Besucht: Braunschweig, St. Johannis
Mein Weihnachtsurlaub hat mich nach Braunschweig in unmittelbare Nähe der Kirche St. Johannis geführt. Gestern Abend hatte ich Gelegenheit, mir die Furtwängler-&-Hammer-Orgel dort ausführlich anzusehen.
Ich erinnere mich, dass sie 1984 in einem meiner ersten AO-Hefte beschrieben wurde. Die Gemeinde entschied sich 1905 für eine schlanke dreimanualige Disposition; zur Alternative stand eine üppigere zweimanualige, nicht weit weg von der Orgel der Berliner Auenkirche, die acht Jahre älter ist. Das Braunschweiger Gehäuse ist in ähnlicher detailreich ausgearbeiteter Neugotik gehalten wie in Berlin.
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Die Fotos sind bei Nacht aufgenommen, einen Gesamteindruck bekommt man bei Orgbase.
Im Gehäuseturm links steht das 1. Manual, rechts das 2. Manual, hinter den zentralen Flachfeldern der Schwellkasten für das 3. Manual. Das Pedal verteilt sich auf den Raum dahinter. Die Orgel wurde 2005 restauriert, noch weiß ich nicht, von wem; 2013 wurde der Spieltisch umgedreht, man spielt jetzt vorwärts mit Blick in den Kirchenraum. Die ausführliche und korrekte Disposition steht hier. Die Zungen sind alle neu: kräftige HW-Trompete, aufschlagende Clarinette in II, relativ schlanke, aber deutliche Oboe in III und eine feste, klare Posaune, die auf die Trompete hin ausgelegt ist.
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Die Umfänge waren C–f‘‘‘/C–d‘ und wurden 2013 bis c‘‘‘‘ und f‘ erweitert. Das Pedal repetiert ab es‘ in die untere Oktave; die Erweiterungstöne in allen Manualen klingen etwas unruhig. Die Pneumatik läuft schnell und einwandfrei, die leichte Verzögerung habe ich nur indirekt wahrgenommen, weil ich beim Spielen unwillkürlich langsamer wurde. Die Tasten habe ich als ziemlich stramm empfunden.
Im HW sind die ersten vier Töne des Principal 16‘ aus 8‘ und 5 1/3‘ kombiniert, im Pedal die untere Oktave des Violonbass, in beiden Fällen nicht sehr überzeugend, jedenfalls am Spieltisch. Feste Kombinationen gibt es nicht mehr, dafür einen modernen Setzer mit Sequenzertasten und -tritten. Die Register werden per Taster mit LEDs geschaltet. Die Walze (von 2005) hatte sich pünktlich vor Heiligabend verabschiedet. Sonst funktionierte fast alles.
Der Sound ist insgesamt toll, romantisch-kräftig und keineswegs weich. Die Prinzipale klingen recht dominant, das HW-Plenum (ohne Terzen) braucht eine volle Kirche. Der 16‘ beginnt sehr wuchtig, macht dann aber nach oben hin Platz für den 8‘, der guten Strich mitbringt. Die Oktave ist ähnlich kraftvoll und etwas heller, die Superoktave ebenfalls. Luftig und artikuliert klingt die Doppelflöte, die offen gebaut ist; dunkel und rund der Bordun; kräftig sägend die Gambe, zusammen mit dem Prinzipal 8‘ eine sehr dominante Farbe.
Das zweite Manual ist mit Bordun und Minorprinzipal ebenfalls kräftig aufgestellt, das Gemshorn klingt wie eine milde Oktave ohne Konus. Salicional ist keineswegs weich, Konzertflöte in der unteren Oktave gedeckt, dann weich und ebenmäßig. Der Cornett ist weitgehend prinzipalisch, erst ganz oben ergibt sich der eher runde Terzmischklang. Die Clarinette und der Bordun 16‘ vergrößern das HW-Plenum mächtig, wenn sie per Suboktavkoppel dazugenommen werden.
Entgegen der Nomenklatur sind Flötenprinzipal und Fugara im 3. Manual sehr ähnlich, die Harmonia aetherea passt genau dazu. Die Viola klingt mild, zum Schärfen braucht sie die Äoline, die hier gar nicht mal so zart klingt. Die Vox coelestis geht bis hinunter zum C. Die Quintade klingt nicht zu mager, aber auch nicht übermäßig interessant; da habe ich einen Tremulanten vermisst. Wenn einem aber die Oboe zu laut ist, gibt die Quintade den Grundstimmen eine schöne Festigkeit.
Das Pedal steht stabil auf dem ordentlichen Prinzipalbass, der Oktavbass ist deutlicher, das Cello sehr schön dazukomponiert, nicht zu näselnd. Den Violon (siehe oben) fand ich nicht so attraktiv, die gedeckten dafür schön rund und prompt.
Das Grundstimmentutti ist enorm mächtig, Wind ist ausreichend da. Alle 16 und 8 plus HW-Oktave können die Pedalposaune ausbalancieren. Im Kirchenraum klingt die Orgel runder und einheitlicher als oben, sie kann sogar französischen Schmelz entwickeln.
Man könnte da sicher schöne Konzerte spielen. Für Aufnahmen wären Straßenbahn und reichlicher Autoverkehr unmittelbar an Ost- und Nordseite der Kirche ein Poblem. Den Spieltisch empfinde ich als wenig passend, aber der originale war wohl schon vor 1984 verloren. Heute sind alle 16‘ und 8‘ links, alles übrige rechts angeordnet, das finde ich für einen eigentlich modernen Spieltisch unpraktisch – dann lieber alles links.
Die Orgel wurde lange vom früheren Organisten Juri Kriatschko gepflegt, er hat auch den »Banda«-Hebel sehr sauber übers Pedal montiert (große Trommel und Beckenschlag). Jetzt gab es ein paar kleine Fälle für die Wartung, aber insgesamt wirkt die Orgel stabil. Gegenüber der jüngst restaurierten Auenorgel hat sie einen etwas weniger geschliffenen Charakter, aber davon hat sie eine Menge. In den Wintermonaten ist die Kirche geschlossen und jetzt schon recht kalt, aber wenn man vorbeikommt und freundlich anfragt, kann man eine lohnende Furtwängler & Hammer kennenlernen.
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- Besucht: Braunschweig, St. Johannis -
Friedrich,
29.12.2024, 15:34
- Besucht: Braunschweig, St. Johannis - Friedrich, 31.12.2024, 10:12