Kleines Weihnachtspräsent
Hallo zusammen,
nachdem ich in den letzten Jahren Rätsel in der Weihnachtszeit eingestellt habe, soll es dieses Mal ein Portrait einer schon lange untergegangenen, aber technisch hochinteressant angelegten Orgel werden.
1909 errichtete die Firma Behmann aus Schwarzach (Vorarlberg) ein prächtiges neues Orgelwerk für die Wallfahrtskirche Rankweil, die konsequent nach dem Transmissionsprinzip (nicht zu verwechseln mit Multiplexorgeln) ausgeführt war. Über das Pro und Contra, den Sinn oder Unsinn dieser Orgelanlage kann man sicher lange diskutieren, jedenfalls war man an Ort und Stelle nach anfänglicher Begeisterung etwa 30 Jahre nach Fertigstellung damit unzufrieden, so daß die Orgel durch die Firma Mayer aus Feldkirch-Altenstadt tiefgreifend umgebaut wurde.
Wer näheres über die Entwicklung nach 1909 erfahren möchte, dem empfehle ich einen Blick in den Band III von Hans Nadlers "Orgelbau in Vorarlberg und Liechtenstein". Im Band IV dieses Monumentalwerkes ist auch ein Foto des Spieltischs von 1909 abgedruckt. Nun erst einmal zur Beschreibung der Orgel:
Da man ja im Bereich der Orgelforschung gerne nach Vorbildern für bestimmte Eigenarten und Konzepte sucht, habe ich mich hinsichtlich der Rankweiler Orgel ebenfalls auf die Suche gemacht, aber im süddeutschen Raum kein konkretes Vorbild für dieses Instrument und sein konsequent durchgeführtes Transmissionsprinzip gefunden. Allenfalls erinnert die elektrische Weigle-Orgel für die Weltausstellung Wien 1873 an das Rankweiler Konzept, auch an dieser Orgeln waren sämtliche Manualregister beliebig auf dem I. und II. Manual spielbar; die Weigle-Orgel besaß aber im Gegensatz zur Rankweiler Orgel Kastenladen mit Einzeltonsteuerung durch Elektromagnete, wobei die Magnete eines Registers durch einen Stromkreis verbunden waren, der durch die Einschaltung eines Registers geschlossen wurde und damit eine Ansteuerung über die Tontraktur ermöglichte.
Behmann wählte für sein Konzept die Kegellade (ausdrücklich erwähnt sind die einschlagenden Kegel), mit welcher sich sein Projekt relativ leicht realisieren ließ. Rein pneumatische Windladenbauarten wie die Taschenlade, Weigles Membranlade mit Membrandeckeln, Walckers Klappenladen oder Koulens Lade mit "selbststeigenden Haubenmembranen" waren für die Ausführung von Transmissionen denkbar ungeeignet.
Lediglich Taschenladen sind mittels Doppelkanzellen transmissionsfähig zu bekommen, mir sind noch zwei solche Beispiele an Orgeln von Späth (Sigmaringen Gruftkirche 1911 und Pfahlheim 1917) bekannt, die allerdings sehr aufwendig mit Rückschlagklappen ausgeführt sind.
Dies mag auch der Grund sein, daß Transmissionen im süddeutschen Raum in größerem Stil nur von Orgelbauern angewendet wurden, die die pneumatische Kegellade bauten, wie etwa Goll oder Link, oder, wenn es zum Bau von Transmissionen kam, die entsprechenden Windladen als Kegelladen ausgeführt, die nicht mit Transmissionen versehenen Laden aber rein pneumatisch ausgeführt wurden (bei Walcker - was aber zu einer ungleichen Ansprache zwischen den unterschiedlichen Windladen führte).
Für die Orgelbauer und orgelbautechnisch Interessierten möchte ich versuchen, das Funktionsprinzip der Behmann-Transmissionseinrichtung von Rankweil erklären.
Für die beiden Manuale und das Pedal waren als erste Station ("I. Windsteuerungen") in der Orgel einfache Relais mit aufschlagenden Scheibenventilen vorhanden, welche durch Hubmembranen betätig wurden. Die Manualrelais waren übereinander angeordnet, das Pedalrelais separat. Ihre Ausstromöffnungen führten in einen unter der Transmissionslade liegenden Konduktenblock, in welchem der Spielwind, je nachdem ob das entsprechende Register nur vom I. und II. Manual oder von beiden Manualen und dem Pedal gespielt werden konnte, in zwei bzw. drei Kanäle verteilt wurden. Zu einer Registerkanzelle, auf der ein Register stand, welches von beiden Manualen und dem Pedal gespielt werden konnte, mündeten aus dem Konduktenblock also drei Bohrungen, die zu Hubmembranen führten. Diese Hubmembranen betätigten einschlagende Kegel in der zweiten Relaisstaion ("II. Windsteuerung"). Diese Windsteuerungen waren unter den eigentlichen Registerkanzellen montiert und umfassten für Register, die von beiden Manualen und Pedal gespielt werden konnten, drei kleine Kanzellen und für nur in den Manualen spielbaren, zwei solcher Kanzellen. Diese Kanzellen der zweiten Windsteuerungen waren parallel zur eigentlichen Registerkanzelle angeordnet und erhielten in Längsrichtung für jeden Ton einen Kegel, in der Querrichtung waren dann entsprechend drei oder zwei Kegel pro Registerkanzelle angeordnet. Von diesen drei oder zwei Kegelapparaten führten Ausstromöffnungen in eine gemeinsame, über den Kegelapparaten liegende kleine Windkammer. Um Wechselwirkungen zu vermeiden, waren an den von den Kegeln kommenden Ausströmöffnungen an der Stelle, wo sie in die Windkammer mündeten, Rückschlagklappen angebracht. Von den Windkammern führte eine Bohrung nach oben, auf der die Hubmembrane für das jeweilige Tonventil der eigentlichen Registerkanzelle saß.
Die eigentlichen Registerkanzellen waren bei unter Wind stehender Orgel ständig mit Wind gefüllt, besaßen also keine eigentlichen Registereinschaltventile. Die Registersteuerung erfolgte durch das Unterwindsetzen der zwei bzw. drei Kanzellen der zweiten Windsteuerungen, die Kegel beispielsweise des I. Manuals liefen für alle Register also ständig mit, konnten aber die Hubmembrane für das Tonventil der Registerkanzelle nur heben, wenn die Kanzelle für das I. Manual in der zweiten Windsteuerung eingeschaltet war, also unter Wind stand.
Ich hoffe, es hat den einen oder anderen interessiert und wünsche besinnliche, gesunde und gesegnete Weihnachten.
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