprospekt in Brettheim

MCVL @, Freitag, 17. Januar 2025, 22:26 (vor 602 Tagen)
bearbeitet von MCVL, Samstag, 18. Januar 2025, 01:19

Hallo zusammen,

heute einmal wieder ein Beitrag für das historisch interessierte Publikum.

Schon mehrmals habe ich mir auf dieser Seite https://www.kirchenbezirk-crailsheim-blaufelden.de/kirchengemeinden/beimbach-1/wissenwe... den bislang anonym überlieferten, in das Jahr 1730 datierten Rokokoprospekt in der evangelischen Pfarrkirche von Brettheim betrachtet und mir Gedanken über dessen Erbauer gemacht.

Nach Durchsicht der bekannten Literatur bin ich in Kleemanns "Die Orgelmacher und ihr Schaffen im ehemaligen Herzogtum Württemberg" auf eine Fotografie gestoßen, die einen dem Brettheimer Typ weitgehend entsprechenden Prospekt zeigt. Es handelt sich um das 1740 durch den angesehenen Orgelmacher Philipp Heinrich Hasenmeyer aus Kirchberg an der Jagst (später in der freien Reichsstadt Hall ansässig) gelieferte Instrument für Obersontheim.

Eine erste Spur war nun also gefunden und die Vermutung, daß der Brettheimer Prospekt ursprünglich ein Werk von Hasenmeyer enthielt, bestätigte sich nach Auswerten von Archivalien des Landeskirchlichen Archiv Stuttgart (Ortsakten A 29 Brettheim).

Die Orgel wurde 1755 von Hasenmeyer für 303 fl. unter Verwendung von mehreren Registern der 1710 bei einem Schulmeister in Wörnitz angekauften Vorgängerorgel (6 Register) erbaut. Woher das Jahr 1730 auf der verlinkten Seite stammt, ist mir nicht bekannt. Die Orgelweihe fand anläßlich des zweihundertsten Jahrestags des Augsburger Religionsfriedens am 13. September 1755 statt.

Die ursprüngliche Disposition gleicht stark derjenigen in Obersontheim und lautete:

Manual
1) Fluiten 8'
2) Großgedeckt 8'
3) Quintaden 8'
4) Viol di Gamba 8'
5) Principal 4'
6) Kleingedeckt 4'
7) Quint 3'
8) Octav 2'
9) Mixtur
Tremulant

Pedal
10) Subbaß 16'
11) Posaunenbaß 8'

Cymbel zum Stern

Die Orgel wurde 1758 für 24 fl. farblich gefasst.
Am Orgelgehäuse waren ursprünglich folgende Inschriften in lateinischer und deutscher Sprache angebracht:


Hallelujah! Hallelujah!

Hosianna in der Höhe!

Varictate unitas condordi discordia.

Obgleich nur ein Wind hier und so viel Pfeiffen sein,

stimmt doch das ganze Werk gar lieblich überein.

In uno spiritu omnes nos conspiramus amice.

Dem Hr. will ich singen dem G. Isr. will ich spielen Jud. v. 3.

Haec si contingunt terris, quae gaudia coelis?

Accurante pastore J. C. Schmeißero.


Während des 19. Jahrhunderts wurde die Orgel mehrfach überholt und umgebaut, auch in der Zahl der Manualregister reduziert und auf einen grundtönigeren Gesamtklang hin umgestaltet.

Größere Arbeiten fanden 1825, 1846 und 1885 statt.
1912 wurde unter Verwendung des seitlich erweiterten Hasenmeyer-Prospekts eine neue Orgel von Gebr. Link auf pneumatischen Kegelladen mit II/14 geliefert.

Soweit mein Senf zu einer bislang unbekannt gebliebenen Hasenmeyer-Orgel.

Zum bislang anonymen Rokokoprospekt in Brettheim

MCVL @, Sonntag, 19. Januar 2025, 00:15 (vor 601 Tagen) @ MCVL

Noch eine Ergänzung dazu.

Link baute unter Verwendung der alten Brettheimer Orgel ein Instrument für die Kirche in Hilgartshausen.

Die Orgel ist ebenfalls auf der verlinkten Seite dokumentiert und besitzt anstatt der bei Link 1912 obligatorischen Registerwippen noch Züge und ist seitenspielig eingerichtet. So wie sich es zumindest von außen darstellt, mußte alles wohl sehr preiswert ablaufen.

Auf der verlinkten Seite ist als Laden- und Traktursystem "Kegelladen pneumatisch" angegeben. Ob das tatsächlich den Tatsachen entspricht, müsste von Ortskundigen bestätigt werden.

Jedenfalls scheint die Orgel in Hilgartshausen bis zum heutigen Tag historisches Material aus Brettheim zu beinhalten.

Zum bislang anonymen Rokokoprospekt in Brettheim

Tobias @, Sonntag, 19. Januar 2025, 22:04 (vor 600 Tagen) @ MCVL

Hallo Mark,

ich bin zwar in der Gegend, aber in Hilgartshausen war ich bislang noch nicht an der Orgel.

Soll ich mich mal informieren?

Viele Grüße!

Zum bislang anonymen Rokokoprospekt in Brettheim

MCVL @, Sonntag, 19. Januar 2025, 22:32 (vor 600 Tagen) @ Tobias

Hallo Mark,

ich bin zwar in der Gegend, aber in Hilgartshausen war ich bislang noch nicht an der Orgel.

Soll ich mich mal informieren?

Viele Grüße!

Hallo Tobias,

es wäre klasse, wenn du zu diesem Thema etwas herausfinden könntest.

Vielen Dank schon einmal im Voraus und viele Grüße

Zum bislang anonymen Rokokoprospekt in Brettheim

fluteceleste @, Sonntag, 19. Januar 2025, 22:32 (vor 600 Tagen) @ MCVL

Auf der verlinkten Seite ist als Laden- und Traktursystem "Kegelladen pneumatisch" angegeben. Ob das tatsächlich den Tatsachen entspricht, müsste von Ortskundigen bestätigt werden.

Hallo Mark,
bei Christoph Naacke (150 Jahre OB Link) steht das auch so, ist vielleicht auch erstmal nur ein Hinweis, und über die eigene Sichtung geht bekanntlich ja nichts ;-)
Gruß
Stefan

Zum bislang anonymen Rokokoprospekt in Brettheim

MCVL @, Sonntag, 19. Januar 2025, 22:45 (vor 600 Tagen) @ fluteceleste
bearbeitet von MCVL, Sonntag, 19. Januar 2025, 22:56

Auf der verlinkten Seite ist als Laden- und Traktursystem "Kegelladen pneumatisch" angegeben. Ob das tatsächlich den Tatsachen entspricht, müsste von Ortskundigen bestätigt werden.

Hallo Mark,
bei Christoph Naacke (150 Jahre OB Link) steht das auch so, ist vielleicht auch erstmal nur ein Hinweis, und über die eigene Sichtung geht bekanntlich ja nichts ;-)
Gruß
Stefan

Hallo Stefan,

ich bin mir nicht sicher, wie es zu den Angaben zu Laden- und Traktursystem in der Link-Festschrift kam.
Um 1896/97 baute Link ja auch eine reinpneumatische Windlade eigener Konstruktion und auf der Werkliste ist nur Setzingen mit diesem System angegeben. Es sind aber sicherlich an die 12 oder noch mehr Orgeln mit diesem Ladensystem gebaut worden. Spontan fallen mir Tannhausen bei Ellwangen und Stimpfach an der Jagst als Beispiele ein.

Ich bin mir sicher, daß man dort noch einige Überraschungen hinsichtlich Laden- und Traktursystem sowie Verwendung von Gebrauchtbeständen erleben könnte, wenn man sich intensiv mit dem Werk von Link beschäftigen würde.

Ich meine, Hilgartshausen ist auch mit (+) gekennzeichnet, so wie es sich auf den Bildern darstellt, müsste der Zustand aber + lauten.

Die Orgel in Brettheim ist ja im 19. Jahrhundert mehrmals umgebaut worden, wobei dort bislang die Namen Johann Georg Schäfer/Göppingen, Johann Friedrich Schäfer/Crailsheim und auch schon vor 1912 Link bekannt sind. Das Pfeifenwerk von Hilgartshausen könnte also hinsichtlich Orgelbauern verschiedenster Provenienz entstammen.

Viele Grüße

Mark

Link-Orgeln von 1912 - eine mit Zimbelstern - War: Zum bislang anonymen Rokokoprospekt ...

jrbecker @, Montag, 20. Januar 2025, 10:14 (vor 599 Tagen) @ MCVL
bearbeitet von jrbecker, Montag, 20. Januar 2025, 10:27

Hallo Mark,

wirklich nur als Hinweis am Rande zu verstehen und hat natürlich nichts mit der Geschichte der von dir geschilderten Orgeln zu tun, aber als ich "Link" und "1912" las, fielen mir zwei Orgeln ganz hier in der Nähe ein, die ebenfalls mit diesem Baujahr von Link gefertigt wurden... beide verwenden zumindest historische Prospekte, beide sind seitenspielig, beide Kegelladen mit pneumatischer Traktur, aber natürlich beide Wippen... Und ich denke nicht, dass Sie historische Pfeifen verwenden ...

Rabenau-Geilshausen
und
Rabenau-Rüddingshausen

Die Orgeln haben zusammen 13 Register... :-)

Ungewöhnlich auch in der zweiten Orgel ein gar nicht zur Dispositin passender Zimbelstern - allerdings eher ohne Streufunktion ;-) - der wohl in Eigenarbeit eines dörflichen Organisten/Handwerkers ergänzt wurde und über den auf dem Spieltischfoto sichtbaren "Lichtschalter" links oben geschaltet wird...

Grüße
Jörg

Link-Orgeln von 1912 - eine mit Zimbelstern - War: Zum bislang anonymen Rokokoprospekt ...

MCVL @, Montag, 20. Januar 2025, 10:59 (vor 599 Tagen) @ jrbecker

Hallo Jörg,

vielen Dank für deine Ergänzungen. Die Brettheimer Orgel besaß ursprünglich ja auch einen Zimbelstern, dieser wurde offenbar im Laufe des 19. Jahrhunderts außer Betrieb gesetzt.

Mittlerweile habe ich noch etwas zur Brettheimer Orgel gefunden. Im "Schwäbischen Heimatbuch" Jg. 1915 ist ein aus der Feder des seinerzeitigen Ortspfarrers stammender Aufsatz erschienen, der den Kirchenneubau in Brettheim näher beleuchtet. Ziel des Kirchenbaus von 1912 war es, eine moderne Predigtkirche zu erhalten, welche aber stilistisch einer altfränkischen Dorfkirche wie sie dort bis 1911/12 bestand, nahestehen sollte. Die Planungen und die Bauleitung lagen beim Stuttgarter Architekturbüro Dolmetsch & Schuster.

Die ursprünglichen Aufsätze des Orgelgehäuses waren offenbar beschädigt bzw. ganz verloren gegangen und wurden 1912 in den "Kunstwerkstätten" der Gebr. Link neu angefertigt. Ob das Schleierwerk und die Ohren ebenfalls überarbeitet wurden, ist nicht ersichtlich.


Viele Grüße

Mark

Zum bislang anonymen Rokokoprospekt in Brettheim

Evacuant, Montag, 20. Januar 2025, 15:16 (vor 599 Tagen) @ MCVL

Die ursprüngliche Disposition gleicht stark derjenigen in Obersontheim und lautete:

Apropos Obersontheim: Was ist da eigentlich noch original?

Zum bislang anonymen Rokokoprospekt in Brettheim

MCVL @, Montag, 20. Januar 2025, 15:34 (vor 599 Tagen) @ Evacuant

Die ursprüngliche Disposition gleicht stark derjenigen in Obersontheim und lautete:


Apropos Obersontheim: Was ist da eigentlich noch original?

Gute Frage. Außer dem Gehäuse und Teilen des Pfeifenwerks dürfte nicht mehr viel Originalsubstanz erhalten sein. Evtl. die Manuallade, aber das müsste man an Ort und Stelle erheben.

Zum bislang anonymen Rokokoprospekt in Brettheim

MCVL @, Sonntag, 09. Februar 2025, 19:07 (vor 579 Tagen) @ MCVL
bearbeitet von MCVL, Sonntag, 09. Februar 2025, 19:14

Mir ist es gelungen, noch weitere Informationen über die interessante Orgel in Brettheim zu erhalten.
Die Orgel hat übrigens die Zeiten nahezu unverändert überstanden und musste keinerlei Optimierungs-/"Pseudobarockisierungs"-Versuche über sich ergehen lassen. Sie stellt also eine der raren, nahezu vollständig erhaltenen Link-Orgeln mittlerer Größe dieser Zeit in Württemberg da, noch völlig unbeeinflusst von der Elsässer Reform.
Ich sehe schon, irgendwann ist da ein Besuch an Ort und Stelle fällig.

I. Manual C-f3
1) Principal 8'
2) Flöte 8'
3) Viola di Gamba 8'
4) Salicional 8'
5) Octav 4'
6) Rohrflöte 4'
7) Mixtur 3fach 2 2/3'

II. Manual C-f3
8) Geigenprincipal 8'
9) Gedeckt 8'
10) Aeoline 8'
11) Vox celest 8'
12) Fugara

Pedal C-d1
13) Subbaß 16'
14) Octavbaß 8'

II-I
I-P
II-P
Super II-I

Druckknöpfe: Piano - Mezzoforte - Tutti - AL


Von dem ungewöhnlichen, aber durchaus sympathisch wirkenden Kirchenraum, der in modernen Formen Stilelemente einer fränkischen Dorfkirche aufnehmen und zu einem stimmigen Ganzen verbinden sollte, konnte ich noch eine Fotografie im Zustand der Erbauung auffinden, aus der auch die Aufstellung der Orgel ohne Seitenwände mit der vorgeblendeten erweiterten Hasenmeyer-Prospektfront in einem kleinen Chörchen, welches an der Südseite der Kirche angebracht wurde, hervorgeht. Ob es Probleme durch die direkte Sonneneinstrahlung durch die Fenster des Chörchens in das Orgelinnere gibt, müsste man an Ort und Stelle erheben.


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