Voix humaine au Récit

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Sonntag, 29. Dezember 2024, 21:18 (vor 621 Tagen)

Ich bekenne, der französisch-symphonischen Tradition gegenüber deutlich weniger sachkundig als zugewandt zu sein, aber für Sachkunde gibt es ja das Schwarmwissen hier.
Meine Frage:
Die klassische Batterie im französischen Schwellwerk benennt Basson(-Bombarde) 16', Trompette harmonique 8', (Basson-)Hautbois 8', Voix humaine 8', Clairon 4'. Mit Ausnahmen, versteht sich.

Das ist ja aus deutscher Sicht ein großer Aufwand an Zungen, die wohl auch aus technischen Gründen, nicht zuletzt der Stimmbarkeit wegen, sehr geschickt aufgestellt werden müssen.

Wie steht es eigentlich um den in den Kompositionen erklärten Bedarf an der Voix humaine? Mir fällt Franck h-moll ein, aber was noch, und wie häufig?
Das erkennbar aus dem Hintergrund gefragt: Was weglassen, wenn es im SW nicht für fünf Zungen reicht, und doch eine gewisse Annäherung an die französisch-symphonische Literatur möglich sein soll? Oder lieber doch an Labialen sparen?

Voix humaine au Récit

Orlos @, Sonntag, 29. Dezember 2024, 22:34 (vor 621 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Guilmant hat eindrucksvolle Stücke für Voix humaine komponiert.
Bei Vierne gibt es zwar nur wenige Stellen mit Voix humaine, diese sind aber sehr apart. Es wäre doch recht schade, hier auf andere Klänge zurückgreifen zu müssen. Es gibt allerdings Orgeln, bei denen die Hautbois so fein intoniert ist, dass sie – ohne Grundstimmen gespielt – einen ähnlichen Effekt erzeugt.
Bei Rieger-Orgeln aus den 1990er-Jahren fiel mir auf, dass die Voix humaine wenig französisch klingt, trotzdem aber ihre Funktion erfüllt – und darüberhinaus sogar für Barockmusik taugt, also ein ganz brauchbarer Kompromiss (Richtung Bärpfeife), wie ich finde. Man könnte diese Vox humana in ein anderes Werk stellen, wenn dieses schwellbar ist. Zwar gibt es Registrierungsvorschriften wie "Bourdon 16+Voix humaine+Flûte 4", aber das ließe sich mit einer Koppel lösen. Eine nicht schwellbare Voix humaine ist für französische Symphonik eher sinnlos.

Voix humaine au Récit

kirnberger, Sonntag, 29. Dezember 2024, 23:09 (vor 620 Tagen) @ Orlos

Die Voix humaine ist das einzige Register, das ohne Abdeckung durch einen labialen 8' grspielt wird. Es hat eine ganz eigene Geschichte vom Frühbarock bis in die Gegenwart, darunter mit einem Intermezzo im Unterbau oder in eigenen Schallkanälen wie bei Walcker oder in Nischen hinter dem Gehäuse. Sie ist die Königin des indirekten Klanges, daher plädiere ich dafür, sie aus der SW-Dispo auszuklammern und als eigenes Phänomen zu betrachten.

Voix humaine au Récit

MCVL @, Sonntag, 29. Dezember 2024, 23:32 (vor 620 Tagen) @ kirnberger

Die Voix humaine ist das einzige Register, das ohne Abdeckung durch einen labialen 8' grspielt wird. Es hat eine ganz eigene Geschichte vom Frühbarock bis in die Gegenwart, darunter mit einem Intermezzo im Unterbau oder in eigenen Schallkanälen wie bei Walcker oder in Nischen hinter dem Gehäuse. Sie ist die Königin des indirekten Klanges, daher plädiere ich dafür, sie aus der SW-Dispo auszuklammern und als eigenes Phänomen zu betrachten.

So wahnsinnig verkrampft würde ich es nicht sehen.
Gerade in der Zeit, als in Süddeutschland um 1910 eine etwas eigene Lesart der aus dem Elsass kommenden Reformideen einsetzte, wurde die Vox humana öfters einmal in das im Schweller stehende, als "Hauptwerk" bezeichnete II. Manual gesetzt. Was ich damit sagen will, einer Disposition der Vox humana im Schwellwerk steht eigentlich nichts dagegen, offenbar ging man zwischen 1910 und 1930 mit so etwas viel gelassener um und wagte es einfach. Es kam wohl eher auf den maßvollen Gebrauch und den Geschmack des Organisten an.

Voix humaine au Récit

kirnberger, Montag, 30. Dezember 2024, 15:06 (vor 620 Tagen) @ MCVL

Ich meinte das nicht verkrampft - ich habe großen Spaß an den daraus resultierenden Sonderlösungen wie kleinen Zusatzladen. Die Vox humana pur im SW finde ich klanglich oft suboptimal.

Voix humaine au Récit

MCVL @, Donnerstag, 09. Januar 2025, 16:40 (vor 610 Tagen) @ MCVL

Gerade in der Zeit, als in Süddeutschland um 1910 eine etwas eigene Lesart der aus dem Elsass kommenden Reformideen einsetzte, wurde die Vox humana öfters einmal in das im Schweller stehende, als "Hauptwerk" bezeichnete II. Manual gesetzt.

Als Beispiel hier einmal eine solche Disposition:

I. Manual = Nebenwerk C-f3

1) Prinzipal 8' (eher Hornprinzipal)
2) Tibia 8'
3) Gedeckt 8'
4) Salicional 8'
5) Dolce 8'
6) Unda maris 8' enge Principalmensur
7) Fugara 4'

I. Manual = Hauptwerk (im Schweller) C-f3

8) Bourdon 16'
9) Prinzipal 8'
10) Liebl. Gedeckt 8'
11) Gamba 8'
12) Aeoline 8'
13) Voix célèste 8'
14) Oktave 4'
15) Flöte 4' weit
Carillon Sammelzug 15) + 18)
16) Quinte 2 2/3'
17) Superoktave 2'
18) Terzia 1 3/5'
19) Trompete 8'
20) Vox humana 8'
- Tremolo

Pedal C-d1

21) Subbaß 16'
Solobaß 16' Transmission 8)
22) Violon 16'
23) Oktavbaß 8'
24) Posaune 16'

Voix humaine au Récit

Cremona, Donnerstag, 09. Januar 2025, 19:44 (vor 610 Tagen) @ MCVL
bearbeitet von Cremona, Donnerstag, 09. Januar 2025, 20:04

Das kommt nicht aus Süddeutschland oder aus dem Elsaß, das ist vielmehr eine Entwicklung von Charles Mutin (vielleicht auch schon vom späten Aristide Cavaillé-Coll). Beispiel: die Orgel im Konzertsaal der Syllogue litteraire grec in Konstantinopel von Charles Mutin 1903 (zitiert nach Roland Eberlein, Die Geschichte der Orgel, S. 327):

I. Grand-Orgue: Bourdon 16', Montre 8', Bourdon 8', Flûte harmonique 8', Salicional 8', Prestant 4'
II. Récit expressif: Diapason 8', Cor de nuit 8', Viole de gambe 8', Voix céleste 8' Flûte octaviante 4', Octavin 2'; Jeux de Combinaisons: Plein jeu 3f., Basson 16', Trompette 8', Basson-Hautbois 8', Voix humaine 8'
Pedal: Soubasse 16', Bourdon 8', Flûte 8', Basson 16' (Tr.?)
Trémolo Récit, I/I, II/I, I/P, II/P, Sub II/I, Appel Jeux de Combinaisons

Voix humaine au Récit

MCVL @, Donnerstag, 09. Januar 2025, 20:03 (vor 610 Tagen) @ Cremona
bearbeitet von MCVL, Donnerstag, 09. Januar 2025, 20:06

Das kommt nicht aus Süddeutschland oder aus dem Elsaß, das ist vielmehr eine Entwicklung von Charles Mutin (vielleicht auch schon vom späten Aristide Cavaillé-Coll). Beispiel: die Orgel im Konzertsaal der Syllogue litteraire grec in Konstantinopel von Charles Mutin 1903 (zitiert nach Roland Eberlein, Die Geschichte der Orgel, S. 327):

I. Grand-Orgue: Bourdon 16', Montre 8', Bourdon 8', Flûte harmonique 8', Salicional 8', Prestant 4'
II. Récit expressif: Diapason 8', Cor de nuit 8', Viole de gambe 8', Voix céleste 8' Flûte octaviante 2' Jeux de Combinaisons: Plein jeu 3f., Basson 16', Trompette 8', Basson-Hautbois 8', Voix humaine 8'
Pedal: Soubasse 16', Bourdon 8', Flûte 8', Basson 16' (Tr.?)
Trémolo Récit, I/I, II/I, I/P, II/P, Sub II/I, Appel Jeux de Combinaisons


Die zeitgenössischen süddeutschen Orgelsachverständigen wie Widmann, Molitor, Fröhlich, Keilbach und andere bezeichneten diese Dispositionen als eine Konsequenz aus den Reformideen eines Rupp oder Schweitzer.
Das gibt es in etlichen Gutachten und Berichten über diesen Orgeltyp zu lesen, oft mit Hinweisen auf den Wiener Kongress 1909. Und genau zu diesem Zeitpunkt setzt auch die Einführung dieser Dispositionsweise im süddeutschen Raum (übrigens nahezu ausschließlich durch katholische Orgelbauer und Sachverständige umgesetzt) ein.

Voix humaine au Récit

Cremona, Donnerstag, 09. Januar 2025, 20:08 (vor 610 Tagen) @ MCVL
bearbeitet von Cremona, Donnerstag, 09. Januar 2025, 20:12

Das mögen die so gesehen haben, weil sie die Orgeln von Mutin nicht kannten; tatsächlich hat es Mutin Jahre vor den Veröffentlichungen von Rupp praktiziert; Rupp hat es bei Mutin kennengelernt und weitergegeben!

Voix humaine au Récit

Cremona, Donnerstag, 09. Januar 2025, 20:58 (vor 610 Tagen) @ Cremona

Um die Sache vollkommen eindeutig zu machen, hier eine gleichartige Disposition von Aristide Cavaillé-Coll 1873 für Versailles, Schlosskapelle (im Gehäuse aus dem 18. Jahrh.), später transferiert nach Rennes:
Grand-Orgue: Bourdon 16', Bourdon 8', Montre 8', Salicional 8', Flûte harmonique 8', Octave 4', Prestant 4', Nazard
Récit: Cor de nuit 8', Violoncelle 8', Voix céleste 8', Flûte octaviante 4', Octavin 2', Plein-jeu, Basson 16', Basson-Hautbois 8', Trompette 8', Clairon 4'
Pedale: Soubasse 16', Flûte 8', Flûte 4', Bombarde 16', Trompette 8'
(zitiert nach: Claude Noisette de Crauzat, Cavaillé-Coll, Paris 1984, S. 321)

Voix humaine au Récit

MCVL @, Donnerstag, 09. Januar 2025, 21:27 (vor 610 Tagen) @ Cremona
bearbeitet von MCVL, Donnerstag, 09. Januar 2025, 21:31

Das mögen die so gesehen haben, weil sie die Orgeln von Mutin nicht kannten; tatsächlich hat es Mutin Jahre vor den Veröffentlichungen von Rupp praktiziert; Rupp hat es bei Mutin kennengelernt und weitergegeben!

Ich möchte auch nicht bestreiten, daß diese Dispositionen bei Mutin und anderen ihren Ursprung hatten, ohne die Propaganda aus dem Elsass hätten sie aber sicherlich nicht eine derartige Verbreitung rechts des Rheins gefunden. Im süddeutschen Raum stellten sie zumindest in katholischen Kreisen mit gewissen Modifikationen und Weiterentwicklungen für Orgelneubauten bis um 1930 den Stand der Dinge dar.

Voix humaine au Récit

fluteceleste @, Freitag, 10. Januar 2025, 07:25 (vor 609 Tagen) @ MCVL

Späth Isny ? ;-)

Voix humaine au Récit

MCVL @, Freitag, 10. Januar 2025, 07:53 (vor 609 Tagen) @ fluteceleste

Späth Isny ? ;-)

Späth im Ostalbkreis ; -) übrigens auch bei Heribert Halbe drin, allerdings im Zustand, nachdem die Orgel barockisiert/aufgenordet/klanglich kultiviert (oder wie man es auch immer bezeichnen möchte) wurde.

Wer findet sie?

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Voix humaine au Récit

Evacuant, Freitag, 10. Januar 2025, 11:18 (vor 609 Tagen) @ MCVL

Späth im Ostalbkreis ; -) übrigens auch bei Heribert Halbe drin, allerdings im Zustand, nachdem die Orgel barockisiert/aufgenordet/klanglich kultiviert (oder wie man es auch immer bezeichnen möchte) wurde.

Wer findet sie?

Wer den "Heribert Halbe" hat und nicht zu faul zum Suchen ist, der findet sie.

Voix humaine au Récit

fluteceleste @, Freitag, 10. Januar 2025, 21:09 (vor 609 Tagen) @ Evacuant
bearbeitet von fluteceleste, Freitag, 10. Januar 2025, 21:14

ich hab ihn verlegt, ich weiß dass er letzte Woche noch zwischen Völkl, diversen Suppern und Kleemann war (die Württemberger Regal-Ecke. Aber ist ja auch eher nicht so dick, sozusagen dünn wie ein HALBEs Buch ;-). Hmmmmm..

Voix humaine au Récit

MCVL @, Freitag, 10. Januar 2025, 21:59 (vor 609 Tagen) @ fluteceleste
bearbeitet von MCVL, Freitag, 10. Januar 2025, 22:35

Na dann will ich ein wenig was über die Orgel erzählen.

Der Halbe hilft hier eigentlich nur weiter, die Orgel optisch zu identifizieren, ihre Geschichte stellt sich etwas anders dar.

Es handelt sich um die Orgel der Pfarrkirche St. Nikolaus in Pfahlheim, ein Kirchenbau aus dem Jahr 1892 nach Entwürfen des seinerzeit bekannten und erfolgreichen Architekten Joseph Cades.

Als ich die Orgel in den späten 1990er Jahren zum ersten Mal besichtigt habe, stand ich dort genauso vor einem Rätsel, wie es sich auch in der Halbe-Publkation darstellt. Man kann zwar bei einer Bestandsaufnahme genau erkennen, daß der heutige Zustand auf mehrere Umbauten und Teile verschiedener Werkstätten zurückgeht, aber ohne die Hinzuziehung archivalischer Quellen kommt man dort hinsichtlich Orgelbauern und Zeitabläufen nicht weiter.

Die Orgel wurde 1917 durch Späth unter Verwendung der Prospektfront, den Kegelladen (I. Manual und hintere Lade II. Manual) und Teilen des Pfeifenwerks der Vorgängerorgel erbaut, welche 1892 von dem in Ellwangen ansässigen Orgelbauer Joseph Bihr geliefert wurde, die aber schon von Anfang an als technisch problematisch und mit Konstruktionsmängeln behaftet bezeichnet wurde.

Der jetzige Aufbau der Orgel geht auf Späth 1917 zurück, der die vordere Lade des II. Manuals und die Pedalladen als Taschenladen mit stehenden Abschlussorganen hinzufügte. Zusätzlich zum Doppelparallelfaltenmagazin von Bihr wurde von Späth ein weiterer großer Schwimmerbalg ergänzt. Späth lieferte einen neuen pneumatischen Spieltisch, pneumatisierte die Traktur und baute Bihrs Kegelladen entsprechend um, lieferte die zu ergänzenden Register neu und erstellte ein neues Gehäuse für das II. Manual mit Schwelljalousien. Sachberatung Franz Josef Balluf.

1951 Überholung und erster Klangumbau durch Späth, Sachberatung Orgelrevident Eberhard Bonitz/Ellwangen.

Um 1970 neuer Spieltisch (Laukhuff)ohne Oktavkoppeln und weiterer Klangumbau durch Köberle/Schwäbisch Gmünd.

Voix humaine au Récit

MCVL @, Samstag, 11. Januar 2025, 21:44 (vor 608 Tagen) @ fluteceleste

ich hab ihn verlegt, ich weiß dass er letzte Woche noch zwischen Völkl, diversen Suppern und Kleemann war (die Württemberger Regal-Ecke. Aber ist ja auch eher nicht so dick, sozusagen dünn wie ein HALBEs Buch ;-). Hmmmmm..

Da scheinen wir ein ähnliches Ordnungsschema anzuwenden : -)

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Voix humaine au Récit

Orlos @, Sonntag, 29. Dezember 2024, 23:38 (vor 620 Tagen) @ kirnberger

Die Voix humaine ist das einzige Register, das ohne Abdeckung durch einen labialen 8' grspielt wird. Es hat eine ganz eigene Geschichte vom Frühbarock bis in die Gegenwart, darunter mit einem Intermezzo im Unterbau oder in eigenen Schallkanälen wie bei Walcker oder in Nischen hinter dem Gehäuse. Sie ist die Königin des indirekten Klanges, daher plädiere ich dafür, sie aus der SW-Dispo auszuklammern und als eigenes Phänomen zu betrachten.

Guilmant schreibt das anders: "Die Voix humaine wird immer mit dem Bourdon benutzt."

Voix humaine au Récit

MCVL @, Sonntag, 29. Dezember 2024, 23:48 (vor 620 Tagen) @ Orlos

Die Voix humaine ist das einzige Register, das ohne Abdeckung durch einen labialen 8' grspielt wird. Es hat eine ganz eigene Geschichte vom Frühbarock bis in die Gegenwart, darunter mit einem Intermezzo im Unterbau oder in eigenen Schallkanälen wie bei Walcker oder in Nischen hinter dem Gehäuse. Sie ist die Königin des indirekten Klanges, daher plädiere ich dafür, sie aus der SW-Dispo auszuklammern und als eigenes Phänomen zu betrachten.


Guilmant schreibt das anders: "Die Voix humaine wird immer mit dem Bourdon benutzt."

Einen ähnlichen Kommentar gibt es auch aus Süddeutschland, wobei das ein Vergleich mit Äpfeln und Birnen wird und eigentlich gar nichts miteinander zu tun hat.
Aber trotzdem: ich meine, es war der Orgelrevident Johann Georg Fröhlich, ein anerkannter Musiker, der zur Vox Humana der neuen Späth-Orgel in Ennetach 1915 schrieb, daß das Register am besten mit einer Deckung durch einen recht neutral intonierten Weitchor-Vertreter zur Wirkung gelangt.

Voix humaine au Récit

Orlos @, Sonntag, 29. Dezember 2024, 23:50 (vor 620 Tagen) @ MCVL

Guilmant schreibt das anders: "Die Voix humaine wird immer mit dem Bourdon benutzt."


Einen ähnlichen Kommentar gibt es auch aus Süddeutschland, wobei das ein Vergleich mit Äpfeln und Birnen wird und eigentlich gar nichts miteinander zu tun hat.

Naja, Herr Kropf hatte ausdrücklich nach der "französisch-symphonischen Tradition" gefragt, da passt Guilmant schon ganz gut, oder?

Voix humaine au Récit

MCVL @, Sonntag, 29. Dezember 2024, 23:52 (vor 620 Tagen) @ Orlos

Guilmant schreibt das anders: "Die Voix humaine wird immer mit dem Bourdon benutzt."


Einen ähnlichen Kommentar gibt es auch aus Süddeutschland, wobei das ein Vergleich mit Äpfeln und Birnen wird und eigentlich gar nichts miteinander zu tun hat.


Naja, Herr Kropf hatte ausdrücklich nach der "französisch-symphonischen Tradition" gefragt, da passt Guilmant schon ganz gut, oder?

Ich habe mich auf Herrn Fröhlich bezogen ;)

Voix humaine au Récit

Orlos @, Sonntag, 29. Dezember 2024, 23:56 (vor 620 Tagen) @ MCVL

Ich habe mich auf Herrn Fröhlich bezogen ;)

Ach so, 'Tschuldigung.

Voix humaine au Récit

MCVL @, Montag, 30. Dezember 2024, 00:00 (vor 620 Tagen) @ Orlos

Kein Problem.

Voix humaine au Récit

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 30. Dezember 2024, 08:13 (vor 620 Tagen) @ Orlos

Guilmant hat eindrucksvolle Stücke für Voix humaine komponiert.
Bei Vierne gibt es zwar nur wenige Stellen mit Voix humaine, diese sind aber sehr apart. Es wäre doch recht schade, hier auf andere Klänge zurückgreifen zu müssen. Es gibt allerdings Orgeln, bei denen die Hautbois so fein intoniert ist, dass sie – ohne Grundstimmen gespielt – einen ähnlichen Effekt erzeugt.
Bei Rieger-Orgeln aus den 1990er-Jahren fiel mir auf, dass die Voix humaine wenig französisch klingt, trotzdem aber ihre Funktion erfüllt – und darüberhinaus sogar für Barockmusik taugt, also ein ganz brauchbarer Kompromiss (Richtung Bärpfeife), wie ich finde. Man könnte diese Vox humana in ein anderes Werk stellen, wenn dieses schwellbar ist. Zwar gibt es Registrierungsvorschriften wie "Bourdon 16+Voix humaine+Flûte 4", aber das ließe sich mit einer Koppel lösen. Eine nicht schwellbare Voix humaine ist für französische Symphonik eher sinnlos.

Ja, das sind die Antworten, die mich interessieren, gerade weil ich die Literatur nicht so gut kenne. Es geht natürlich wieder mal um Rostock und die Dispositionsentwürfe aus dem Wettbewerb bzw. eigene Gedanken - und um den Kompromiss zwischen Platz/Kosten und der Speisekarte: Wenn im Kern-Instrument Zungen im SW stehen, welche sollten das unbedingt sein, wenn das Instrument zwar vielsprachig sein soll, die Sprachen aber mit Akzent sprechen darf (der nach bisherigem Stand und in Fortsetzung der Tradition ein deutscher sein würde). Wir haben ja auch Auxiliare anvisisert, die können natürlich etwas übernehmen - wenn eine Voix humaine oder ein verwandter Kurzbecher in einem elektrischen Nebenwerk stünde, schwellbar, dann wäre das aufgrund der Tatsache, dass man mit diesem Register im Sinne französisch-symphonischer Literatur keine Musik macht, die schnelle Bewegung und präzise Ansprache bzw. maximale Synchronisation erfordert.
Blicken wir auf die Wettbewerbsbeiträge, so sehen wir in Grenzings "fantastischer" (weil aller Voraussicht nach eine kühne Fantasie bleibende) Orgel im SW das erwähnte Fünfer-Ensemble, wenn auch deutsch benannt. Rieger reduziert auf ein Quartett ohne Voix und bekanntlich unter Verwendung des vorhandenen Materials (die man sich im Falle dieser Register auch vorstellen kann, wobei die Schalmey 4' wahrscheinlich die größte Distanz zum vertretenen Clairon 4' haben würde); eine zusätzliche Voix ließe sich evtl. aus dem Aux I gewinnen, wenn man das dortige Regal 4' oktavversetzt anhängt (Das Krummhorn 8' ist zur Zeit ein sehr guter Voix-Vertreter, läge dann aber im Positiv, was Begleitkandidat und auch nicht schwellbar wäre. Bei Klais geht die SW-Dispo definitiv in die Deutschromantik, von einer Zungenbatterie kann bei Horn (alt. Trp.) und Oboe 8' kaum mehr gesprochen werden.

Voix humaine au Récit

Friedrich @, Montag, 30. Dezember 2024, 08:31 (vor 620 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Ich habe in einem anderen Beitrag geschrieben, was ich als Nichtspieler und mit einer Neigung zur Elektronikskepsis – jedenfalls in rebus organicis – darüber denke. Im Moment kommt mir aber etwas in den Sinn, was anzumerken ich damals keine Muße hatte:

Am Rieger-Vorschlag gefällt mir überhaupt nicht, dass er den Fehler zu wiederholen scheint, das Hauptwerk im tiefsten akustischen Loch zu belassen. Ich befürchte, das wird immer unschöne Folgen haben, sei es dann wegen der nötigen forcierten Intonation, sei es, weil die anderen Werke dann drumherumspielen müssen, dass sie eigentlich viel vorteilhafter platziert sind und schöner klingen dürfen. Bestimmt haben die Riegers das Können, das HW da rauszuintonieren, aber warum ohne Not auf einen entspannten HW-Klang verzichten? Zumal so ein akustisches Loch ein klassischer Platz für ein Récit wäre, das ja etwas entrückter klingen darf.

Tut mir leid, wenn ich da ein schon leicht angesammeltes Fass aufmache, ich wollte das nur mal loswerden.

Voix humaine au Récit

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 30. Dezember 2024, 09:12 (vor 620 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Karl-Bernhardin Kropf, Montag, 30. Dezember 2024, 09:18

Ich habe in einem anderen Beitrag geschrieben, was ich als Nichtspieler und mit einer Neigung zur Elektronikskepsis – jedenfalls in rebus organicis – darüber denke. Im Moment kommt mir aber etwas in den Sinn, was anzumerken ich damals keine Muße hatte:

Am Rieger-Vorschlag gefällt mir überhaupt nicht, dass er den Fehler zu wiederholen scheint, das Hauptwerk im tiefsten akustischen Loch zu belassen. Ich befürchte, das wird immer unschöne Folgen haben, sei es dann wegen der nötigen forcierten Intonation, sei es, weil die anderen Werke dann drumherumspielen müssen, dass sie eigentlich viel vorteilhafter platziert sind und schöner klingen dürfen. Bestimmt haben die Riegers das Können, das HW da rauszuintonieren, aber warum ohne Not auf einen entspannten HW-Klang verzichten? Zumal so ein akustisches Loch ein klassischer Platz für ein Récit wäre, das ja etwas entrückter klingen darf.

Tut mir leid, wenn ich da ein schon leicht angesammeltes Fass aufmache, ich wollte das nur mal loswerden.

Dieses Fass steht mitten im Keller und wird noch viele Blicke an sich ziehen oder zur Stolperfalle werden, um im Bild zu bleiben!

Dieser Punkt bewegt mich sehr, weil ich darin ziemlich zerrissen bin. Einerseits habe ich selbst die akustischen Versuche durchgeführt, die genau dieses Loch bestätigen. Andererseits bin ich ziemlich sicher, dass das Recit von "hinten" kommen sollte - und das täte es aus dieser Position nicht. Ich fand schwellbare große Brustwerke (oft bei Schuke-Werder zu sehen) immer interessant, aber in Rostock nehme ich das im Loch stehende II. Manual z. B. zur Begleitung von Chor oder Solisten, wenn es auf der Empore um gutes Hören geht. Sicher, der Effekt verringert sich unten im Kirchenschiff - also dass die Position von HW/Man. II diejenige mit dem geringsten Raumanteil ist.
Man sollte bei Rieger in die gezeichneten Details gucken, die, wie auch bei Grenzing, sehr weit ausgearbeitet wurden. So springt das neu aufgestellte HW leicht nach vorn, das darüber stehende Positiv weiter zurück, eine komplette Stimmgangsebene, die gegenwärtig existiert, entfällt. Das Loch wäre voraussichtlich weniger tief, sozusagen. Aber wie gut diese Details noch ohne Intonationsmaßnahmen das HW aufrüsten könnten, muss relativ spekulativ bleiben, das muss - wer, wenn nicht ich - man zugeben. Ich könnte das noch mal zeichnerisch ausarbeiten, schaffe das aber erst später.

Voix humaine au Récit

perotin, Sonntag, 29. Dezember 2024, 23:40 (vor 620 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Wie steht es eigentlich um den in den Kompositionen erklärten Bedarf an der Voix humaine? Mir fällt Franck h-moll ein

... und auch der erste der "3 Chorals" in E-Dur.

Voix humaine au Récit

Friedrich @, Montag, 30. Dezember 2024, 08:16 (vor 620 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Mir fallen noch Saint-Saëns (Bénédiction nuptiale?) und Tournemire ein (»Consummatum est« und viele Stellen in L’Orgue mystique).

Musikalisch gesehen ist es vielleicht weniger die Nachbarschaft zu den vier vollbecherigen Zungestimmen, durch die die Vox Humana ins Récit expressif kommt. Stattdessen scheint mir wichtiger zu sein, dass es dort erstens in der Regel einen gedeckten 8‘ gibt, zweitens einen Tremulanten und drittens die Schwellmöglichkeit auf einer viertens entfernt platzierten Lade. Alle vier Voraussetzungen scheinen für die Zeitgenossen den Regalklang erst tolerabel gemacht zu haben. Wenn diese Voraussetzungen sich auch anderswo als im großen SW verwirklichen lassen, würde die Vox humane im SW eher nicht vermisst werden.

Seit dem Ausbau des Récit zu vollem Umfang und bis zu GO-Größe gab es in der französischen Orgel auch einfach kein kleineres Werk mehr im Hauptgehäuse. In den Schwellkasten kam, was »ausdrucksvoll« gehandhabt werden sollte, also die überblasenden Flöten, die Voix céleste, solistische Zungen und erst spät ein Tutti-Ensemble.

Anders gedacht kann ein Récit ohne Vox humana auch eher auf den gedeckten 8‘ verzichten, also doppelter Platzspareffekt. Hauptsache, beide stehen zusammen. Einen Basson-Hautbois kann man eher mit der Flûte traversière unterfüttern (den Fachausdruck »abdecken« mag ich nicht, der klingt immer so, als müsste etwas Peinliches gemildert werden) als die Vox humana, denn die Flûte würde sie im Diskant zunehmend überstrahlen.

Wenn die Vox humana mit weniger solistisch ausgelegten Flöten zusammensteht, gibt sie auch noch eine Consort-Farbe her, das fällt im großen Récit weg.

Voix humaine au Récit

Oberpfeife1882, Krefeld, Montag, 30. Dezember 2024, 08:18 (vor 620 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

An weiteren Stücken mit konkreter Forderung fallen mir noch mindestens ein:
Dubois - In paradisum
Lemmens - Prière
Lefébure-Wély - Choeur de voix humaines

Beim Dubois ist übrigens vor der Reprise die Anweisung bei gezoger Voix humaine: ajoutée Bourdon
Er nutzt also bewusst beides: Solo mit Tremulant, sowie mit Bourdon.

Es gibt KollegInnen, die als Alternative auf die Voix céleste zurückgreifen, was mangels Voix humaine verständlich ist. Wenn man besagte Stücke aber mit schöner Voix humaine im Ohr hat, vermisst man diese schmerzlich.

Ich bin stolzer "Besitzer" einer Vox humana im Schwellwerk bei folgender Situation:
Die ursprünglich geplante Batterie mit 16, 8, 4 ist verkürzt worden auf Trompette harmonique, Hautbois und Voix humaine.
16 und 4 können durch Oktavkoppeln, wenn auch im Bass mangelhaft, simuliert werden.
Der 4' wirkt dank der bis c'''' ausgebauten Manuale recht überzeugend, der fehlende linguale 16' ist spürbar (einen Bourdon 16' gibt's aber noch).
Trotzdem würde ich bei gestellter "Entweder oder"-Frage jederzeit die gewählte Lösung mit Voix humaine und Oktavkoppeln propagieren, denn die Voix humaine ist - wie oben bereits geschrieben - ein eigenes Phänomen und eine Klangfarbe, die ganz eigene Wirkungen erreichen kann. Zu meinem Glück ist mein Exemplar sehr vielseitig und reicht von frühbarockem Charme (gerade auch zusammen mit den Oktavkoppeln in 16, 8, 4) bis hin zum französischen Schmelz. Da ist dem Intonateur wirklich etwas gelungen.
Dank Stimmstecher an den Laden und einer recht guten Stimmhaltung ist die Pflege bei mir überschaubar und der Einsatz recht groß.
Trotzdem erinnere ich mich noch, dass KonzertbesucherInnen mich ganz gezielt einmal auf diesen speziellen Klang ansprachen.

Summa summarum:
Wenn es für 5 Zungen im SW nicht reicht, würde ich auf die Voix humaine nicht verzichten wollen. Wenn nur eine Zunge raus müsste, wäre es das Clairon, was ich mit 4'-Koppel auffangen würde.

Voix humaine au Récit

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 30. Dezember 2024, 08:30 (vor 620 Tagen) @ Oberpfeife1882

An weiteren Stücken mit konkreter Forderung fallen mir noch mindestens ein:
Dubois - In paradisum
Lemmens - Prière
Lefébure-Wély - Choeur de voix humaines

Beim Dubois ist übrigens vor der Reprise die Anweisung bei gezoger Voix humaine: ajoutée Bourdon
Er nutzt also bewusst beides: Solo mit Tremulant, sowie mit Bourdon.

Es gibt KollegInnen, die als Alternative auf die Voix céleste zurückgreifen, was mangels Voix humaine verständlich ist. Wenn man besagte Stücke aber mit schöner Voix humaine im Ohr hat, vermisst man diese schmerzlich.

Ich bin stolzer "Besitzer" einer Vox humana im Schwellwerk bei folgender Situation:
Die ursprünglich geplante Batterie mit 16, 8, 4 ist verkürzt worden auf Trompette harmonique, Hautbois und Voix humaine.
16 und 4 können durch Oktavkoppeln, wenn auch im Bass mangelhaft, simuliert werden.
Der 4' wirkt dank der bis c'''' ausgebauten Manuale recht überzeugend, der fehlende linguale 16' ist spürbar (einen Bourdon 16' gibt's aber noch).
Trotzdem würde ich bei gestellter "Entweder oder"-Frage jederzeit die gewählte Lösung mit Voix humaine und Oktavkoppeln propagieren, denn die Voix humaine ist - wie oben bereits geschrieben - ein eigenes Phänomen und eine Klangfarbe, die ganz eigene Wirkungen erreichen kann. Zu meinem Glück ist mein Exemplar sehr vielseitig und reicht von frühbarockem Charme (gerade auch zusammen mit den Oktavkoppeln in 16, 8, 4) bis hin zum französischen Schmelz. Da ist dem Intonateur wirklich etwas gelungen.
Dank Stimmstecher an den Laden und einer recht guten Stimmhaltung ist die Pflege bei mir überschaubar und der Einsatz recht groß.
Trotzdem erinnere ich mich noch, dass KonzertbesucherInnen mich ganz gezielt einmal auf diesen speziellen Klang ansprachen.

Summa summarum:
Wenn es für 5 Zungen im SW nicht reicht, würde ich auf die Voix humaine nicht verzichten wollen. Wenn nur eine Zunge raus müsste, wäre es das Clairon, was ich mit 4'-Koppel auffangen würde.

Vielen Dank dafür und auch an Friedrich für seinen klugen Kommentar. So weit es mich betrifft, hätte ich durchaus das Bedürfnis, mindestens eine erkennbar kurzbechrige Stimme im Instrument zu haben, weil ich auf norddeutsche Choralfantasien nicht verzichten wollen würde - wie ich immer sage, nicht "authentisch" im Klang, aber "schlüssig" darstellbar. (Es wäre schade, wenn man Nicolaus Hasses "Komm, Heilger Geist" in seiner eigenen Kirche nicht ansprechend spielen könnte).
Außerdem tendiere ich zum Farbkasten mit Mischerfordernis, also einem Registerfundus, der nicht nur zum klugen und trickreichen Bau von Farben einlädt, sondern ihn in gewisser Weise auch erfordert. Daher habe ich durchaus Sympathie für den Ansatz, stark mit dem Bestand zu arbeiten, diesen aber deutlich besser zu stellen, das Pfeifenwerk maßvoll zu bearbeiten und vor allem zuverlässig und schnell (Setzer) abrufbar zu machen. Also, das ist eine Sympathie-Erklärung für das Rieger-Konzept. Dennoch muss das Instrument für reisende Musiker:innen attraktiv und schnell erlernbar sein, und der Anspruch, dass man hier Vieles besser als anderswo in M-V spielen kann, oder überhaupt erstmals in einer Kirche (ich zähle Neubrandenburg jetzt als Saalorgel), dann wird es natürlich spannend, das alles unter einen Hut zu bringen. Wie war des grad eben mit Unviersal-Orgeln...

Voix humaine au Récit

stein @, Montag, 30. Dezember 2024, 09:18 (vor 620 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

In meinem Umkreis bespiele ich 3 Orgeln aus der französischen Transitoirezeit. Also die Übergangszeit zwischen Klassik (Barock) und Romantik.
Alle 3 Instrumente haben die VH im Recit. Callinet, Daublaine-Callinet und Cavaillé-Coll.
Die Bauart ist verschieden, der Klang unterschiedlich. Alle 3 für sich genommen wunderbar.
Über den Tremolo hat man hier noch garnicht gesprochen. Der schnelle intensive Tremulant macht diese Stimmen auch ungestimmt das ganze Jahr brauchbar. Mischung mit Grundstimmen ist schon bei mässiger Stimmung eine Wohltat. Tournemire liebte die Voix céleste + Gambe mit der VH gemischt. Das kann man hier vor Ort nachvollziehen.
Die VH mit einem langsamen Tremulant verfehlt ihre Wirkung, wird chorisch gespielt sogar unerträglich. In Lons le Saunier steht eine schöne Callinet mit einer wunderbaren VH. Der Tremulant ist ein pertevent Tremolo. Brauch also genügend Windverlust um anzuspringen. Hier muss man den Bourdon schon mitziehen, um das zu erreichen. Ist diese VH nicht gut gestimmt, ist sie weniger nützlich. Die grosse Daublaine-Callinet in Saint-Claude und die Cavaillé-Coll in Poligny haben einen unabhängigen schnellen Tremulanten. Herrlich!
Ist die VH gestimmt, lässt sie sich bei diesen Orgeln gut mit der Hautbois kombinieren, dass gibt ohne Tremulant einen frechen fast schon cromorneartigen Klang.
Es gibt in Frankreich viele Orgeln, wo es einen Tremulanten nur für die VH gibt.
Kurz gefasst, Voix humaine, schneller Tremulant und Schwellkasten gehören in Frankreich seit immer zusammen.

Voix humaine au Récit

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 30. Dezember 2024, 09:54 (vor 620 Tagen) @ stein

Merci beaucoup!

Voix humaine au Récit

Florian-L @, Samstag, 04. Januar 2025, 22:25 (vor 615 Tagen) @ stein

Die VH mit einem langsamen Tremulant verfehlt ihre Wirkung, wird chorisch gespielt sogar unerträglich.

Der Tremulant im III. Manual der Silbermann-Orgel im Freiberger Dom gehört auch zu den langsamen:

https://www.youtube.com/watch?v=uO5anP7xXEk&t=466s

Voix humaine au Récit

Orlos @, Samstag, 04. Januar 2025, 23:19 (vor 614 Tagen) @ Florian-L

Die VH mit einem langsamen Tremulant verfehlt ihre Wirkung, wird chorisch gespielt sogar unerträglich.

Der Tremulant im III. Manual der Silbermann-Orgel im Freiberger Dom gehört auch zu den langsamen:

https://www.youtube.com/watch?v=uO5anP7xXEk&t=466s

Es geht hier um französische Spätromantik. Da ist Silbermann nicht direkt die Referenz. Wobei die Trompeten dort schon schön tönen.

Voix humaine au Récit

Florian-L @, Sonntag, 05. Januar 2025, 09:53 (vor 614 Tagen) @ Orlos

Es geht hier um französische Spätromantik. Da ist Silbermann nicht direkt die Referenz.

Ja, aber man bekommt dennoch eine Vorstellung davon, was @stein zu bedenken gegeben hat.

Voix humaine au Récit

stein @, Sonntag, 05. Januar 2025, 16:32 (vor 614 Tagen) @ Florian-L

Die VH mit einem langsamen Tremulant verfehlt ihre Wirkung, wird chorisch gespielt sogar unerträglich.

Der Tremulant im III. Manual der Silbermann-Orgel im Freiberger Dom gehört auch zu den langsamen:

https://www.youtube.com/watch?v=uO5anP7xXEk&t=466s

Sehr schön, da fällt mir auch die Gabler VH ein. Muss man vielleicht auf die französischen VHs beschränken. Hab das alles schon ausprobiert. Das wirkte verstimmt. In Freiberg hebt der Klang regelrecht ab. Sind vielleicht auch zarter.

Voix humaine au Récit

stein @, Sonntag, 05. Januar 2025, 16:41 (vor 614 Tagen) @ stein

Olivier Latry hat seit einiger Zeit in seiner Hausorgel ein Rankett 8' aus einer Deutschen 70ger Jahre Orgel. Das Register nimmt kaum Platz weg und mit dem schnellen Tremolo klingt sie wie eine schöne Vh.

Voix humaine au Récit

MichaelS ⌂, Dülmen, Montag, 30. Dezember 2024, 10:58 (vor 620 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

In der französischen Tradition seit dem Spätbarock kommt die Voix humaine recht regelmäßig vor. In den Kompositionen wie in den Orgeln. Interessant finde ich nach wie vor die ursprüngliche Disposition des Récit in Ste. Clothilde auf 8´-Basis mit den drei Zungen Trompette, Hautbois, Voix humaine.
Interessant finde ich in der Literatur auch die Konstellationen, in denen die Voix Humaine zum Einsatz kommt. Z. B. im Mittelsatz der ersten Guilmant in quasi Dialog mit der Clarinette des Positiv und der Begleitung, was fast schon eine viermanualige Anlage notwendig macht.

Moderne Orgeln französischer Prägung vergessen das schöne Register oft, meist fällt es ziemlich am Anfang der Planungsphase dem finanziellen Rotstift zum Opfer. Mir fällt gerade ein Beispiel der Mönch-Orgel in Ladenburg ein, da steht die Vox hum im Positiv (neben einer weiteren Zunge) aber mit einem eigenen Schweller versehen. Ganz interessant, aber erste Guilmant funktioniert da nicht ohne Weiteres.
In meiner aktuellen Dienstorgel kann ich den Voix-Humaine-Sound etwas imitieren mit der Oboe zusammen mit der Rohrflöte 4´ und dem ziemliche schnellen Tremulant.

Die drei Dispositionen für Rostock gefallen mir indes alle drei nicht wirklich.
- Die Disposition Weimbs/Grenzing ist sehr verliebt in diverse Spielereien, bringt ein paar Dispositionsfehler mit sich und vereint dann durch verschiedene Aux- und ET-Laden nur auf dem Papier zusammengehörige Register in einem Werk, die dann u. U. doch weit auseinander stehen. Ähnlich wie bei Klais ein im Kern klarer Aufbau, allerdings mit unnötigen Höhenstaffelungen und dem Kronwerk, das mir nach Problemen ruft.
- Die Disposition Klais ist etwas sehr einseitig in Richtung der deutschen Neu-Romantik, lässt dabei ebenso völlig das klassizistische Gehäuse außer Acht wie heute gerne gehörte Musik aus der englischen und der französischen Tradition. Schön bei Klais finde ich die klare Anordnung der Windladen und das SW ganz unten über dem Spieltisch.
- Die Disposition Rieger orientiert sich sehr am Klangbestand Sauer 1938 und wiederholt die in dieser Zeit oft gemachten Fehler. Nicht Fisch nicht Fleisch, nicht romantisch, nicht barock, das ganz frühe Stadium der Universalorgel. Da ist das Fehlen der V. H. im SW m. E. das kleinere Problem.

Allen drei Entwürfen ist gemein, dass die bei der Hauptorgel gemachten "Fehler" (ja, es ist subjektives Empfinden) direkt wiederholt werden. Es findet kein stilistischer Kontrast statt, so würde man doch vor Allem im Entwurf Klais doch eine barock ausgerichtete Orgel erwarten als Gegenüber.

Was ich jetzt für mich völlig außer Acht gelassen habe ist die Einordnung des Instruments in eine Orgellandschaft. An deutsch-Romantischen Orgeln mangelt es an der Ostsee bekanntlich nicht, auch größere und bedeutende Instrumente sind vorhanden. Barocke Instrumente sind auch vorhanden, ebenso deren Nachbauten. Und natürlich sind Orgeln aus den 30er- bis 70er Jahren vorhanden. Die "Moderne Großorgel" dürfte eher weniger vertreten sein.

--
"Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht." (Albert Schweitzer)
www.bulderone.de

Voix humaine au Récit

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Montag, 30. Dezember 2024, 13:01 (vor 620 Tagen) @ MichaelS

Auch hier vielen Dank für die Informationen und Standpunkte zur VH.

Niun habe ich ja selbst hier Rostock mit eingerührt, das fürht zu einer inhaltlichen Mischung, die eigentlich einen eigenen Faden verdienen würde. Naja, vielleicht dauert es ja auch nicht so lang.

Die drei Dispositionen für Rostock gefallen mir indes alle drei nicht wirklich.
- Die Disposition Weimbs/Grenzing ist sehr verliebt in diverse Spielereien, bringt ein paar Dispositionsfehler mit sich und vereint dann durch verschiedene Aux- und ET-Laden nur auf dem Papier zusammengehörige Register in einem Werk, die dann u. U. doch weit auseinander stehen. Ähnlich wie bei Klais ein im Kern klarer Aufbau, allerdings mit unnötigen Höhenstaffelungen und dem Kronwerk, das mir nach Problemen ruft.

Gegenwärtig (!) lassen sich voneinander räumlich sehr entfernte Register sehr gut kombinieren - der Grund ist aber, dass sie keine ausgeprägte Ansprache besitzen. Gäbe es die, würden die Abstände sicherlich hörbar werden. Daher ist diese Problematik auch intonationsabhängig und könnte entsprechend mehr oder weniger auftreten.

- Die Disposition Klais ist etwas sehr einseitig in Richtung der deutschen Neu-Romantik, lässt dabei ebenso völlig das klassizistische Gehäuse außer Acht wie heute gerne gehörte Musik aus der englischen und der französischen Tradition. Schön bei Klais finde ich die klare Anordnung der Windladen und das SW ganz unten über dem Spieltisch.

Die Dispo wurde ja im begleitenden Text durchaus unter Vorbehalt gestellt, und doch merkt man einen der aktuellen Schwerpunkte der Arbeit von Andreas Saage, die Abfassung steht ja auch in zeitlicher Nähe zur Würzburg-"Fertig"stellung. Demnach findet sich viel von der behaupteten oder tatsächliochen Nähe eher süpddeutsch-geprägten Hochbarocks zur deutschen Romantik. Das könnte so ähnlich auch von Bossert kommen. Und daher teile ich auch die Skepsis in Bezug auf den Standort des Instruments - das wäre schon ein wenig Kulturimport, wie es ein deutlich französisches Isntrument ebenso wäre.

- Die Disposition Rieger orientiert sich sehr am Klangbestand Sauer 1938 und wiederholt die in dieser Zeit oft gemachten Fehler. Nicht Fisch nicht Fleisch, nicht romantisch, nicht barock, das ganz frühe Stadium der Universalorgel. Da ist das Fehlen der V. H. im SW m. E. das kleinere Problem.

Letzteres stimmt sicher, zumal ja die anderen Zungen auch nicht französisch wären (akllerdings nicht schleecht klingen, meiner Ansicht nach). "Nicht Fisch, nicht Fleisch" - nach den Feiertagen und relativ viel Konsum von Ersatzprodukten auf Soja- oder Erbsenbasis zumindest für Fleisch würde ich sagen: Das ist mir doch etwas zu kategorisch. Die Universalität der Rostocker Orgel ist ein sehr hohes Gut. Das heißt ja nicht, dass alles schick wäre, sonst müssten wir ja nichts machen. Es heißt aber, dass ich eben Reger sehr gut darstellen könnte, Weckmann und Buxtehude vor allem Ungleichstufigkeit vermissen lassen, nicht aber spezifische Register, Bach geht quasi wunderbar, gerne auch Trio-Stücke und -Sonaten - ja, was fehlt denn dann eigentlich? Es kommt insgesamt etwas zu wenig raus, und der Mix aus Ernst Karl Rößlers Ideologie und der Wiederverwendung barocker Laden sorgt für einen schwachen und platten Diskant. Und genau das ist auch der Hauptmangel für französische Symphonik - weniger die Farben, als dass Mittel- und Basslage im Verhältnis zur Melodie immer etwas zu stark sind.


Allen drei Entwürfen ist gemein, dass die bei der Hauptorgel gemachten "Fehler" (ja, es ist subjektives Empfinden) direkt wiederholt werden. Es findet kein stilistischer Kontrast statt, so würde man doch vor Allem im Entwurf Klais doch eine barock ausgerichtete Orgel erwarten als Gegenüber.

Das verstehe ich jetzt nicht wirklich und würde mich über eine Erläuterung freuen! Kontrast zwischen unterschiedlichen Richtungen innerhalb des Instruments? Kontrast zur optischen Erscheinung?


Was ich jetzt für mich völlig außer Acht gelassen habe ist die Einordnung des Instruments in eine Orgellandschaft. An deutsch-Romantischen Orgeln mangelt es an der Ostsee bekanntlich nicht, auch größere und bedeutende Instrumente sind vorhanden. Barocke Instrumente sind auch vorhanden, ebenso deren Nachbauten. Und natürlich sind Orgeln aus den 30er- bis 70er Jahren vorhanden. Die "Moderne Großorgel" dürfte eher weniger vertreten sein.

Genau. Die 30er-70er-Palette ist allerdings nicht so breit, dennoch vorhanden. Die gelungene Sauer von 1934 in Güstrow Pfarrkirche, die Schuke in Rostock-Uni von 1965 und die im Doberaner Münster (1980) fallen mir da zunächst ein.
Aber gim Vergleich dazu, wie viele sehr große Kirchen es hier gibt, fehlen moderne große Instrumente fast völlig. Da ist Güstrow noch eine Ausnahme, Doberan ist nicht wirklich groß, und das war es dann auch schon, wenn ich nichts übersehen habe. Die großen romantischen Orgeln wie Schwerin Dom, Demmin, Stralsund Nikolai haben natürlich wunderbare Register, sind aber bei vielen Stücken schlecht zu manövrieren, oder es gibt Probleme mit Klaviaturumfängen etc.

Voix humaine au Récit

domorgelfan, Dienstag, 31. Dezember 2024, 16:06 (vor 619 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

In der Basilika St. Johann Saarbrücken gibt eine schwellbare Voix humaine JP II,
Sozusagen der Stimme Karol Wojtilas nachempfunden.


https://www.leonardy.org/index.php/papst-register

[image]

https://www.musikfestspielesaar.de/orgelwettbewerb

Voix humaine au Récit

MichaelS ⌂, Dülmen, Mittwoch, 01. Januar 2025, 11:24 (vor 618 Tagen) @ domorgelfan

In der Basilika St. Johann Saarbrücken gibt eine schwellbare Voix humaine JP II,
Sozusagen der Stimme Karol Wojtilas nachempfunden.

Also automatisch mit Tremulant und immer einen viertel Ton daneben?
*duckundweg*

--
"Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht." (Albert Schweitzer)
www.bulderone.de

Voix humaine au Récit

Karl-Bernhardin Kropf @, Rostock, Mittwoch, 01. Januar 2025, 12:07 (vor 618 Tagen) @ MichaelS

In der Basilika St. Johann Saarbrücken gibt eine schwellbare Voix humaine JP II,
Sozusagen der Stimme Karol Wojtilas nachempfunden.


Also automatisch mit Tremulant und immer einen viertel Ton daneben?
*duckundweg*

Mich erreichten auch noch zwei PN zu dem Thema, so dass ich insgesamt mich bedanken möchte für informative Beiträge!

(Karol Wojtilas Gesang ist mir übrigens nicht unangenehm in Erinnerung. Eine Mitwirkung in einem Vokalensemble oder bei einem Liederabend ist ja nicht überliefert)

Voix humaine au Récit

Heiko @, Mittwoch, 08. Januar 2025, 22:56 (vor 610 Tagen) @ Karl-Bernhardin Kropf

Auch wenn der Thread schon eine gute Woche alt ist, hier noch meine Erfahrung: Ich konnte bei uns drei Zungen im SW disponieren, die Entscheidung fiel in Anlehnung an die französische Romantik für eine recht lyrische Trompete 8, eine zarte mischfähige Oboe 8 und eben die Vox humana 8, was m.E. dort bei 3 Zungen Standard ist, bei 4 Zungen tritt Clairon 4 oder seltener ein 16 Fuß hinzu. Ich würde es immer wieder so disponieren, gerade auch die Vox humana ist letztlich vielseitig einsetzbar, auch mal als zartes Soloregister für barocke Musik, zur Einfärbung der Oboe, sogar die Simulation einer Aufregistrierung der Trompete 8 mit Clairon 4 gelingt mittels Fugara 4 und Vox humana 8, wenn gut gestimmt ist.
Daher eine weitere Stimme für sie!
Den "Krückendschungel" haben wir mit farbigem Lack zur Markierung der Krücken entschärft. Mag auf den ersten Blick lächerlich wirken, hat sich aber praktisch bewährt.

Grüße

Voix humaine au Récit

Orlos @, Mittwoch, 08. Januar 2025, 23:24 (vor 610 Tagen) @ Heiko

Bei aller Liebe zur Vox humana: An vielen Orgeln erlebe ich dieses Register dermaßen verstimmt, dass es auch mit Tremulant nicht einsetzbar ist. Diese Pfeifen scheinen eine sehr viel schlechtere Stimmhaltung als andere Zungenregister zu haben. Das wäre für mich schon ein Kriterium, wenn es darum geht, ob man anstelle der Vox humana etwa einen Dulcian mit längeren Bechern disponiert.
Bei manchen Orgeln steht die Vox humana im Prospekt des Brustwerkes, da kommt man ganz schnell dran zum Nachstimmen, wenn es Falttüren statt Jalousien gibt, z. B. hier oder hier, wobei ich nicht weiß, wie gut man da an die Pfeifen kommt.

Voix humaine au Récit

friedemannw @, Gießen, Donnerstag, 09. Januar 2025, 13:59 (vor 610 Tagen) @ Heiko

Bitte ein Foto vom Krücken-Dschungel :)

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