MDR / Trauergottesdienst für Lothar König
https://www.youtube.com/watch?v=J4Y2_Z_btW8
Ich bin mir durchaus darüber im Klaren, daß hier im Forum nicht alle mit Lothar Königs politischem Wirken sympathisiert haben werden und vielleicht auch nicht alle Mitwirkenden an der Trauerfeier sympathisch finden mögen.
Ich finde es dennoch bemerkenswert, bei aller Kritik an zeitgenössischer evangelischer Gottesdienstpraxis, die auch hier immer wieder geäußert wird, daß sich diese Trauerfeier sehr wohltuend von all dem abhebt, was hier oft kritisiert wurde.
Nicht aufdringlicher und auch in ihrer Dauer nicht dominanter, auch nicht perfekter aber selbstbewußter Einsatz der Orgel, der an entscheidenden Stellen musikalische Ausrufezeichen setzt. Bruhns Großes in e-Moll (wenn auch nicht komplett) als Vorspiel, "alte Lieder", überhaupt so gar kein verstellter Krampf.
Und auch wer mit "Feine Sahne Fischfilet" politische Probleme haben mag, kann anerkennen, daß deren Musik kein Pop von der Stange ist, sondern authentischer künstlerischer Ausdruck.
Was Jan Gorkow erzählt, mag nicht immer schön klingen, aber es ist keine glattgebügelte Beseppelei.
Danach eine Predigt, die Zugewandtheit nicht vorspielen muss, sondern von Anfang bis Ende glaubwürdig bleibt und volle Bodenhaftung behält, im Leben und in der Bibel.
Ausgerechnet bei einem Trauergottesdienst für einen rundheraus "Politischen", mit vielen Menschen unter 40, mit vielen aus dem politischen Betrieb, bei einer Trauerfeier für einen, dem viele den Pfarrer dank bürgerlicher Klischeevorstellungen nie so recht abkaufen wollten, zeigt eine evangelische Stadtgemeinde ohne jedes überspannte Gedöns, wie es auch gehen kann.
Selbst die imperfekte Wiedergabe von Rio Reisers "Land in Sicht" passt besser in einen Gottesdienst als die meisten absichtsvoll für "zeitgemäße" Gottesdienste ersonnenen Produkte des Sakropop.
Und am Schluss "Die güldne Sonne".
Wie wundervoll.
Mir hat mal einer von der Berufsjugendlichen-Fraktion erzählt, man könne das ja nicht auf einer Trauerfeier singen lassen und für Paul Gerhardt bräuchte man ja ein Germanistik-Studium. Ich hab's natürlich trotzdem singen lassen.
Und wie schön, daß sich auch die Trauergemeinde in Jena dafür entschieden hat.
Ein gutes Beispiel dafür, daß es auch heute noch anders geht und daß auch Aktuelles nicht automatisch unseriös und unglaubwürdig sein muss. Und das an vielleicht unerwarteter Stelle.
Das wollte ich dem Forum nicht vorenthalten.
gesamter Thread: